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Swiss Observer

Schweizerische Nationalbank dürfte den Leitzins senken

Die Schweizerische Nationalbank dürfte ihren Leitzins am Donnerstag auf 0,75 Prozent senken. Damit steht unter dem neuen Präsidenten Martin Schlegel ein bedeutender Kurswechsel in der Geldpolitik bevor.

Schweizerische Nationalbank dürfte den Leitzins senken
AISWI swissinfo.ch

Alle Augen richten sich an diesem Donnerstag auf Zürich, wo die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren wegweisenden Entscheid über die geldpolitische Zukunft des Landes vorbereitet. In einem spannungsgeladenen Moment für den Finanzsektor wird der neue Präsident Martin Schlegel, der sein Amt erst Anfang Oktober angetreten hat, seinen ersten Zinsentscheid bekannt geben. Die Erwartungen sind eindeutig: Die SNB dürfte den Leitzins auf 0,75 Prozent senken. Das wäre eine entscheidende Kurskorrektur in der Schweizer Wirtschaftspolitik. Dabei geht es nicht bloss um eine technische Anpassung, sondern um eine Absichtserklärung der neuen Führung.

Der erwartete Schritt folgt auf eine Phase der kräftigen Lockerung. Am 26. September senkte die SNB den Leitzins bereits um 0,25 Prozentpunkte auf 1 Prozent und vollzog damit in diesem Jahr bereits die dritte Zinssenkung. Anders als andere Zentralbanken, deren Kommunikation oft schwer durchschaubar ist, hatte die Schweizer Notenbank weitere Senkungen ausdrücklich angekündigt und damit eine proaktive Haltung im Kampf gegen die wirtschaftliche Stagnation signalisiert. Der Entscheid vom Donnerstag ist mehr als eine Zahl: Er ist die erste echte Bewährungsprobe der Ära Schlegel und gibt den Ton dafür an, wie die Schweiz durch die turbulente Finanzlage Ende 2024 navigieren wird.

Analysten setzen auf weitere Lockerung

Die Finanzwelt rechnet fest mit einer Zinssenkung, und die Zahlen lassen kaum Zweifel daran. Ganze 14 von 17 Analysten, die von der Nachrichtenagentur AWP befragt wurden, erwarten eine Senkung um einen Viertelprozentpunkt. Damit würde der Leitzins auf 0,75 Prozent sinken. Diese überwältigende Mehrheit spiegelt einen Markt wider, der mit anhaltender Unterstützung für die Schweizer Wirtschaft rechnet. Eine lautstarke Minderheit setzt jedoch auf einen noch drastischeren Schritt.

Drei der befragten Beobachter scheren aus und erwarten eine stärkere Senkung um 0,50 Prozentpunkte. Diese unterschiedliche Einschätzung macht die Spannung am Markt deutlich: Reicht eine übliche Senkung aus, oder braucht die Wirtschaft eine Schocktherapie? Unabhängig vom Ausmass ist die Richtung klar: Die Zinsen sinken rapide. Die SNB hat in diesem Jahr bereits drei Senkungen um jeweils 25 Basispunkte vorgenommen. Der Entscheid von morgen dürfte 2024 endgültig zum Jahr der grossen geldpolitischen Lockerung machen. Anlegerinnen und Anleger sowie Eigenheimbesitzerinnen und Eigenheimbesitzer warten mit angehaltenem Atem, denn die Phase der strafferen Geldpolitik scheint angesichts der neuen wirtschaftlichen Realitäten rasch zu Ende zu gehen.

Das Schreckgespenst negativer Zinsen kehrt zurück

Während die Zinssenkung am Donnerstag unmittelbar im Zentrum steht, zeichnet sich am Horizont eine bedrohlichere Möglichkeit ab: die Rückkehr negativer Zinsen. Ökonomen diskutieren inzwischen offen ein Szenario, das längst der Vergangenheit anzugehören schien. Es setzt sich zunehmend die Einschätzung durch, dass der Abwärtstrend unabhängig vom Ausmass der Senkung in dieser Woche bis weit ins Jahr 2025 anhalten wird. Der Tiefpunkt ist offenbar noch nicht erreicht.

Negative Zinsen mittelfristig können nicht mehr ausgeschlossen werden. Damit dieses radikale Szenario eintritt, müsste eine spezifische und schmerzhafte Kombination wirtschaftlicher Bedingungen zusammenkommen: Die Schweizer Wirtschaft müsste in eine Rezession rutschen, der Franken gegenüber wichtigen Währungen deutlich aufwerten und die Inflation in den negativen Bereich fallen. Fachleute weisen zwar darauf hin, dass dieser «perfekte Sturm» derzeit nicht unmittelbar absehbar ist. Allein die Tatsache, dass darüber diskutiert wird, zeigt jedoch die grosse Unsicherheit. Die SNB bewegt sich auf einem schmalen Grat. Sollte die Weltwirtschaft ins Straucheln geraten, könnten Schweizer Sparerinnen und Sparer erneut dafür bezahlen müssen, ihr Geld auf der Bank zu lassen.

Navigieren durch ein fragiles wirtschaftliches Umfeld

Die Schweiz steht an einem heiklen wirtschaftlichen Scheideweg. Die entschlossene Haltung der SNB ist eine direkte Reaktion auf die Abkühlung der Weltwirtschaft und die anhaltende Stärke des Schweizer Frankens, die den exportorientierten Wirtschaftsstandort des Landes unter Druck setzt. Mit Zinssenkungen will die Nationalbank den Franken für ausländische Anleger weniger attraktiv machen und so die Schweizer Industrie schützen. Es ist ein Spiel mit hohen Einsätzen, bei dem die Währungspolitik auf der globalen Bühne gesteuert wird.

Für die Schweizer Bevölkerung sind die Folgen unmittelbar und spürbar. Tiefere Zinsen führen in der Regel zu günstigeren Hypotheken und entlasten damit Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer, bedeuten aber auch tiefere Erträge auf Ersparnissen. Die Bereitschaft der SNB, die Zinsen innerhalb eines Jahres zum vierten Mal zu senken, zeigt, dass sie nicht passiv bleiben will. Martin Schlegel tritt ins Rampenlicht und sieht sich mit einer Lage konfrontiert, in der die Inflation tief, das Wachstum aber fragil ist. Die Entscheide, die diese Woche in Zürich gefällt werden, werden sich in allen Kantonen bemerkbar machen und alles beeinflussen, von den Kreditkosten bis zu den Preisen für Schweizer Waren im Ausland. Die Botschaft ist klar: Die SNB ist bereit zu handeln, und die Richtung zeigt eindeutig nach unten.