Stadtplanung
Schweizer Städte uneins über Geschwindigkeitslimiten
Eine nationale Umfrage zeigt: Zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer lehnen eine flächendeckende Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h in Städten ab und bevorzugen den heutigen Mix

Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung haben ein deutliches Urteil gefällt: Sie lehnen eine flächendeckende Einführung von Tempo 30 in städtischen Gebieten ab. Eine neue, vom Touring Club Schweiz (TCS) in Auftrag gegebene und von YouGov durchgeführte Umfrage zeigt, dass die Bevölkerung umfassenden Einschränkungen äusserst skeptisch gegenübersteht. Während sich Umwelt- und Lärmschutzorganisationen für eine rasche Verlangsamung einsetzen, wehrt sich die Öffentlichkeit dagegen.
Die Daten sind eindeutig. Drei Viertel der 1’207 Befragten verlangen, dass das heutige gemischte System beibehalten wird. Sie bevorzugen eine pragmatische Regelung, bei der auf den Hauptverkehrsachsen weiterhin Tempo 50 gilt und tiefere Geschwindigkeitslimiten nur dort angeordnet werden, wo es unbedingt nötig ist. Das ist keine vorübergehende Schwankung der öffentlichen Meinung, sondern spiegelt das deutliche Ergebnis der Abstimmung von 2001 wider, bei der die Stimmberechtigten einen ähnlichen Vorschlag klar ablehnten. Die Botschaft an die Stadtplanerinnen und Stadtplaner ist klar: Schweizer Autofahrerinnen und Autofahrer verlangen effiziente Verkehrswege und wollen nicht ohne triftigen Grund durch ihre Städte schleichen.
Angst vor Staus und Ausweichverkehr
Neben persönlichen Vorlieben schüren auch praktische Bedenken den Widerstand. 61 Prozent der Befragten befürchten, dass langsamere Hauptverkehrsachsen zu mehr Ausweichverkehr führen, also dazu, dass Autofahrerinnen und Autofahrer Hauptstrassen meiden und auf ruhigen Quartierstrassen schneller fahren, um Zeit zu sparen. Diese unbeabsichtigte Folge droht die Gefahr ausgerechnet in jene Wohnquartiere zu verlagern, die mit den tieferen Geschwindigkeitslimiten geschützt werden sollen.
Die Bedenken betreffen auch das Rückgrat der Schweizer Infrastruktur: den öffentlichen Verkehr und die Rettungsdienste. Fast sechs von zehn Befragten warnen, dass Busse bei Tempo 30 die bestehenden Fahrpläne durcheinanderbringen würden. Um das Angebot aufrechtzuerhalten, müsste die Fahrzeugflotte kostspielig ausgebaut werden. Noch beunruhigender ist, dass mehr als zwei Drittel der Bevölkerung Verzögerungen bei Ambulanzen und Feuerwehren befürchten. In einem Land, das stolz auf Pünktlichkeit und Effizienz ist, stösst die Aussicht auf eine künstlich verursachte Verlangsamung auf heftigen Widerstand.
Schutz der besonders Gefährdeten
Trotz der Ablehnung flächendeckender Einschränkungen geben die Schweizerinnen und Schweizer die Sicherheit nicht auf. Die Unterstützung für gezielte Massnahmen bleibt gross: 67 Prozent sind der Ansicht, dass Tempo-30-Zonen in Wohnquartieren und in der Nähe von Schulen wichtig sind. Diese differenzierte Haltung zeigt eine anspruchsvolle Wählerschaft, die Sicherheit dort schätzt, wo sie am wichtigsten ist, dogmatische Einheitslösungen aber ablehnt.
Bemerkenswert ist, dass sich dieses Bedürfnis nach Ordnung auch auf neue Mobilitätsformen erstreckt. Ganze 91 Prozent der Befragten bestehen darauf, dass für E-Bikes dieselben örtlichen Geschwindigkeitslimiten gelten wie für Autos. Das signalisiert das Ende des «Wilden Westens» der elektrischen Mikromobilität. Der Konsens ist klar: Langsamer fahren, wo Kinder spielen und Menschen wohnen, aber die Verkehrsachsen der Stadt offenhalten. Der TCS, der 1,6 Millionen Mitglieder vertritt, setzt sich weiterhin für diesen «differenzierten Ansatz» ein und argumentiert, dass Sicherheit und Mobilität kein Widerspruch sein müssen.
Bern setzt auf nationale Einheitlichkeit
Der Bund nimmt die Anliegen auf. Angesichts eines Flickenteppichs lokaler Vorschriften verlangen 68 Prozent der Stimmberechtigten einheitliche nationale Regeln, und Bern greift ein, um für Ordnung zu sorgen. Das Bundesparlament hat sich bereits für klarere Kriterien ausgesprochen und bekräftigt, dass auf verkehrsorientierten Strassen Tempo 50 der Standard bleiben muss und Tempo-30-Zonen nur als gezielte Ausnahmen eingesetzt werden sollen.
Während der Bund die Verordnungen an den Willen des Parlaments anpasst, scheint die Zeit einseitig von Gemeinden angeordneter flächendeckender Temporeduktionen zu Ende zu gehen. Diese Übereinstimmung zwischen Bundesgesetzgeber und Volkswillen, bestätigt durch die YouGov-Daten aus Juni und Juli, ebnet den Weg für eine einheitliche Schweizer Verkehrspolitik. Die Zukunft des Fahrens in Schweizer Städten wird von Pragmatismus und nicht von Ideologie geprägt sein, damit das Land in einem sinnvollen Tempo in Bewegung bleibt.