Wissenschaft
Schweizer Forschende entdecken neue Froscharten auf Borneo
Forschende aus Bern entdecken acht bisher unbekannte Arten von «Wächterfröschen» und weisen auf dringende Naturschutzanliegen hin

Forschende aus Bern haben das Wissen über die Biodiversität der Amphibien in Südostasien grundlegend neu geschrieben. In einer aufsehenerregenden Entdeckung, die zeigt, wie viel von unserer natürlichen Welt noch verborgen ist, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Schweizer Hauptstadt zusammen mit einem internationalen Team auf der Insel Borneo sage und schreibe acht neue Arten von «Wächterfröschen» identifiziert. Damit steigt die bekannte Zahl dieser einzigartigen Amphibien von gerade einmal zwei auf zehn, ein enormer Zuwachs, der die entscheidende Bedeutung der von der Schweiz geleiteten biologischen Forschung unterstreicht.
Jahrzehntelang ging die Wissenschaft davon aus, dass nur der Glatte Wächterfrosch und der rauhäutige Wächterfrosch auf dem Waldboden des Regenwalds unterwegs waren. Diese Annahme ist nun widerlegt. Das Team des Naturhistorischen Museums Bern nutzte fortschrittliche Analysemethoden und wies nach, dass sich hinter den vermeintlich zwei Arten in Wirklichkeit ein komplexes Netz der Biodiversität verbarg. Das ist nicht bloss eine kleine Aktualisierung eines Lehrbuchs, sondern ein grosser Fortschritt in unserem Verständnis tropischer Ökosysteme, ermöglicht durch Schweizer Präzision und wissenschaftliche Sorgfalt.
Das Phänomen der Wächterfrösche: Die Regeln der Natur neu schreiben
Diese Amphibien sind keine gewöhnlichen Frösche: Der «Wächterfrosch» verdankt seinen Namen der bemerkenswerten Abweichung von den üblichen biologischen Rollen. Während die meisten Frösche ihren Laich verlassen, zeigen die Männchen dieser Gattung eine ausgeprägte elterliche Fürsorge, die im Tierreich selten ist. Sie bewachen die an Land abgelegten Eier und schützen sie vor Fressfeinden und dem Austrocknen. Sobald die Eier geschlüpft sind, übernehmen die Männchen buchstäblich die Last und tragen die Kaulquappen auf dem Rücken sicher ins Wasser.
Dieses ausgeklügelte Fortpflanzungsverhalten hebt sie in der Evolution hervor. Die Entdeckung von acht neuen Ausprägungen dieses Verhaltens legt nahe, dass diese evolutionäre Strategie viel erfolgreicher und facettenreicher ist als bisher angenommen. Zugleich bindet dieses spezialisierte Verhalten die Frösche eng an bestimmte Mikrohabitate. Deshalb ist es entscheidend, die einzelnen Arten zu identifizieren, um ihre Bedürfnisse für das Überleben zu verstehen.
Genetische Entschlüsselung enthüllt verborgene Vielfalt
Die Forschung bleibt nicht an der Oberfläche stehen, und das galt auch für das Team aus Bern. Durch eine gründliche Analyse der Gene, der Rufe und der Körpermerkmale machten die Forschenden eine «verborgene Vielfalt» sichtbar, die frühere Fachleute getäuscht hatte. Der Glatte Wächterfrosch (Limnonectes palavanensis), von dem man einst annahm, er sei eine einzige Art, entpuppte sich als Komplex aus sieben völlig eigenständigen Arten. Ebenso zeigte sich, dass die rauhäutige Form (Limnonectes finchi) aus zwei verschiedenen Arten besteht.
Die neu benannten Frösche tragen Namen, die ihre Herkunft würdigen, etwa Limnonectes kinabaluensis, benannt nach dem imposanten Mount Kinabalu, und Limnonectes sarawakensis, benannt nach dem malaysischen Bundesstaat Sarawak. Diese sorgfältige genetische Neubewertung früherer Klassifikationen zeigt, wie moderne Schweizer Wissenschaft frühere Erkenntnisse korrigieren und die wahre Komplexität des Lebens auf der Erde sichtbar machen kann.
Entdeckung trifft auf akute Gefahr
Tragischerweise wurden diese Frösche gerade in dem Moment entdeckt, in dem sie am Rande des Aussterbens stehen. Das Naturhistorische Museum Bern warnte eindringlich: Viele dieser neu benannten Arten gelten bereits als gefährdet. Da sie in äusserst begrenzten Gebieten oder in bestimmten Höhenlagen leben, können sie der doppelten Bedrohung durch Abholzung und Klimawandel kaum etwas entgegensetzen.
Uns läuft die Zeit davon. Die Abgeschiedenheit, die diesen einzigartigen Arten ihre Entwicklung ermöglichte, bedroht nun ihre Existenz. Da ihre Lebensräume durch menschliche Eingriffe zerschnitten und durch steigende Temperaturen verändert werden, verlieren diese «Wächter» genau das Land, das sie schützen. Die Arbeit der Forschenden aus Bern ist nicht bloss akademisch, sondern eine verzweifelte Bestandsaufnahme des Lebens, bevor es verschwindet. Diese Entdeckung ist ein eindringlicher Aufruf zu sofortigen Schutzmassnahmen und zeigt, dass wir nicht schützen können, wovon wir gar nicht wissen, dass es existiert.