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Swiss Observer

Schweizer Regierung setzt bei Abstimmung über EU-Abkommen auf einfaches Mehr

Der Bundesrat empfiehlt für die bevorstehende Abstimmung über das EU-Abkommen ein ordentliches Referendumsverfahren. Damit steht ein entscheidender Schritt in den Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU bevor.

Schweizer Regierung setzt bei Abstimmung über EU-Abkommen auf einfaches Mehr
AISWI swissinfo.ch

In einem wegweisenden Schritt, der die Zukunft des Landes neu gestalten könnte, hat der Bundesrat offiziell empfohlen, den entscheidenden politischen Deal zwischen der Schweiz und der EU mit einfachem Volksmehr zu beschliessen. Die am 30. April 2025 bekannt gegebene Empfehlung markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der komplexen Beziehung des Landes zu Brüssel. Mit seinem Eintreten für ein fakultatives Referendum lehnt der Bundesrat die Notwendigkeit eines doppelten Mehrs von Volk und Ständen ausdrücklich ab. Diese Hürde hat in der Vergangenheit viele internationale Verträge zu Fall gebracht.

Die Tragweite könnte kaum grösser sein. Die Regierung bezeichnet das fakultative Referendum als die «verfassungsrechtlich solideste und politisch tragfähigste Lösung». Die Empfehlung ist ein gezielter Schritt, um das Genehmigungsverfahren zu vereinfachen und kleineren, konservativen Kantonen die Möglichkeit zu nehmen, ein Abkommen zu blockieren, das andernfalls landesweit auf breite Zustimmung stossen könnte. Der Bundesrat stellt dies zwar als Frage der rechtlichen Solidität dar, doch zweifellos handelt es sich um einen mutigen politischen Schachzug, um die Zukunft der europäischen Integration der Schweiz ohne die lähmende Reibung eines kantonalen Vetos zu sichern.

Stabilität hat Vorrang: Der strategische Ruf nach politischer Beständigkeit

Der Bundesrat trifft nicht bloss einen verfahrenstechnischen Entscheid, sondern setzt sich in einer Zeit beispielloser geopolitischer Unruhe für Kontinuität ein. Indem er seinen Entscheid an den Präzedenzfällen der Bilateralen I und II ausrichtet, signalisiert der Bundesrat ein dringendes Bedürfnis nach Stabilität. Er argumentiert, dass das aktuelle Paket trotz der dynamischeren Rechtsübernahme im Rahmen der Schengen- und Dublin-Abkommen einen konsequenten Ansatz erfordert, damit die Schweiz auf der europäischen Bühne eine verlässliche Partnerin bleibt.

Dieses Streben nach Beständigkeit kommt zu einer Zeit, in der die Schweiz mit einem angespannten internationalen Umfeld ringt, in dem sich die Wirtschaft Isolation kaum leisten kann. Die Regierung bekräftigte ausdrücklich die Notwendigkeit «stabiler und verlässlicher Beziehungen zur EU». Dies ist eine klare Botschaft an die Kritiker im Inland: Eine Änderung der Spielregeln könnte jetzt die wirtschaftliche Lebensader des Landes gefährden. Der Bundesrat setzt darauf, dass die Einhaltung etablierter demokratischer Normen den Weg des geringsten Widerstands durch das Minenfeld des innenpolitischen Widerstands ebnet.

Das Parlament hat den Schlüssel: Der Kampf um das doppelte Mehr

Der Bundesrat hat seinen Vorschlag vorgelegt, doch das letzte Wort liegt bei der Bundesversammlung. Das Parlament hat die uneingeschränkte Befugnis, die Empfehlung der Regierung zu übergehen und ein obligatorisches Referendum «sui generis» festzulegen. Dies würde ein doppeltes Mehr erforderlich machen: Das Abkommen müsste sowohl vom Volk als auch von einer Mehrheit der Kantone angenommen werden. Dieses Szenario stellt die grösste einzelne Gefahr für das Zustandekommen des Abkommens dar.

Die Regierung hat darauf geachtet, den Kantonen und dem Parlament «Handlungsspielraum» zu lassen, und anerkannt, dass die Debatte noch lange nicht abgeschlossen ist. Die bevorstehenden parlamentarischen Beratungen dürften heftig werden, denn Vertreterinnen und Vertreter ländlicher und konservativer Kantone werden sich vermutlich mit aller Kraft dafür einsetzen, das Erfordernis des doppelten Mehrs wieder einzuführen. Dieser Gesetzgebungskampf wird die Erfolgsschwelle bestimmen und könnte eine gewinnbare Volksabstimmung in eine Verfassungskrise verwandeln.

Das Abkommen aufteilen: Vier Bundesbeschlüsse für die künftigen Beziehungen

Um den Verfassungsgrundsatz der Einheit der Materie zu wahren, teilt die Regierung das umfangreiche EU-Paket in vier eigenständige Bundesbeschlüsse auf. Es geht nicht um eine einzige, unteilbare Abstimmung, sondern um einen strukturierten Ansatz für eine komplexe Integration. Die Bundesbeschlüsse betreffen die Stabilisierung der bilateralen Beziehungen sowie spezifische Entwicklungen in den Bereichen Lebensmittelsicherheit, Strom und Gesundheit. Diese Aufteilung ermöglicht eine differenziertere Debatte und verhindert, dass ein umstrittener Bestandteil automatisch das ganze Vorhaben zu Fall bringt.

Diese Strategie macht die Komplexität der heutigen Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU deutlich. Es geht längst nicht mehr nur um Handelszölle, sondern auch um den Strom, der Schweizer Haushalte versorgt, und die Sicherheit der Lebensmittel auf Schweizer Tellern. Indem der Bundesrat diese Bereiche als getrennte, aber miteinander verbundene Beschlüsse vorlegt, versucht er, den Nutzen für die durchschnittlichen Stimmberechtigten greifbar zu machen. Zugleich eröffnet dies der Opposition mehrere Angriffsflächen, denn jeder Bundesbeschluss wird einer eingehenden Prüfung hinsichtlich Souveränität und regulatorischer Angleichung unterzogen werden.

Die Zeit drängt: Ein entscheidender Sommer für die Schweizer Diplomatie

Die Zeit drängt. Die im vergangenen Jahr ausgehandelten Abkommenstexte sollen im Mai 2025 paraphiert werden, was eine rasche Folge politischer Ereignisse auslösen wird. Der Bundesrat plant, vor der Sommerpause eine Vernehmlassung zum gesamten Paket zu eröffnen, einschliesslich der Projektstruktur und der Art des Referendums. Dieser ehrgeizige Zeitplan unterstreicht, wie dringend die Regierung Fortschritte festschreiben will, bevor sich der politische Wind dreht.

Während die Schweiz auf diesen entscheidenden Sommer zugeht, wird der Druck auf die Gesetzgeber und Diplomatinnen und Diplomaten enorm sein. Die kommenden Monate werden darüber entscheiden, ob die Schweiz ihre Beziehungen zu ihrer wichtigsten Handelspartnerin modernisieren kann oder sich in die Isolation zurückzieht. Mit der bevorstehenden Vernehmlassung verlagert sich die Debatte aus den Sitzungszimmern hinter verschlossenen Türen in die Öffentlichkeit. Damit beginnt eine der folgenreichsten politischen Phasen der jüngeren Schweizer Geschichte.