Wirtschaft
Schweizer Parlament bringt Reform des Sonntagsverkaufs voran
Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier haben für eine Lockerung der Einschränkungen beim Sonntagsverkauf gestimmt. Damit zeichnet sich eine bedeutende Änderung der traditionellen Ladenöffnungszeiten in der Schweiz ab.

Die Schweiz steht am Beginn einer Revolution im Detailhandel. In einem wegweisenden Schritt, der jahrzehntelange Traditionen infrage stellt, hat die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerats mit 9 zu 2 Stimmen beschlossen, die Zahl der erlaubten Sonntagsverkäufe zu verdreifachen. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine Anpassung des Arbeitsgesetzes, sondern um eine grundlegende Veränderung des Schweizer Lebensrhythmus. Der Vorschlag, die zulässigen Sonntagsöffnungen von bescheidenen vier auf jährlich zwölf zu erhöhen, zeigt, dass das Parlament endlich die Realität des 21. Jahrhunderts erkennt.
Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier argumentieren, die Gesetzesänderung sei eine notwendige Reaktion auf die «neuen Bedürfnisse der Gesellschaft» und gebe dem Detailhandel die dringend benötigte Flexibilität, um zu bestehen. Die Medienmitteilung der Kommission liess keinen Zweifel offen: Mit der Änderung soll die Wettbewerbsfähigkeit des lokalen Detailhandels in einer zunehmend von sofortiger Verfügbarkeit geprägten Welt gestärkt werden. Während englischsprachige Länder die Siebentagewirtschaft längst angenommen haben, hielt die Schweiz hartnäckig an ihren ruhigen Sonntagen fest. Nun, da auch die Kommission des Nationalrats der Initiative bereits grünes Licht gegeben hat, stehen die Schleusen kurz davor, geöffnet zu werden. Das würde den Konsumentinnen und Konsumenten den gewünschten Service und den Unternehmen die benötigten Einnahmen verschaffen.
Zürich bringt den Wirtschaftsmotor in Gang
Kein Zweifel: Dieser Vorstoss ist aus einer Krise heraus entstanden. Die Initiative wurde 2023 vom wirtschaftsstarken Kanton Zürich angestossen und ist eine direkte Reaktion auf die beiden finanziellen Schocks durch die Pandemie und den Krieg in der Ukraine. Die Zürcher Verantwortlichen erkannten früh, dass der Detailhandel an Wettbewerbsfähigkeit verlor, und verlangten eine Lockerung der starren Arbeitsgesetze, die das Wachstum bremsen.
Die Logik ist bestechend einfach: Lokale Geschäfte können nicht mit internationalen Onlinehandelsriesen konkurrieren, die rund um die Uhr geöffnet sind, wenn ihre Ladentüren einen Tag pro Woche verschlossen bleiben. Mit der Forderung nach einer Sonntagsöffnung pro Monat wollen die Befürworterinnen und Befürworter Schweizer Franken im Land halten. Der Gesetzesentwurf bietet eine Perspektive: Die Kantone sollen je nach lokalem Bedarf einige oder alle der vorgeschlagenen zwölf Sonntagsöffnungen bewilligen können. Es geht um wirtschaftliches Überleben und Anpassung, damit die Schweizer Einkaufsstrassen lebendig bleiben und nicht unter dem Druck der globalen Konkurrenz zu Geisterstädten werden.
Gewerkschaften mobilisieren zum Kampf
Die Fronten sind klar, und der Widerstand ist gross. Die Gewerkschaften haben erklärt, sie würden diesen Vorschlag «mit allen Mitteln» bekämpfen. Sie sehen in der Aushöhlung des arbeitsfreien Sonntags einen direkten Angriff auf die Rechte der Arbeitnehmenden. Luca Cirigliano, Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, nahm kein Blatt vor den Mund und warnte eindringlich, dass diese Deregulierung ausser Kontrolle geraten könnte.
«Es beginnt mit den Ladenöffnungszeiten, dann geht es weiter zu Coiffeursalons und Versicherungsgesellschaften. Irgendwann werden letztlich auch die Banken folgen», warnte Cirigliano. Seiner Ansicht nach sollte Sonntagsarbeit strikt auf wesentliche Dienstleistungen wie Spitäler und den Verkehr beschränkt bleiben und nicht auf den Verkauf von Kleidern und Elektronik ausgeweitet werden. Die Gewerkschaften zeichnen ein düsteres Bild einer Zukunft, in der die Familie dem Profit geopfert wird. «Die Menschen brauchen einen freien Tag mit ihrer Familie, ohne vorher erst ein Doodle ausfüllen zu müssen», sagte Cirigliano und brachte damit den Frust einer bereits stark belasteten Arbeitnehmerschaft zum Ausdruck. Die Drohung ist klar: Sollte das Parlament die Vorlage durchbringen, sind die Gewerkschaften bereit, den Prozess zu blockieren.
Eine Nation, gespalten durch Tradition
Trotz der parlamentarischen Begeisterung zeigt sich vor Ort ein uneinheitliches Bild. Derzeit nutzen erstaunliche 16 der 26 Kantone nicht einmal die bescheidene Zahl von vier Sonntagsöffnungen, die das Gesetz bereits erlaubt. Nur zehn Kantone schöpfen die aktuelle Bewilligung voll aus, wobei die Mehrheit den Sonntagsverkauf auf die umsatzstarke Adventszeit vor Weihnachten beschränkt.
Die Unterschiede sind deutlich. In Freiburg, im Jura und in der Waadt bleiben die Geschäfte jeden Sonntag konsequent geschlossen, ganz im Sinne einer strikten Auslegung der Ruhezeit. Diese uneinheitliche Umsetzung deutet darauf hin, dass sich die kulturelle Bereitschaft zum Sonntagsverkauf auch bei einer Änderung des Bundesgesetzes je nach Sprachregion stark unterscheidet. Die Befürworterinnen und Befürworter sehen im neuen Gesetz eine grössere Wahlfreiheit. Kritikerinnen und Kritiker verweisen dagegen auf diese Zahlen als Beleg dafür, dass eine Lockerung in der Praxis wenig ändern würde. Der Bund kann die Tür öffnen, aber weder die Kantone noch die Konsumentinnen und Konsumenten zwingen, hindurchzugehen.
Die drohende Entscheidung an der Urne
Das endgültige Urteil könnte nicht in den prunkvollen Hallen von Bern, sondern beim Schweizer Volk fallen. Die Geschichte ist eine deutliche Warnung an die Befürworterinnen und Befürworter der Liberalisierung: Wenn das Volk bisher über mehr Sonntagsöffnungen abstimmen konnte, hat es diese nie angenommen. Zwar schätzen Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten die Bequemlichkeit des Einkaufens im Ausland, doch haben sie stets dafür gestimmt, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben des Verkaufspersonals im Inland zu schützen.
Nachdem die Kommission ihren Vorentwurf Mitte August in die Vernehmlassung geschickt hat, läuft die Zeit bis zu einem möglichen Referendum. Die Gewerkschaften stehen bereit, eine Bevölkerung zu mobilisieren, die ihre Sonntagsruhe schätzt. Es geht um mehr als Ladenöffnungszeiten: Die Abstimmung ist ein Entscheid über die Seele der Nation. Entscheidet sich die Schweiz für wirtschaftliche Dynamik und Flexibilität, oder verteidigt sie ihren traditionellen Ruhetag mit aller Kraft? Die kommenden Monate werden die Zukunft der Schweizer Gesellschaft prägen.