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Swiss Observer

Swatch Group steht angesichts sinkender Aktienkurse vor einer Führungsherausforderung

Aktivistische Investoren stellen die Geschäftsführung infrage, während die Swatch-Aktien angesichts der Abschwächung des Luxusmarkts und Bedenken zur Unternehmensführung um 24 Prozent fallen.

Swatch Group steht angesichts sinkender Aktienkurse vor einer Führungsherausforderung
AISWI swissinfo.ch

Ein dramatischer Einbruch des Reingewinns um 75 Prozent hat in der Schweizer Finanzwelt Schockwellen ausgelöst und signalisiert, dass die Swatch Group nicht mehr einfach nur vor sich hin tickt, sondern massiv an Wert verliert. Im vergangenen Jahr sank der Reingewinn auf gerade einmal 219 Millionen Franken. Diese desaströse Leistung drückte die Bewertung des Unternehmens auf 7,7 Milliarden Franken. Für einen Giganten, dessen Aktienkurs 2014 einst beinahe 600 Franken erreicht hatte, bedeutet der heutige Kurs von 147.85 Franken einen demütigenden Absturz.

Die Investoren ziehen ihre Konsequenzen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten sind die Aktien um 24 Prozent eingebrochen und haben damit ihren schmerzhaften Abwärtstrend fortgesetzt. Die Geschäftsleitung macht die sinkende Nachfrage chinesischer Konsumentinnen und Konsumenten sowie die weltweite Abschwächung des Luxusmarkts dafür verantwortlich. Doch der Markt lässt sich nicht länger mit diesen Ausreden abspeisen. Der in Biel ansässige Konzern, zu dem 16 bekannte Marken wie Omega und Longines gehören, steckt in einer existenziellen Krise, die weit über die makroökonomischen Gegenwinde hinausgeht. Die Zahlen zeichnen das Bild eines Unternehmens im freien Fall, und die Finanzwelt verlangt Antworten, die die derzeitige Führung offenbar nicht geben will oder kann.

Sturm auf die Festung: Aktivisten nehmen die Hayek-Dynastie ins Visier

Die Tore der Swatch-Festung werden belagert. Steven Wood, Gründer der US-Investmentfirma GreenWood Investors, führt einen mutigen Vorstoss an, um in den Verwaltungsrat einzuziehen. Er kandidiert an der Generalversammlung am kommenden Mittwoch. Wood sagte der «Financial Times» unverblümt, Swatch werde «nur für einen einzigen Aktionär geführt». Das ist eine vernichtende Kritik am eisernen Griff der Hayek-Familie über das Unternehmen. Dabei geht es nicht bloss um unterschiedliche Vorstellungen zur Strategie, sondern um einen Kampf um die Seele eines börsenkotierten Unternehmens, das wie ein privates Lehen geführt wird.

Die Verteidigung der Hayek-Familie ist stark. Obwohl sie nur 25 Prozent des Aktienkapitals besitzt, kontrolliert sie dank einer Aktienstruktur mit unterschiedlichen Stimmrechten 44 Prozent der Stimmen. Diese Struktur hat die Familie lange vor Kritik von aussen abgeschirmt. Doch der Druck wächst. Auch andere Investoren, darunter Michael Niedzielski, Mitgründer von Roce Capital, kritisieren das «desaströse» Management des Nettoumlaufvermögens, das den freien Cashflow seit einem Jahrzehnt aufzehre. Die Botschaft des Marktes ist klar: Die Ära der unangefochtenen Kontrolle durch die Familie steht vor ihrer bisher grössten Herausforderung. Die Investoren sind nicht länger bereit, als stumme Passagiere auf einem sinkenden Schiff mitzufahren. Sie verlangen das Steuer.

Nebelkerzen: Der hohe Preis einer eigenwilligen Führung

Nick Hayek, der 70-jährige CEO, hat sich lange mit seinem Ruf als Provokateur der Branche geschmückt. Doch seine «eigenwilligen» Auftritte verlieren ihren Reiz, während der Aktienkurs einbricht. Hayek raucht an Pressekonferenzen Zigarren und veröffentlicht Geschäftsberichte in unverständlichen schweizerdeutschen Dialekten oder in winziger Schrift. Seine Geringschätzung gegenüber der Finanzwelt ist zu einer Belastung geworden. Als er im vergangenen Jahr wegen seines isolationistischen Ansatzes kritisiert wurde, fiel seine Antwort unverblümt aus: Wenn es den Investoren nicht gefalle, könnten sie «anderswo investieren». Genau das haben sie getan.

Oliver Müller von LuxeConsult stellt bei der Führung eine fatale Eigenschaft fest: Sie sei «beratungsresistent». Diese Arroganz kommt das Unternehmen teuer zu stehen. Investmentbanker berichten, dass Versuche, strategische Ratschläge zur Erneuerung des Markenportfolios zu geben, kurzerhand zurückgewiesen werden. Swatch sagt zwar, der Konzern tausche sich mit Analysten aus. In den Augen der Finanzelite entsteht jedoch der Eindruck eines geschlossenen Kreislaufs, in dem Rückmeldungen wirkungslos verhallen. In einer modernen Unternehmenswelt, die Transparenz und Agilität verlangt, wirkt Hayeks trotzige, altmodische Haltung weniger wie Stärke als vielmehr wie ein gefährlicher blinder Fleck.

Ein Erbe in Gefahr: Vom Retter zum Stillstand

Die Tragik der aktuellen Krise liegt im Schatten der Unternehmensgeschichte. Nicolas Hayek, Nicks Vater, gilt zu Recht als Retter der Schweizer Uhrenindustrie. Als Visionär setzte er die Kunststoffuhr Swatch ein, um die asiatischen Quarzkonkurrenten mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Er machte aus einer sterbenden Branche ein weltweites Symbol Schweizer Innovationskraft. Heute sagen Kritiker, diese Dynamik sei durch Stillstand ersetzt worden. Dem Unternehmen, das einst für Anpassungsfähigkeit stand, wird nun vorgeworfen, starr und unempfänglich für den Wandel zu sein.

Der Konzern produziert weiterhin aussergewöhnliche Zeitmesser, von der Luxusuhr Breguet bis zur erschwinglichen Swatch. Doch der strategische Motor scheint ins Stocken geraten zu sein. Während sich der Luxusmarkt in China abkühlt und der weltweite Wettbewerb zunimmt, ist es ein Rezept für die Bedeutungslosigkeit, sich auf den Lorbeeren der 1980er-Jahre auszuruhen. An der bevorstehenden Generalversammlung geht es um mehr als die Wahl von Verwaltungsratsmitgliedern. Sie ist ein Votum darüber, ob die Swatch Group über ihre dynastischen Wurzeln hinauswachsen kann, um im 21. Jahrhundert zu bestehen. Für die Schweiz steht ausserordentlich viel auf dem Spiel: Eine nationale Ikone gerät vom Kurs ab. Ohne Kurskorrektur droht das Erbe des älteren Hayek durch die Sturheit seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger zerstört zu werden.