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Swiss Observer

Schweizer Wohnbaugenossenschaften bieten eine Lösung für die Mietkrise

Innovative Wohnbaugenossenschaften in Lausanne zeigen, wie sich die Knappheit an bezahlbarem Wohnraum in der Schweiz bekämpfen lässt

Schweizer Wohnbaugenossenschaften bieten eine Lösung für die Mietkrise
AISWI swissinfo.ch

Nördlich von Lausanne findet ein massiver städtischer Wandel statt, der die Grundfesten des traditionellen Immobilienmarkts infrage stellt. Das Ökoquartier Plaines du Loup ist nicht einfach eine Baustelle, sondern eine Kampfansage an unbezahlbares Wohnen. Bis 2034 wird die weitläufige Überbauung für 8'000 Menschen Wohnraum bieten und 3'000 Arbeitsplätze beherbergen. So entsteht innerhalb der Stadt ein eigenständiges Ökosystem.

Die erste Etappe des Projekts soll Anfang 2025 abgeschlossen sein und räumt der Zugänglichkeit entschlossen Vorrang vor dem Gewinn ein. In einem mutigen Schritt sind 25 % der neuen Wohnungen für genossenschaftliches Wohnen vorgesehen. Damit wird direkt in einen Markt eingegriffen, in dem Mietende oft unter unablässigen Mietzinserhöhungen leiden. Lausanne beweist, dass Stadterweiterung nicht zwangsläufig Gentrifizierung bedeuten muss. Sie kann auch aus der Mietfalle befreien.

Gemeinschaftliche Stärke sprengt Preisbarrieren

Die Zahlen sprechen für sich: Wohnbaugenossenschaften senken die Wohnkosten im Vergleich zu den Marktpreisen um 15 bis 20 %. Das ist keine Wohltätigkeit, sondern die Stärke des nicht gewinnorientierten Modells. Die Société Coopérative d’Habitation Lausanne (SCHL), seit 1920 eine feste Grösse in diesem Bereich, zeigt mit mehr als 8'200 Mitgliedern, wie erfolgreich dieses Modell sein kann.

Rechnen wir nach: Für eine geräumige Vierzimmerwohnung mit 91 Quadratmetern bezahlen SCHL-Mitglieder lediglich 1'750 Franken Nettomiete. In einer Stadt wie Lausanne ist ein solcher Preis kaum vorstellbar. Die Eintrittshürde ist bewusst niedrig gehalten: Ein Anteilschein für gerade einmal 300 Franken genügt für die Mitgliedschaft. Die Mietenden leisten zwar einen Eigenkapitalbeitrag, 900 Franken im Voraus sowie weitere 900 Franken pro Zimmer. Doch die Investition macht sich dank deutlich tieferer monatlicher Ausgaben sofort bezahlt. Das Modell zeigt: Wenn der Gewinn wegfällt, wird Wohnen zum Recht und nicht zum Luxus.

Eigenleistung ermöglicht selbstverwaltete Gemeinschaften

Wer bereit ist, Zeit gegen tiefere Kosten und stärkere Verbundenheit einzutauschen, findet in «La Meute» eine radikale Alternative. Hier geht es nicht nur um einen Schlafplatz, sondern um ein soziales Experiment in Solidarität. Die Überbauung reserviert Wohnungen für Migrantinnen und Migranten, Kunstschaffende und Studierende. So entsteht ein vielfältiges Umfeld, das der private Markt ausser Acht lässt.

Diese Freiheit verlangt jedoch Engagement. Die Bewohnerinnen und Bewohner von La Meute bezahlen nicht einfach Miete, sondern gestalten das Zusammenleben selbst. Von der Ausarbeitung der Mietverträge bis zu Unterhaltsarbeiten bringen die Mitglieder durchschnittlich drei bis vier Stunden pro Woche ein, damit die Gemeinschaft funktioniert. «Hier versuchen wir, Begegnungen und Solidarität zu fördern und eine neue Art des Zusammenlebens zu entwickeln», sagt Mitglied Annabel Glauser. Der erforderliche Beitrag ist mit rund 20'000 Franken zwar höher, wird aber vollständig zurückerstattet. Damit gleicht er einem Sparkonto, das als Zuhause daherkommt.

Hybride Modelle überbrücken die Kluft zwischen Miete und Eigentum

Le Bled überwindet die Entweder-oder-Entscheidung zwischen Mieten und Kaufen. Diese innovative Genossenschaft vereint Mietende und Eigentümerinnen und Eigentümer unter einem Dach. Dabei wird eine besondere Flächenberechnung angewandt, bei der Gemeinschaftsräume wie Veranstaltungsräume, Musikzimmer und Werkstätten für Heimwerkerinnen und Heimwerker mit einbezogen werden. Mietende bezahlen für 100 Quadratmeter, erhalten aber zusätzlich einen Anteil von 5 % an der gemeinschaftlich genutzten Fläche. Bei den Eigentümerinnen und Eigentümern beträgt dieser Anteil 20 %.

Die finanziellen Vorteile für die Eigentümerschaft sind beträchtlich. Eine Vierzimmerwohnung mit 97 Quadratmetern in Le Bled wurde für 650'000 Franken gekauft, deutlich unter dem hohen Marktpreis. Damit die Wohnungen bezahlbar bleiben, begrenzt die Genossenschaft die Wiederverkaufspreise strikt auf 25 Jahre. Diese Massnahme gegen Spekulation stellt sicher, dass die Wohnungen den Bewohnerinnen und Bewohnern als Zuhause dienen und nicht als Anlageobjekt für Weiterverkäufe.

Der Kampf gegen die übermächtigen Immobilienfonds

Trotz dieser Erfolge bleibt ein zentrales Problem bestehen: Genossenschaften kontrollieren nur bescheidene 4 % des Schweizer Wohnungsbestands. Im Kampf um Bauland stehen sie grossen Immobilienfonds gegenüber, die deutlich mehr Mittel haben. «Auf dem freien Markt werden wir oft von Immobilienfonds überboten, die zwei- bis dreimal mehr bieten, als wir können», sagt Daniel Brühlart von der SCHL.

Das Überleben und die Ausweitung dieses Modells hängen von politischen Eingriffen ab. Samuel Bendahan, Politiker und Präsident von Le Bled, warnt, dass diese Projekte ohne öffentliche Wohnbaudarlehen und gezielte Unterstützung ins Stocken geraten werden. Die Unterstützung wächst zwar über das gesamte politische Spektrum hinweg, in einigen Gemeinden sogar unter Mitte-rechts-Parteien, doch die Zeit drängt. Die Schweiz muss entscheiden, ob sie die Marktkräfte über ihre Zukunft bestimmen lässt oder die Genossenschaftsbewegung dabei unterstützt, sich die Stadt zurückzuerobern.