Klima
Warum Schweizer Städte mit der 3-30-300-Regel gegen städtische Hitze vorgehen
Nur 13,5 % der Stadtbevölkerung leben in Quartieren, die den Begrünungsstandard 3-30-300 erfüllen. Nach einem Rekordsommer verschärft dies in Schweizer Städten die Debatte über Bäume, Schatten und Massnahmen gegen Hitze.

Ein Rekordsommer hat schattige Strassen und kühlere öffentliche Räume in Schweizer Städten zu einer Frage der öffentlichen Gesundheit gemacht. In dicht bebauten Quartieren hält sich die Hitze bis nach Sonnenuntergang, weil Asphalt, Beton und Stein tagsüber Sonnenenergie speichern und sie nachts langsam wieder abgeben. Die Folgen erleben die Bewohnerinnen und Bewohner in Form von Tropennächten, überhitzten Wohnungen und Plätzen, die kaum zu überqueren sind.
Das Problem ist im ganzen Tessin sichtbar. Die Piazza del Sole in Bellinzona, die Rotonda auf der Piazza Castello in Locarno und die Piazza Bernardino Luini gegenüber dem LAC-Museum in Lugano gehören zu den städtischen Plätzen, die in den wärmsten Monaten sehr heiss werden können. Ihre versiegelten Flächen bieten wenig Schatten und kaum Pflanzen, die der Hitze entgegenwirken.
Städte haben Wasservernebler, temporäre Bepflanzungen und weitere kurzfristige Massnahmen ausprobiert. Diese Eingriffe können lokal für Entlastung sorgen, verändern aber nicht die Struktur eines Quartiers. Da Hitzewellen häufiger und intensiver werden, prüfen Planerinnen und Planer, wie Bäume, Parks und begrünte Korridore in die gewöhnliche Stadtentwicklung integriert werden können.
Damit hat die 3-30-300-Regel neuen Auftrieb erhalten. Die Formel übersetzt ein umfassendes Ziel, grünere Städte, in drei Bedingungen, die Gemeinden erfassen, messen und bei Planungsentscheiden berücksichtigen können.
Städtische Natur in drei Zahlen fassen
Die Regel verlangt von Städten drei grundlegende Formen des Zugangs zur Natur. Jede Einwohnerin und jeder Einwohner sollte von den Fenstern der eigenen Wohnung, Schule oder des Arbeitsplatzes aus mindestens drei stattliche Bäume sehen können. Jedes Quartier sollte mindestens 30 % Baumkronenbedeckung aufweisen. Niemand sollte mehr als 300 Meter, also etwa fünf Gehminuten, von einem öffentlichen Park oder einer hochwertigen, gut ausgestatteten Grünfläche entfernt wohnen.
Das erste Ziel bringt die Natur in den Alltag, auch für Menschen ohne eigenen Garten oder einfachen Zugang zur Landschaft. Das zweite betrifft das Strassenumfeld insgesamt. Baumkronen können Schatten spenden und dazu beitragen, dass Gebäude und versiegelte Flächen weniger Wärme aufnehmen. Das dritte Ziel legt den Fokus auf die Nähe: Eine nutzbare Grünfläche soll für die Bewohnerinnen und Bewohner erreichbar sein und nicht nur am Stadtrand liegen.
Der niederländische Ökologe Cecil Konijnendijk entwickelte das Konzept 2021. Seine Attraktivität liegt in seiner Einfachheit. Gemeinden können Luftbilder, Strasseninventare und Kartierungsinstrumente nutzen, um Gebiete mit Nachholbedarf zu ermitteln. Dieselben Indikatoren können Entscheide über Bepflanzungen, Neubauten und die Aufwertung öffentlicher Räume unterstützen.
Die Formel schreibt nicht für jede Stadt dasselbe Gestaltungskonzept vor. Ein Quartier in Lugano, Basel oder Zürich weist andere Gebäudestrukturen, ein anderes Klima und andere verfügbare Flächen auf. Die Zahlen bieten einen gemeinsamen Ausgangspunkt für lokale Entscheide.
Die Lücken hinter der Zahl von 13,5 % erfassen
Nur 13,5 % der europäischen Stadtbevölkerung leben in Quartieren, die den gesamten Standard erfüllen. Eine in Nature Communications veröffentlichte Studie des Gemeinsamen Forschungszentrums der Europäischen Kommission und der Universität Kopenhagen untersuchte, wie weit Städte die drei Bedingungen verfehlen.
Die Zahl zeigt, dass die Schweiz Teil einer grösseren europäischen Herausforderung ist. Schweizer Städte verfügen oft über einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr, kompakte Quartiere und etablierte Parks. Diese Vorteile garantieren jedoch nicht, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von ihren Fenstern aus Bäume sehen, in Gebieten mit 30 % Baumkronenbedeckung wohnen oder innerhalb von 300 Metern eine hochwertige Grünfläche erreichen können. Eine Stadt kann bei einem Kriterium gut abschneiden und die kombinierte Prüfung dennoch nicht bestehen.
Der Standard wirft auch Fragen zur Qualität auf. Ein schmaler Grünstreifen, eine umzäunte Fläche oder ein Park ohne Sitzgelegenheiten und Schatten kann bei einer kartengestützten Erhebung zwar mitgezählt werden, den Bewohnerinnen und Bewohnern aber nur wenig Erleichterung bieten. Die Studie und die Kritikerinnen und Kritiker der Regel verweisen auf methodische, klimatische und ethische Grenzen. Das Wachstum von Bäumen unterscheidet sich je nach Art und Region. Messungen können den Unterschied zwischen einer ausgewachsenen Baumkrone und frisch gepflanzten Jungbäumen übersehen. Der Zugang hängt zudem davon ab, ob ein Ort sicher, einladend und nutzbar wirkt.
Diese Bedenken machen den Rahmen nicht bedeutungslos. Sie zeigen, warum Gemeinden die Zahlen als Planungsgrundlage behandeln und sie um lokale Kriterien zu Schatten, Biodiversität, Zugänglichkeit und Unterhalt ergänzen sollten.
Schatten in den nächsten Stadtplan integrieren
Schweizer Gemeinden stehen nun vor einem Planungsentscheid mit langem Vorlauf: Sie müssen Platz für Bäume sichern, bevor Strassen und Gebäude die Hitze festschreiben. Ein ausgewachsener Baumbestand lässt sich nicht so schnell schaffen wie eine temporäre Vernebelungsanlage installieren. Bepflanzungen benötigen zudem Platz für Wurzeln, Wasser und Unterhalt sowie für eine sichere Bewegung durch Strassen und Plätze.
Die Anwendung der 3-30-300-Regel würde verschiedene Bereiche der Stadtpolitik betreffen. Bauprojekte könnten daraufhin geprüft werden, wie viele Bäume von Wohnungen und Arbeitsplätzen aus sichtbar sind. Bei der Neugestaltung von Strassen könnte ein durchgehendes Baumkronendach Vorrang vor einzelnen Pflanzgefässen erhalten. Behörden könnten Quartiere ermitteln, in denen Bewohnerinnen und Bewohner mehr als 300 Meter von einem nutzbaren Park entfernt wohnen, und diese über schattige Wege oder neue Grünflächen anbinden.
Der Ansatz verschärft auch den Druck auf die knappe öffentliche Fläche und die konkurrierenden Nutzungsansprüche. Parkplätze, Fahrspuren, Baustellen und unterirdische Infrastruktur können die Möglichkeiten für Bepflanzungen einschränken. In historischen Zentren wie jenen im Tessin müssen Planerinnen und Planer Schatten und Abkühlung mit dem Schutz des Kulturerbes und dem Charakter öffentlicher Plätze in Einklang bringen.
Für den Erfolg reicht es nicht, Baumstämme zu zählen. Städte müssen die Baumkronenentwicklung verfolgen, öffentliche Räume während Dürre und Hitze unterhalten und prüfen, ob ältere Menschen, Kinder und Personen ohne eigenen Garten sie bequem nutzen können. Die Regel bietet einen messbaren Ansatz für diese Arbeit. Wie sie umgesetzt wird, hängt von den lokalen klimatischen und sozialen Bedingungen ab.