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Swiss Observer

Schweizer Finanzaufsicht fordert stärkere Durchsetzungsbefugnisse

Die FINMA fordert Gesetzesreformen, um ihre Möglichkeiten für frühzeitige Interventionen zu stärken und eine neue Haftung der Geschäftsleitung einzuführen

Schweizer Finanzaufsicht fordert stärkere Durchsetzungsbefugnisse
AISWI swissinfo.ch

Der Schweizer Finanzwächter hat genug davon, nur zu bellen, und fordert nun die gesetzliche Befugnis, auch zuzubeissen. Mit einem mutigen Schritt, der einen Paradigmenwechsel für das Schweizer Bankwesen signalisiert, fordert die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) eine dringende Gesetzesrevision. Die Aufsichtsbehörde will ausdrücklich befugt sein, einzugreifen, bevor eine Krise ausbricht. Ins Visier nimmt sie Institute, bei denen Verwaltungsrat und Geschäftsleitung keine solide Risikokultur widerspiegeln. Dabei geht es nicht einfach um die Anpassung von Tabellen, sondern um eine direkte Auseinandersetzung mit den Versäumnissen in der Unternehmensführung, die den Sektor seit Jahren belasten.

FINMA-Präsidentin Marlene Amstad hat eine klare Grenze gezogen und erklärt, die Aufsichtsbehörde benötige einen «angemessenen gesetzlichen Rahmen», um die Einhaltung der Vorschriften wirksam durchzusetzen. Ziel sei es nicht, die Banken mit neuer Bürokratie zu überhäufen, sondern die Aufsicht mit «Zwangsmitteln» auszustatten, die tatsächlich präventiv wirken. Indem die FINMA bei einer Missachtung von «Kernwerten» frühzeitig eingreifen will, versucht sie, sich von einer reaktiven Beobachterin zu einer proaktiven Vollstreckerin zu wandeln. So soll verhindert werden, dass die systemischen Probleme, die zum Untergang der Credit Suisse führten, jemals wieder Wurzeln schlagen.

Führungskräfte zur Verantwortung ziehen

Zu lange konnten Spitzenbanker hinter kollektiver Unklarheit Zuflucht suchen, doch die FINMA will diesen Schutz durchbrechen. Die Aufsichtsbehörde fordert ein strenges Haftungsregime für Führungskräfte, das die individuelle Verantwortung in den obersten Führungsetagen verankern würde. Daneben verlangt die FINMA die Befugnis, direkte Bussen zu verhängen, ein gängiges Instrument internationaler Aufsichtsbehörden, das im Schweizer Arsenal auffällig fehlt. Damit würde der Druck auf die Bankleitungen deutlich erhöht.

Die Aufsichtsbehörde kämpft zudem für das Recht auf Transparenz. Weil sie derzeit an strenge Geheimhaltungsvorschriften gebunden ist, will die FINMA die Befugnis erhalten, öffentlich über ihre Aufsichtstätigkeit zu informieren. Damit würde die Ära der stillen Durchsetzung enden und Aufsichtsmassnahmen würden öffentlich sichtbar. Wie Amstad betonte, muss die Behörde «bei Verstössen konsequenter» vorgehen können. So würde sich die Aufsicht von einer gentlemen's agreement zu einem strengen Regime mit klaren Konsequenzen wandeln. Die Botschaft an die Schweizer Banker ist eindeutig: Die Ära der Straflosigkeit neigt sich dem Ende zu.

Der Schatten der Credit Suisse

Der Schatten des Credit-Suisse-Debakels liegt über jedem Schritt der FINMA. Die aggressive Haltung der Aufsichtsbehörde ist eine direkte Reaktion auf die Versäumnisse, die zum historischen Zusammenbruch der Bank führten. Besonders genau beobachtet sie die UBS, den verbliebenen Grosskonzern, der nun die frühere Konkurrentin integrieren muss. Allein 2024 führte die FINMA rund 40 Vor-Ort-Kontrollen bei der UBS durch, in der Schweiz und im Ausland. Das ist Überwachung in grossem Ausmass.

Die Aufsichtsbehörde nimmt das Risiko «too big to fail» ernst. Über die besondere Aufmerksamkeit für die UBS hinaus zeigt der Jahresbericht 2024 der FINMA eine rege Tätigkeit: 111 Vor-Ort-Kontrollen bei Banken, 55 bei Versicherern und 20 im Bereich der Vermögensverwaltung. Zudem schloss die Aufsichtsbehörde 38 Untersuchungen gegen Unternehmen und Einzelpersonen ab. Diese Zahlen unterstreichen, dass die FINMA ihr derzeitiges Mandat bereits bis an die Grenze ausreizt. Sie führt Stresstests zu Hypothekenportfolios und Zinsrisiken durch, damit die Schweizer Finanzfestung nicht von innen heraus zerfällt.

Der digitalen Bedrohung begegnen

Während die Aufsichtsbehörden im Verwaltungsrat gegen Versäumnisse in der Unternehmensführung kämpfen, tobt auf den Servern ein anderer Krieg. Die FINMA meldete für 2024 einen drastischen Anstieg der gemeldeten Cyberangriffe um 30 Prozent. Das signalisiert eine kritische Verschärfung der Bedrohungslage. Es geht längst nicht mehr nur um Finanztechnik, sondern um die grundlegende Sicherheit der Schweizer Finanzinfrastruktur gegenüber digitalen Angreifern.

Der starke Anstieg der Cybervorfälle macht ein ohnehin angespanntes System noch komplexer und anfälliger. Während Banken ihre Abläufe digitalisieren und veraltete Systeme integrieren, insbesondere bei der Fusion von UBS und Credit Suisse, wächst die Angriffsfläche. Die Forderung der FINMA nach erweiterten Befugnissen dient nicht nur dazu, Fehlverhalten von Bankern zu bestrafen, sondern auch der Widerstandsfähigkeit des gesamten Finanzökosystems. Da die Bedrohungen sowohl in der physischen als auch in der digitalen Welt zunehmen, war die Forderung nach einer stärkeren und agileren Aufsichtsbehörde noch nie so dringlich. Die Frage ist nun: Wird das Schweizer Parlament der FINMA die nötigen Mittel geben, bevor die nächste Krise ausbricht?