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Swiss Observer

Hofsterben in der Schweiz beschleunigt sich: Täglich verschwinden zwei Höfe

Der Landwirtschaftssektor steckt in einer strukturellen Krise: In der Schweiz verschwinden jährlich rund 800 Bauernhöfe. Das weckt Sorgen um die Zukunft der traditionellen Landwirtschaft.

Hofsterben in der Schweiz beschleunigt sich: Täglich verschwinden zwei Höfe
AILe News

Die Schweizer Landwirtschaft erlebt einen tiefgreifenden Wandel: Noch nie zuvor verschwanden Bauernhöfe in einem so hohen Tempo. Neue Daten von RTS zeigen, dass jährlich rund 800 Betriebe schliessen. Das entspricht zwei Höfen pro Tag. Besonders akut ist die Lage im Kanton Waadt, wo jede Woche ein Hof den Betrieb einstellt. Das verdeutlicht, wie weit verbreitet diese Krise in der Landwirtschaft ist.

Dieser rasche Rückgang ist mehr als eine blosse Statistik. Er markiert einen grundlegenden Wandel in der Schweizer Landwirtschaft und bedroht die langjährige bäuerliche Tradition und die ländliche Identität des Landes.

Nachfolgekrise in der Schweizer Landwirtschaft

Im Zentrum der Krise steht ein zunehmend schwieriges Problem bei der Hofnachfolge. Das traditionelle Modell, einen Hof von einer Generation an die nächste weiterzugeben, gerät ins Wanken. Das zeigt sich etwa bei Landwirten wie Andreas Wüthrich, der nach 35 Jahren in der Landwirtschaft vor dem Ruhestand steht, ohne eine Nachfolge gefunden zu haben. «Man lebt mit seiner Arbeit, Tag und Nacht», erklärt er. Damit weist er auf die Anforderungen des bäuerlichen Lebens hin, die die jüngere Generation zunehmend abschrecken.

Die Herausforderungen bei der Hofübergabe zwischen den Generationen werden durch veränderte Vorstellungen der Kinder aus Bauernfamilien und gesundheitliche Probleme zusätzlich verschärft. Ein Beispiel ist Yann aus La Brévine, der sich gegen die Übernahme des Familienbetriebs entschied, nachdem bei ihm Lyme-Borreliose diagnostiziert worden war.

Wirtschaftliche Herausforderungen und Bodenrecht

Die wirtschaftlichen Realitäten der Schweizer Landwirtschaft stellen sowohl die heutigen Betriebsleitenden als auch potenzielle Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger vor erhebliche Hürden. Ein deutlicher Hinweis auf die Schwierigkeiten des Sektors ist, dass rund ein Viertel der Schweizer Landwirte unter der Armutsgrenze lebt. Die Schweizer Höfe sind im internationalen Vergleich klein: Ein Betrieb mit 30 Hektaren gilt hierzulande als gross, während ein neuseeländischer Hof durchschnittlich 280 Hektaren umfasst.

Das Schweizer bäuerliche Bodenrecht soll zwar die Interessen der Landwirtschaft schützen, schafft aber unbeabsichtigt Hindernisse bei Hofübergaben. Das Gesetz begünstigt Verkäufe innerhalb der Familie, indem es Übertragungen zu Ertragswerten erlaubt, die deutlich unter den Marktpreisen liegen. Für Aussenstehende wird der Einstieg in die Landwirtschaft dadurch jedoch unerschwinglich, weil sie den vollen Marktpreis bezahlen müssen.

Auswirkungen auf ländliche Gemeinden

Das Verschwinden von Bauernhöfen verändert die ländlichen Gemeinden der Schweiz. Neben den wirtschaftlichen Folgen gefährdet dieser Trend den sozialen Zusammenhalt in ländlichen Gebieten und den Erhalt traditionellen landwirtschaftlichen Wissens. Die hohe Suizidrate unter Landwirten, auf die Studien der Universität Bern hinweisen, zeigt die erheblichen persönlichen Folgen dieses Wandels. Als wesentliche Faktoren, die zu dieser besorgniserregenden Entwicklung beitragen, gelten Isolation, finanzieller Druck und Unsicherheit bei der Hofnachfolge.

Der Wandel betrifft nicht nur einzelne Landwirte, sondern ganze Gemeinschaften. Er verändert Landschaften, die über Jahrhunderte durch die Landwirtschaft geprägt wurden.

Ausblick und mögliche Lösungen

Angesichts dieser beispiellosen Herausforderungen suchen einige Landwirte nach innovativen Lösungen. In Vaux-sur-Morges stellt die Initiative von Claude-Alain Gebhard, eine Firma zu gründen, über die sich auch Personen ausserhalb der Familie einkaufen können, ein mögliches Zukunftsmodell dar. Solche Anpassungen sind jedoch weiterhin selten in einem System, das stark auf die traditionelle Hofnachfolge innerhalb der Familie ausgerichtet ist.

Die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft erfordert wahrscheinlich ein sorgfältiges Gleichgewicht zwischen dem Erhalt wertvoller landwirtschaftlicher Traditionen und neuen Betriebsmodellen. Dazu könnten eine Überprüfung des Bodenrechts, flexiblere Möglichkeiten für die Hofnachfolge und zusätzliche Unterstützungsangebote für bestehende Landwirte sowie Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger gehören.