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Swiss Observer

EU sanktioniert zwei Schweizer Staatsangehörige wegen mutmasslicher russischer Desinformation

Die Europäische Union hat gegen zwei Schweizer Staatsangehörige Sanktionen verhängt, darunter Reiseverbote und das Einfrieren von Vermögenswerten. Betroffen sind ein ehemaliger Nachrichtendienstoffizier und eine schweizerisch-kamerunische Influencerin, denen eine Beteiligung an der Verbreitung russischer Propaganda vorgeworfen wird.

EU sanktioniert zwei Schweizer Staatsangehörige wegen mutmasslicher russischer Desinformation
AISWI swissinfo.ch

Die Europäische Union hat ihren Informationskrieg verschärft und einen direkten, beispiellosen rechtlichen Schlag gegen zwei Schweizer Staatsangehörige geführt. In einem Schritt, der sowohl in Bern als auch in Brüssel für Aufsehen sorgt, hat die EU gegen Jacques Baud und Nathalie Yamb schwere Sanktionen verhängt, darunter einschneidende Vermögenssperren und strikte Reiseverbote. Es handelt sich nicht bloss um Warnungen, sondern um Strafmassnahmen, die darauf abzielen, die finanziellen und logistischen Möglichkeiten von Personen einzuschränken, denen vorgeworfen wird, russische Propaganda zu verbreiten.

Während Sanktionen gegen russische Oligarchen mittlerweile alltäglich sind, markiert die gezielte Massnahme gegen Schweizer Staatsangehörige einen entscheidenden Wandel in der EU-Strategie zur Bekämpfung «hybrider Bedrohungen». Die Vorwürfe wiegen schwer: den Betroffenen wird vorgeworfen, aktiv Desinformation zu verbreiten, die die westliche Demokratie destabilisiere. Dieses aggressive Vorgehen signalisiert, dass die Staatsangehörigkeit kein Schutzschild mehr vor dem Zorn Brüssels ist, wenn die Integrität des europäischen Informationsraums auf dem Spiel steht. Die Botschaft ist klar: Die EU unterscheidet nicht länger zwischen ausländischen Gegnern und westlichen Staatsangehörigen, die deren Narrative verstärken.

Der Spion und die Influencerin: Zwei Ziele im Visier

Die Profile der beiden sanktionierten Personen könnten unterschiedlicher kaum sein, doch beide sind ins Visier der EU-Aussenpolitik geraten. Jacques Baud, ein ehemaliger Offizier des Schweizer Nachrichtendienstes des Bundes (NDB), sieht sich mit einer schwierigen Realität konfrontiert. Baud lebt in Brüssel und spürt die volle, erdrückende Wirkung der Vermögenssperren. Diese Situation trifft ihn Berichten zufolge härter als viele sanktionierte russische Oligarchen. Seine Nähe zum Sitz der EU-Macht hat ihn ironischerweise zu einem leichten Ziel für die Durchsetzung der Sanktionen gemacht.

Im deutlichen Gegensatz dazu kann Nathalie Yamb, die sich selbst als «Dame von Sotschi» bezeichnet, weiterhin mit überraschend grosser Freiheit agieren. Während Baud in Europa feststeckt, hat Yamb ihre Beziehungen im Globalen Süden genutzt. Seit August 2025 ist sie Sonderberaterin der Militärmachthaber Nigers, eine Position, mit der sie einen Diplomatenpass erhielt. Dieses wichtige Dokument hat es ihr ermöglicht, Reisebeschränkungen zu umgehen und offizielle Besuche bei Verbündeten wie Venezuela zu absolvieren. Während Baud mit eingefrorenen Bankkonten zu kämpfen hat, stellt Yamb ihre diplomatische Immunität zur Schau. Das verdeutlicht die grosse Ungleichheit bei der praktischen Anwendung dieser Sanktionen.

Diplomatische Spannungen: Bern interveniert in Brüssel

Die Schweiz will nicht tatenlos zusehen, wenn ihre Bürgerinnen und Bürger von ausländischen Akteuren ins Visier genommen werden. In einem bedeutenden diplomatischen Schritt intervenierte der Schweizer Botschafter am 9. Januar 2026 direkt in Brüssel. Dies unterstreicht die zunehmenden Spannungen: Zwar hat sich die Schweiz zuvor den EU-Sanktionen gegen Russland angeschlossen, etwa im Fall des Geschäftsmanns Artem Yurievich Chaika im Jahr 2023, doch hat sie dieses spezifische Sanktionsregime gegen Desinformation nicht übernommen.

Sowohl Baud als auch Yamb haben erklärt, sich im Stich gelassen zu fühlen. Die Intervention des Botschafters zeigt jedoch, dass Bern einen heiklen Balanceakt vollzieht. Die Regierung muss ihre traditionelle Neutralität und den Schutz ihrer Bürgerinnen und Bürger mit ihren Beziehungen zur Europäischen Union in Einklang bringen. Anders als die klar umrissenen Finanzsanktionen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine richten sich diese neuen Massnahmen gegen Äusserungen und Einflussnahme, Bereiche, in denen das Schweizer Recht und die EU-Richtlinien auseinandergehen. Die Schweizer Regierung befindet sich nun in der unangenehmen Lage, sich für Bürgerinnen und Bürger einzusetzen, denen vorgeworfen wird, genau jene Werte zu untergraben, die Europa zu verteidigen sucht.

Die Grauzone: Wenn Journalismus zur Waffe wird

Die Sanktionen stützen sich auf eine umstrittene EU-Richtlinie von 2024, die «Massnahmen oder Strategien» mit Bezug zur russischen Regierung unter Strafe stellt, wenn diese die Demokratie untergraben. Damit gerät der Kontinent jedoch in eine gefährliche rechtliche Grauzone. Wann wird aus einer kontroversen Meinung eine «hybride Bedrohung»? Die EU macht geltend, die gezielte Verbreitung falscher Informationen in böswilliger Absicht rechtfertige diese drastischen Massnahmen. Damit wird das Rechtssystem faktisch als Waffe im Informationskrieg eingesetzt.

Kritikerinnen und Kritiker warnen, damit werde ein riskanter Präzedenzfall für die Pressefreiheit geschaffen. Desinformation ist zwar eine konkrete Bedrohung, doch Vermögenswerte ohne Strafprozess einzufrieren und Reiseverbote zu verhängen, ist ein Instrument von enormer Tragweite. Wenn der Begriff «Sicherheitsbedrohung» auf Narrative und Einflussnahme ausgeweitet wird, bewegen sich Journalistinnen, Journalisten und Kommentierende auf unsicherem Terrain. Heute trifft es einen ehemaligen Spion und eine Influencerin, morgen könnte das Netz weiter gespannt werden. Dieser Fall erzwingt eine grundlegende Auseinandersetzung zwischen der Notwendigkeit, die Demokratie zu verteidigen, und dem Gebot der freien Meinungsäusserung.