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Swiss Observer

Schweizer E-Commerce erreicht fast 15 Milliarden CHF, angetrieben durch Importboom aus Asien

Der Schweizer Onlinehandel erreichte 2024 neue Höchststände. Das deutliche Wachstum wurde durch Importe aus Asien angetrieben, insbesondere über Plattformen wie Temu, und wirft Fragen zu den Auswirkungen auf den inländischen Detailhandel auf.

Schweizer E-Commerce erreicht fast 15 Milliarden CHF, angetrieben durch Importboom aus Asien
AISWI swissinfo.ch

Der Schweizer E-Commerce hat die Erwartungen deutlich übertroffen und 2024 einen Umsatz von beeindruckenden 14,9 Milliarden CHF erzielt. Dieser Anstieg um 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist nicht bloss ein moderater Zuwachs, sondern steht für einen grundlegenden Wandel im Konsumverhalten, der durch eine anhaltende Welle ausländischer Importe angetrieben wird. Während das Inlandwachstum verhalten bleibt, sind die Käufe im Ausland um bemerkenswerte 18 Prozent in die Höhe geschnellt, fast ausschliesslich befeuert durch kleine Pakete, die aus Asien eintreffen.

Die von der Schweizerischen Post, commerce.swiss und GfK zusammengetragenen Daten zeichnen das Bild eines Marktes im Wandel. Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten stöbern nicht mehr nur in den Regalen vor Ort, sondern suchen über die Landesgrenzen hinweg gezielt nach Schnäppchen. Dieser Anstieg folgt auf ein Plus von 10 Prozent im Jahr 2023 und zeigt, dass die Nachfrage nach Waren direkt aus Asien keine vorübergehende Modeerscheinung, sondern ein sich beschleunigender Trend ist. Die Botschaft ist klar: Der digitale Schweizer Marktplatz wächst, doch die Hauptprofiteure befinden sich zunehmend Tausende Kilometer entfernt.

Der Temu-Effekt: Milliarden fliessen ab

Die Störung hat einen Namen: Temu. Der Einfluss dieser einzelnen Plattform auf die Schweizer Wirtschaft ist gewaltig. Bernhard Egger, Direktor des Verbands commerce.swiss, nennt eine erstaunliche Zahl: «Allein für Temu schätzen wir, dass 2024 15 Millionen Pakete verschickt und 900 Millionen CHF umgesetzt wurden.» Diese Flut günstiger Waren setzt die Bewertungen inländischer Unternehmen stark unter Druck.

Da diese asiatischen Giganten zu Preisen anbieten, mit denen lokale Detailhändler schlicht nicht mithalten können, fallen die finanziellen Folgen umso stärker ins Gewicht. Egger schätzt den Ertragsausfall für den Schweizer Detailhandel auf beträchtliche 2,25 Milliarden CHF. Dieses Geld verschwindet faktisch aus dem Schweizer Wirtschaftskreislauf und fliesst durch aggressive Preisstrategien ab. Da bereits drei von vier Angehörigen der Generation Z auf Plattformen wie Temu und AliExpress einkaufen, wächst der Druck auf den traditionellen Schweizer Detailhandel. Der «Temu-Effekt» bedeutet nicht nur günstige Gadgets, sondern ein Milliardenloch in der Bilanz des inländischen Detailhandels.

Inländische Verteidiger gegen schwächelnde Modebranche

Während die asiatischen Tiger auftrumpfen, zeigt sich die Lage im Inland uneinheitlich. Schweizer Onlineshops mit «.ch»-Domains erzielten ein bescheidenes Wachstum von 1 Prozent und kamen auf insgesamt 12,3 Milliarden CHF. Inmitten dieser Stagnation erweist sich Digitec Galaxus jedoch als widerstandsfähiger Branchenriese. Der Elektronik- und Warenhausanbieter trotzte den Widrigkeiten und steigerte den Umsatz um satte 18 Prozent. Das zeigt, dass Schweizer Unternehmen weiterhin konkurrenzfähig sein können, wenn sie sich konsequent anpassen.

Im starken Gegensatz dazu befindet sich die Modesparte im freien Fall. Bereits das zweite Jahr in Folge brachen die Modeumsätze ein und sanken 2024 nochmals um 7 Prozent. «Kleider und Schuhe sind die Produkte, die am häufigsten im Ausland gekauft werden», erklärt Luca Giuriato von NIQ/GfK. Schweizer Modehändler geraten durch den Reiz extrem schneller und günstiger ausländischer Mode zunehmend unter Druck. Während Digitec Galaxus sich behauptet, stehen traditionelle Bekleidungshändler vor einer existenziellen Krise, da ihr Marktanteil ins Ausland abwandert.

Elektronik an der Spitze, während sich der Markt konsolidiert

Unterhaltungselektronik bleibt unangefochten die wichtigste Kategorie im Schweizer E-Commerce und macht 24 Prozent des Marktes aus. Es folgen Mode mit 16 Prozent und Haushaltswaren mit 14 Prozent. Damit vereinen diese drei Nicht-Lebensmittelbereiche mehr als die Hälfte aller Onlineausgaben auf sich. Der Onlineverkauf von Lebensmitteln, der vor allem durch Wein und Getränke angetrieben wird, ist mit 3,1 Prozent zwar weiterhin eine Nische, legte aber um 6 Prozent zu. Das zeigt, dass es für lokale Anbieter weiterhin Wachstumschancen gibt.

Die weitere Entwicklung zeichnet sich bereits ab. Die Autorinnen und Autoren des Berichts gehen davon aus, dass die harte Konsolidierung des Detailhandels bis 2025 weitgehend abgeschlossen sein wird. Da sich die Konsumentenstimmung verbessert, wird für den Onlinehandel im kommenden Jahr ein Wachstum von 4 bis 7 Prozent prognostiziert. Doch bleibt die Frage: Kommt dieses Wachstum Schweizer Unternehmen zugute, oder heizt es lediglich den Zustrom asiatischer Importe weiter an? Der Kampf um das Schweizer Portemonnaie ist längst nicht vorbei, doch die Fronten für 2025 sind bereits abgesteckt.