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Swiss Observer

Archäologen legen in Windisch römische Mauer aus der Zeit von Kaiser Tiberius frei

Ein bedeutender archäologischer Fund in Windisch im Aargau hat die erste Lagerwand aus der frühen Regierungszeit von Kaiser Tiberius ans Licht gebracht. Die Entdeckung liefert neue Erkenntnisse zur Militärgeschichte der antiken Siedlung Vindonissa und ihrer Ausdehnung.

Archäologen legen in Windisch römische Mauer aus der Zeit von Kaiser Tiberius frei
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In Aargau steigt Geschichte aus der Erde: Archäologinnen und Archäologen bestätigen einen monumentalen Durchbruch für unser Verständnis der römischen Schweiz. Während 11 anstrengender Monate hat ein Team aus 20 Fachleuten den Boden an der Zürcherstrasse in Windisch untersucht und dabei die Fundamente der römischen Militärpräsenz freigelegt. Es gelang ihnen, die erste Lagerwand aus der Regierungszeit von Kaiser Tiberius auszugraben, der von 14 bis 37 n. Chr. regierte. Dabei handelt es sich nicht bloss um einen Haufen Trümmer, sondern um einen eindeutigen Beleg für die frühe Ausdehnung von Vindonissa. Während sich frühere Ausgrabungen auf die späteren Befestigungsanlagen aus Stein konzentrierten, gewährt diese Holz-Erde-Befestigung einen seltenen Einblick in die Anfangsjahre der römischen Besatzung. Die Entdeckung widerlegt bisherige Annahmen über die ursprüngliche Ausdehnung des Lagers und zeigt, dass die Römer ihre Militärpräsenz in der frühen Phase in der Schweiz noch ehrgeiziger ausbauten, als historische Aufzeichnungen vermuten liessen.

Das Tiberianische Kastell wird kartiert

Das Ausmass der Verteidigungsanlagen aus der Zeit des Tiberius ist eindrücklich: Sie erstreckten sich ganze 70 Meter südlich der späteren, bekannteren Umfassungsmauern. Die neu dokumentierte Holz-Erde-Mauer zieht sich durch das Gelände und biegt dann nach Nordwesten ab. Begleitet wird sie vom ersten physischen Nachweis des dazugehörigen Vindonissa-Grabens. Dieser Grundriss zeichnet die Karte des antiken Legionslagers neu. Mit der genauen Bestimmung dieser Koordinaten hat die Kantonsarchäologie Aargau eindeutige Belege dafür gesichert, wie sich die militärische Anlage von einem Grenzposten zu einem ausgeklügelten Machtzentrum entwickelte. Die ausserordentliche Präzision der römischen Ingenieure zeigt sich deutlich: Der Verlauf der Mauer stimmt mit einem nahe gelegenen, grossen Barackengebäude überein. Das Gebäude war stattliche neun Meter breit und mindestens 30 Meter lang und beherbergte die Soldaten, die das römische Recht in den helvetischen Gebieten durchsetzten. Die Entdeckung regelmässig angeordneter Räume und Vorräume gewährt einen beispiellosen Einblick in den strengen, organisierten Alltag eines Legionärs an der Rheingrenze.

Handwerk und Alltag im Legionslager

Das Leben in Vindonissa war von Arbeit und Überlebenskampf geprägt. Davon zeugt der Fund der Feuerstelle einer Feldschmiede tief in den ältesten Schichten der Fundstätte. Direkt neben der Lagerwand fanden Archäologinnen und Archäologen einen möglichen Handwerksbereich, zu dem auch die Überreste eines Backofens gehören. Hier wurde die Kriegsmaschinerie am Laufen gehalten: Waffen wurden repariert und Brot gebacken, um die Truppen des Kaisers zu versorgen. Dies folgt auf den aufsehenerregenden Fund eines verkohlten römischen Brotlaibs Anfang dieses Frühjahrs, des ersten seiner Art in der Schweiz. Die Schuttschichten vor dem Lager brachten zudem eine beeindruckende Menge an Münzen ans Licht, die von der Zeit der Römischen Republik bis in die Spätantike reichen. Das deutet darauf hin, dass die Stätte zwar unter Tiberius befestigt wurde, aber über mehr als 300 Jahre ein geschäftiger Ort wirtschaftlicher und militärischer Aktivität blieb. Der Nachweis einer Feldschmiede in der «Pionierzeit» der Siedlung unterstreicht, dass die Römer unmittelbar nach ihrer Ankunft die nötige Infrastruktur aufbauten.

Das römische Erbe der Schweiz bewahren

Mit dem Abschluss der 11-monatigen Ausgrabung endet auch der Wettlauf gegen die moderne Entwicklung. Auslöser der Arbeiten war ein geplantes Neubauprojekt an der Zürcherstrasse. Das macht das ständige Spannungsverhältnis zwischen der Zukunft der Schweiz und ihrer antiken Vergangenheit deutlich. Dank eines Sonderbeitrags konnte das 20-köpfige Team jeden Zentimeter des Fundorts dokumentieren, bevor das Gelände wieder überbaut wird. Diese «Rettungsarchäologie» stellt sicher, dass die Daten und Fundstücke für die Nachwelt erhalten bleiben, auch wenn der Boden bewegt wird. Die Bedeutung ist klar: Windisch bleibt einer der bedeutendsten archäologischen Hotspots Europas. Die zahlreichen Funde aus dem 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. ergeben eine lückenlose Zeitleiste des römischen Einflusses in der Region. Während die Forschenden mit der detaillierten Analyse der geborgenen Münzen und Bauwerke beginnen, festigt die Schweiz ihren Ruf als weltweit führend in der archäologischen Denkmalpflege und der hochauflösenden Geländevermessung. Die Geister von Tiberius’ Legionen haben endlich eine Stimme erhalten.