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Swiss Observer

Schweizerisches Nationalmuseum präsentiert bahnbrechendes digitales Archiv

Ein wegweisendes Projekt zur digitalen Erhaltung startet und macht Jahrhunderte Schweizer Kulturerbe dank fortschrittlicher 3D-Scans online zugänglich

Schweizerisches Nationalmuseum präsentiert bahnbrechendes digitales Archiv
AIKI-generierte Illustration

Erstaunliche 100'000 Artefakte haben soeben die physischen Mauern des Schweizerischen Nationalmuseums durchbrochen. Mit einem beispiellosen Schritt, der die Museumskuration neu definiert, hat die Institution ein umfangreiches digitales Archiv vorgestellt und damit die Schatzkammern der Schweizer Geschichte für die ganze Welt geöffnet. Das ist nicht einfach eine Aktualisierung der Website, sondern eine Kulturrevolution. Während traditionelle Museen mit begrenztem Ausstellungsraum zu kämpfen haben und oft weniger als 5 % ihrer gesamten Sammlungen zeigen, macht diese Initiative das Unsichtbare auf einen Schlag sichtbar.

Der Umfang dieser Veröffentlichung ist monumental. Vom ausgeklügelten Uhrwerk aus dem Genf des 18. Jahrhunderts bis zu den robusten Waffen der Alten Eidgenossenschaft umfasst die digitale Sammlung mehr als 500 Jahre Kulturerbe. Mit dieser Technologie überwindet das Museum die physischen Grenzen der Vergangenheit und bietet ein immersives Erlebnis, das über die statische Wirkung einer Vitrine hinausgeht. Nutzerinnen und Nutzer können Objekte nun im 3D-Raum bewegen und Details betrachten, die dem blossen Auge bisher verborgen blieben. Dieser mutige Schritt nach vorn zeigt, dass die Schweiz ihre Geschichte nicht nur bewahrt, sondern sie mit Nachdruck ins digitale Zeitalter trägt.

Ingenieurskunst macht Vergangenheit greifbar

Präzision ist die neue Kuratorin. Um diese digitale Leistung zu erbringen, schloss das Museum eine wichtige Partnerschaft mit den technologischen Schwergewichten der ETH Zürich. Das Ergebnis ist ein Scanverfahren von beeindruckender Genauigkeit, das Oberflächendetails bis auf 0,1 Millimeter erfasst. Hier trifft Geschichte auf Hochleistungsingenieurwesen. Das Projekt nutzt fortschrittliche Photogrammetrie und Laserscanner, die einen erheblichen Teil des Budgets von 15 Millionen CHF ausmachen. So wird sichergestellt, dass kein Kratzer, keine Delle und kein Pinselstrich bei der Digitalisierung verloren geht.

«Die Auflösung ist so hoch, dass Forschende Gewebe und Metallkorrosion analysieren können, ohne das physische Objekt je zu berühren», sagt Prof. Matthias Kohler von der ETH Zürich. Diese technologische Leistungsfähigkeit ermöglicht eine forensische Analyse auf einem Niveau, das bislang unmöglich war, ohne empfindliche Artefakte zu gefährden. Während andere Länder mit der Digitalisierung in geringer Auflösung kämpfen, setzt die Schweiz einen Goldstandard. Die erzeugten Daten schaffen so präzise «digitale Zwillinge», dass sie theoretisch für den 3D-Druck von Repliken verwendet werden könnten, die sich nicht von den Originalen unterscheiden lassen. Diese Verbindung von Kulturerbe und Naturwissenschaft unterstreicht den Ruf der Schweiz als globaler Innovationsstandort.

Schweizer Kulturerbe für alle zugänglich machen

Kultur gehört der Bevölkerung, nicht nur den Ticketinhabenden. Mit diesem Start beseitigt das Schweizerische Nationalmuseum geografische und wirtschaftliche Bildungsbarrieren. Der Zugang zu diesem Fundus ist vollständig kostenlos und stellt die Exklusivität der globalen Kunstwelt infrage. Ob in einem Klassenzimmer in Bern oder einem Forschungslabor in Tokio: Alle, die über eine Internetverbindung verfügen, haben nun die Schlüssel zum Schweizer Kulturerbe. Das Museum erwartet einen massiven Anstieg der Nutzung um 400 %, eine Zahl, die die bisherigen Besucherrekorde vor Ort deutlich übertrifft.

«Wir bewahren nicht einfach Objekte, sondern verewigen die Schweizer Seele in Codes», erklärt Museumsdirektorin Dr. Denise Tonella. Damit vollzieht sich ein radikaler Wandel von der passiven Betrachtung zur aktiven Auseinandersetzung. Lehrpersonen können nun mittelalterliche Rüstungen rotierend auf Wandtafeln projizieren, und Designerinnen und Designer können in ihren Ateliers die Entwicklung der Schweizer Typografie untersuchen. Indem das Museum die Kontrolle über das Betrachtungserlebnis den Nutzerinnen und Nutzern überlässt, befähigt es eine neue Generation, die Schweizer Geschichte nach eigenen Vorstellungen zu deuten. Das ist eine klare Ansage: Das Schweizer Kulturerbe ist Open Source.

Für den Erhalt über den Zerfall hinaus sorgen

Die Zeit ist der unerbittliche Feind aller Materie. Textilien verrotten, Eisen rostet und Holz zerfällt. Daten hingegen sind ewig. Dieses digitale Archiv dient als ultimative Versicherung für die Schweizer Identität. Indem das Museum den aktuellen Zustand dieser 100'000 Artefakte erfasst, erstellt es eine unveränderliche Sicherungskopie der kulturellen DNA der Nation. Sollte sich eine Katastrophe ereignen, etwa ein Brand, eine Überschwemmung oder ein Diebstahl, bleibt die digitale Aufzeichnung unangetastet und bewahrt Form und Beschaffenheit des Objekts für die Ewigkeit.

Mit Blick auf die Zukunft schafft diese Initiative die Grundlage für das Metaversum und den virtuellen Tourismus. Sobald VR-Geräte weit verbreitet sind, werden Nutzerinnen und Nutzer schon bald durch eine virtuelle Nachbildung des Château de Prangins gehen oder eine virtuelle Hellebarde aus der Schlacht bei Morgarten in die Hand nehmen können. Die Schweiz wartet nicht darauf, dass die Zukunft eintrifft, sondern baut schon heute die nötige Infrastruktur. Dieses Archiv stellt sicher, dass die Geschichten, die Handwerkskunst und das Vermächtnis der Schweizer Bevölkerung lebendig, zugänglich und unvergänglich bleiben, lange nachdem die physischen Objekte vergangen sind.