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Swiss Observer

Schweizer Gesundheitsdirektorin räumt Mängel bei der Covid-19-Bewältigung ein

Die Gesundheitsdirektorin des Bundes räumt Versäumnisse bei der Betreuung älterer Menschen während der Pandemie ein und fordert ein verbessertes Krisenmanagement.

Schweizer Gesundheitsdirektorin räumt Mängel bei der Covid-19-Bewältigung ein
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz versagte gegenüber ihren verletzlichsten Bürgerinnen und Bürgern, als diese am dringendsten Schutz benötigten. In einem deutlichen und beispiellosen Eingeständnis räumte Anne Lévy, Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG), ein, dass das Land seine ältere Bevölkerung auf dem Höhepunkt der Covid-19-Pandemie «im Stich gelassen» habe. Im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung legte Lévy den bürokratischen Mantel ab und machte ein gravierendes Versäumnis bei der Beurteilung sichtbar: Das System war zu starr, zu langsam und zu stark auf Isolation statt auf eine ganzheitliche Betreuung ausgerichtet.

In Pflegeheimen in den Kantonen spitzte sich der Konflikt zwischen körperlicher Sicherheit und psychischem Wohlbefinden zu. Während der Staat fieberhaft versuchte, Barrieren gegen das Virus zu errichten, schuf er unbeabsichtigt Gefängnisse der Einsamkeit. «Sie waren die Menschen, die am verletzlichsten waren», sagte Lévy und räumte ein, dass die Rufe nach Schutz die verzweifelten Bitten um menschliche Nähe oft übertönten. Dies war nicht bloss ein logistischer Fehler, sondern ein humanitäres Versäumnis. Das Eingeständnis markiert eine deutliche Abkehr von der defensiven Haltung hin zu mehr Verantwortungsübernahme und signalisiert, dass sich der Bundesrat endlich mit den menschlichen Folgen seiner Krisenmanagementprotokolle auseinandersetzt.

Einschränkungen für Jugendliche in der Schweiz neu beurteilen

Während die älteren Menschen isoliert litten, wurden die Jugendlichen in der Schweiz durch übertriebene Einschränkungen gefesselt, die rückblickend viel zu lange in Kraft blieben. Das BAG räumt nun ein, dass die Belastung der jüngeren Generation in keinem angemessenen Verhältnis zum Risiko stand, dem sie ausgesetzt war. Schulen blieben Schauplätze politischer Auseinandersetzungen statt Orte des Lernens, und das soziale Leben kam im Namen der öffentlichen Sicherheit zum Erliegen.

Lévys Eingeständnis ist eindeutig: Massnahmen, die junge Menschen betrafen, hätten früher gelockert werden können und sollen. «Wir haben immer versucht, jede Massnahme nur so lange wie nötig aufrechtzuerhalten», sagte Lévy. Die Daten deuten jedoch auf ein Zögern hin, das Jugendliche entscheidende Entwicklungsjahre kostete. Der «Mittelweg» der Regierung, der oft als pragmatischer Schweizer Kompromiss gelobt wurde, schlug gegenüber den Jugendlichen offensichtlich zu stark in Richtung Vorsicht aus. Dieses Eingeständnis bestätigt die Frustration tausender Familien, die das Gefühl hatten, ihre Kinder seien geopfert worden, um eine Bevölkerungsgruppe zu schützen, die, wie erwähnt, gleichzeitig durch andere Versäumnisse «im Stich gelassen» wurde. Die Lehre ist klar: Das Krisenmanagement der Zukunft darf die Bevölkerung nicht als einheitliche Masse behandeln, sondern muss sich dynamisch an die unterschiedlichen Bedürfnisse jeder Generation anpassen.

Modernisierung: Das Ende des Faxgeräts

In einer Enthüllung, die die veralteten Strukturen der Schweizer Gesundheitsinfrastruktur offenlegt, hat das BAG erklärt, dass die Ära des Faxgeräts endlich zu Ende geht, allerdings erst 2028. Es ist kaum zu glauben, dass in einem für seine Innovation bekannten Land wichtige Labormeldungen noch immer mit Technologie aus dem 20. Jahrhundert übermittelt werden. Dieser digitale Rückstand erschwerte während des Höhepunkts der Pandemie die Datenanalyse in Echtzeit und schuf blinde Flecken, die die Verantwortlichen nun eilends zu schliessen versuchen.

Mit dem revidierten Epidemiengesetz soll dieses technologische Ärgernis behoben werden. Ab 2028 werden Faxmeldungen nicht mehr angenommen, stattdessen wird ein vollständig digitaler Ablauf für Labordaten vorgeschrieben. Zudem will der Bund die Versorgungsketten absichern, damit er bei drohenden Engpässen subsidiär medizinische Güter beschaffen kann. Diese wichtige Modernisierung soll das logistische Chaos verhindern, das die Anfangszeit des Ausbruchs prägte. Die Botschaft ist klar: Die nächste Krise lässt sich nicht mit Papier und analogen Signalen bewältigen. Die Schweiz zwingt ihre Gesundheitsbürokratie ins digitale Zeitalter, auch wenn sie sich noch so sehr dagegen sträubt.

Die politischen Fronten verschieben sich

Das Eingeständnis von Fehlern hat die Opposition nicht zum Schweigen gebracht, sondern sie bestärkt. Während sich das Parlament auf die Debatte über das revidierte Epidemiengesetz vorbereitet, steigt die politische Spannung. Die Aktivistengruppe Mass-voll, eine lautstarke Kritikerin staatlicher Übergriffe, hat der neuen Gesetzgebung bereits den Kampf angesagt und sie als «reines Machtinstrument» bezeichnet, das die Gewaltenteilung bedrohe. Die Gruppe mobilisiert für ein weiteres Referendum und signalisiert damit, dass die tiefen gesellschaftlichen Gräben, die während der Pandemie entstanden sind, noch lange nicht überwunden sind.

Obwohl die Regierung bei drei früheren Volksabstimmungen über Covid-19-Gesetze Erfolge erzielt hat, hat sich die Lage verändert. Das Eingeständnis des BAG, bei älteren Menschen und Jugendlichen versagt zu haben, liefert den Kritikerinnen und Kritikern neue Argumente für ihre Behauptung, der Staat habe zu viel Macht mit zu wenig Augenmass ausgeübt. Bei der bevorstehenden politischen Auseinandersetzung wird es nicht nur um Gesundheitspolitik gehen, sondern auch um eine Abstimmung über Vertrauen. Der Bundesrat muss nun beweisen, dass das revidierte Gesetz, das die demokratische Legitimität stärken und die Kantone stärker einbeziehen soll, tatsächlich eine Kurskorrektur darstellt und nicht eine Festigung der Kontrolle. Die Schweizer Bevölkerung wird die Entwicklung im Wissen um die Fehler der Vergangenheit aufmerksam verfolgen.