Politik
Transparenzlücke bei der Finanzierung Schweizer NGOs aufgedeckt
Das Parlament debattiert über Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit, während unklar bleibt, wie die Entwicklungshilfegelder von 4,6 Milliarden Franken genau verteilt werden.

Im vergangenen Jahr flossen unglaubliche 4,6 Milliarden Franken aus der Schweizer Staatskasse in die Entwicklungshilfe. Doch eine massive Transparenzlücke verschleiert, wohin ein grosser Teil dieses Geldes genau fliesst. Die Gesamtsumme ist öffentlich bekannt, die genaue Verteilung bleibt jedoch eine bürokratische Blackbox. Nur das Aussendepartement hat für Klarheit gesorgt: Es weist knapp eine Milliarde Franken aus, die an NGOs verteilt wurde. Bei den übrigen Milliarden, die über andere Departemente fliessen, fehlt eine ähnlich detaillierte Übersicht. Das sorgt in Bern für intensive Nachfragen.
Diese Intransparenz ist besonders alarmierend, weil sich die staatlichen Ausgaben für Entwicklungshilfe in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt haben. Während die Steuerzahlenden diese umfangreichen internationalen Vorhaben finanzieren, bleibt laut der SonntagsZeitung weitgehend unbekannt, wie viel von den stark gestiegenen Mitteln letztlich in den Kassen der Nichtregierungsorganisationen landet. Dieser finanzielle Nebel führt zu einer gravierenden Rechenschaftskrise, während das Land zugleich mit engeren finanziellen Spielräumen kämpft.
Parlament kürzt Entwicklungshilfe
Der Nationalrat hat den aktuellen Ausgaben eine deutliche Absage erteilt und zu Wochenbeginn beschlossen, die Entwicklungshilfe um beträchtliche 250 Millionen Franken zu kürzen. Dieser aggressive Schritt signalisiert eine dramatische Verschiebung der Prioritäten des Bundes: Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier wollen Mittel zugunsten einer stärkeren Landesverteidigung und der Armee umlenken. Bei der Abstimmung ging es nicht nur um eine Anpassung der Finanzen, sondern auch um ein klares Zeichen: Die innere Sicherheit soll Vorrang vor internationaler Wohltätigkeit haben.
Der Ständerat dürfte sein Urteil in der kommenden Woche fällen und könnte die Kürzungen damit gesetzlich verankern. Im Bundeshaus herrscht eine angespannte Stimmung. Die Abstimmung spiegelt die wachsende Skepsis gegenüber der Wirksamkeit und der Notwendigkeit eines derart hohen Umfangs an Auslandhilfe wider. Angesichts der veränderten geopolitischen Lage zwingt das Schweizer Parlament zur grundsätzlichen Auseinandersetzung zwischen den traditionellen humanitären Verpflichtungen und den harten Realitäten der Budgetplanung.
Den Geldflüssen auf der Spur
Trotz der allgemeinen Intransparenz gewährt die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) einen Einblick in die lukrative Welt der humanitären Finanzierung. Die DEZA verteilt derzeit 860 Millionen Franken: Ein Drittel geht an Schweizer NGOs, die übrigen zwei Drittel an ausländische Organisationen. Diese Verteilung zeigt ein komplexes Geflecht finanzieller Abhängigkeiten, das weit über die Schweizer Grenzen hinausreicht.
An der Spitze der Empfänger steht Helvetas, das allein im vergangenen Jahr 63 Millionen Franken erhielt. Dicht dahinter folgt Swisscontact mit 55 Millionen Franken, danach Caritas Schweiz mit 17 Millionen Franken. Diese Zahlen zeigen den Umfang der Tätigkeit der grossen Akteure in diesem Bereich. Unterdessen leitet die Abteilung Frieden und Menschenrechte des Aussendepartements weitere 33 Millionen Franken an verschiedene Organisationen weiter. Diese beträchtlichen Summen bilden jedoch nur die sichtbare Spitze eines Eisbergs in einem Ökosystem mit Milliardenvolumen.
Ideologischer Streit entbrennt
In Bern ist ein heftiger ideologischer Streit entbrannt: Forderungen nach mehr Effizienz stehen der humanitären Verpflichtung gegenüber. Rechtsbürgerliche Parteien verlangen eine grundlegende Reform. Der FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann kritisierte den Status quo. «Entwicklungshilfe ist ein Milliardengeschäft», erklärte Portmann und verglich den intensiven Wettbewerb unter NGOs mit dem Kampf der Krankenkassen um Kundinnen und Kunden. Seine Äusserungen unterstreichen die wachsende Überzeugung, der Sektor sei aufgebläht und kommerzialisiert.
Die Linke hingegen sieht in den Kürzungen einen direkten Angriff auf Schweizer Werte. Der Co-Präsident der Sozialdemokratischen Partei, Cédric Wermuth, bezeichnete den Vorschlag als «eine politische Vendetta gegen die NGOs in diesem Land». Fabian Molina, Präsident von Swissaid, argumentierte, NGOs hätten bei der Bewältigung von Entwicklungsproblemen «eine deutlich höhere Erfolgsquote als der Privatsektor». Während sich der Ständerat auf die Abstimmung vorbereitet, steht die Schweiz an einem entscheidenden Punkt: Wird sie ihre Rolle als grosszügige Unterstützerin weltweit beibehalten, oder setzt sie auf strikte finanzielle Disziplin und innenpolitische Interessen?