Gesellschaft
Heirats- und Geburtenraten in der Schweiz auf historischem Tiefstand
Neue Bundesstatistiken zeigen einen anhaltenden Rückgang der Heirats- und Geburtenraten in der Schweiz. Die Fertilitätsrate sank 2024 auf 1,29 Kinder pro Frau. Das weckt Besorgnis angesichts der demografischen Herausforderungen.

Die Schweiz hat einen kritischen demografischen Meilenstein erreicht: Die Fertilitätsrate ist auf einen historischen Tiefstand gesunken. Den neuesten Daten des Bundesamts für Statistik (BFS) zufolge lag sie 2024 bei 1,29 Kindern pro Frau. Das ist der tiefste Wert seit Beginn der modernen Aufzeichnungen. Noch vor zehn Jahren hatte die Fertilitätsrate 1,5 Kinder pro Frau betragen.
Die Auswirkungen sind in der jährlichen Geburtenstatistik deutlich sichtbar: 2024 kamen nur 78 300 Kinder zur Welt, 1800 weniger als im Vorjahr. Damit ist die Geburtenzahl das dritte Jahr in Folge gesunken. Besonders auffällig ist der Vergleich mit früheren Zahlen: 1879 hatten Schweizer Frauen durchschnittlich vier Kinder, 1963 waren es noch 2,7 Kinder pro Frau.
Ein wesentlicher Faktor für diesen demografischen Wandel ist das steigende Alter der Erstgebärenden, das inzwischen durchschnittlich 31,3 Jahre beträgt. Besonders stark gingen die Zweit- und Drittgeburten zurück, und zwar um 2,8 beziehungsweise 3,6 Prozent. Bei den Erstgeburten betrug der Rückgang dagegen 1,5 Prozent.
Heiraten im Wandel der Gesellschaft
Auch die Institution der Ehe verzeichnet in der Schweiz einen Rückgang. 2024 gaben sich nur 36 800 Paare das Ja-Wort, so wenige wie seit 1981 nicht mehr, wenn man die Pandemiejahre ausklammert. Das entspricht einem Rückgang von 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr und verdeutlicht einen bedeutenden Wandel in der Einstellung gegenüber traditionellen Familienstrukturen.
Gleichzeitig stieg die Scheidungsrate um 3,6 Prozent. Ehen dauerten vor ihrer Auflösung durchschnittlich 15,8 Jahre. Während sich die langfristige Scheidungsrate in den vergangenen 15 Jahren stabilisiert hat, deutet die sinkende Zahl der Eheschliessungen auf einen grundlegenden Wandel im Verständnis formeller Beziehungen in der Schweizer Gesellschaft hin.
Die Soziologin Katja Rost von der Universität Zürich ordnet diesen Wandel ein und sagt: «Die Ehe ist heute nur noch ein Beziehungsmodell unter vielen.» Darin widerspiegeln sich umfassendere Veränderungen in der Schweizer Gesellschaft, in der traditionelle Familienstrukturen zunehmend alternativen Lebensformen weichen.
Regionale Unterschiede in der Schweiz
Der demografische Wandel verläuft in der Schweiz nicht überall gleich. Bei den Heirats- und Geburtenraten gibt es deutliche regionale Unterschiede. Zwar sinken die Werte landesweit, doch in einigen Kantonen zeigen sich bemerkenswerte Ausnahmen. Die Kantone Glarus, St. Gallen und Aargau haben sich dem Rückgang der Heiratsrate bislang entzogen. Das Bevölkerungswachstum in St. Gallen und im Aargau könnte dieses Phänomen teilweise erklären.
In städtischen Gebieten sind die Veränderungen besonders ausgeprägt. Zürich, die grösste Stadt der Schweiz, verzeichnete in den vergangenen zehn Jahren einen dramatischen Geburtenrückgang von 14 Prozent. Auch ländliche Gebiete bleiben davon nicht verschont: In den Bergregionen Graubündens sind die Geburtenzahlen deutlich gesunken.
Die regionalen Unterschiede spiegeln die verschiedenen sozioökonomischen Bedingungen und kulturellen Einstellungen im Land wider. Zugleich folgen sie dem übergeordneten nationalen Trend sinkender Fertilitäts- und Heiratsraten.
Folgen für die Gesellschaft und Ausblick
Der anhaltende Rückgang der Heirats- und Geburtenraten stellt die Schweizer Gesellschaft vor erhebliche Herausforderungen. Mit einem natürlichen Bevölkerungswachstum von netto nur 6300 Personen, dem tiefsten Wert seit über einem Jahrhundert, ist die Schweiz angesichts der alternden Bevölkerung mit möglichen demografischen Herausforderungen konfrontiert.
Praktische Hindernisse für die Familiengründung nehmen zu. Der knappe und teure Wohnraum sowie die wachsende Notwendigkeit, dass beide Partner ein Einkommen erzielen, schaffen erhebliche Hürden für Menschen, die Eltern werden möchten. Der eingeschränkte Zugang zur Kinderbetreuung und deren Kosten erschweren den Entscheid für Kinder zusätzlich.
Wie die Soziologin Katja Rost feststellt, werden Kinder in der heutigen Schweizer Gesellschaft zunehmend als Belastung wahrgenommen. Diese Einstellung und die praktischen Herausforderungen legen nahe, dass es sowohl kultureller Veränderungen als auch politischer Massnahmen bedarf, um den aktuellen demografischen Trend umzukehren.
Die Folgen dieser Entwicklung reichen über die Familienstrukturen hinaus und wirken sich auf verschiedene Bereiche der Schweizer Gesellschaft aus, von den Rentensystemen bis zum Wirtschaftswachstum. Während die Schweiz mit diesem demografischen Wandel umgeht, wird immer deutlicher, dass es anpassungsfähige politische Massnahmen und soziale Unterstützungssysteme braucht.