Gesundheitswesen
Roche kooperiert mit dänischem Unternehmen bei neuartiger Adipositasbehandlung
Der Basler Roche-Konzern kündigt eine strategische Partnerschaft mit Zealand Pharma an, um eine wöchentlich zu injizierende Adipositasbehandlung zu entwickeln. Damit baut das Unternehmen sein Engagement im Markt für Gewichtsmanagement deutlich aus.

Roche schaut nicht länger von der Seitenlinie aus zu. Mit einem entschlossenen Schritt, der an der Schweizer Börse für Aufsehen sorgte, hat der Basler Pharmakonzern eine starke Allianz mit dem dänischen Unternehmen Zealand Pharma geschmiedet. Die Reaktion des Marktes fiel unmittelbar und deutlich aus: Die Roche-Aktien legten um 4,2 Prozent auf 309 CHF zu und hoben den gesamten Swiss Market Index (SMI) bis am Vormittag um 1,62 Prozent an. Das ist nicht einfach eine Partnerschaft, sondern eine klare Absichtserklärung.
Nachdem Roche Ende 2023 mit der Übernahme von Carmot Therapeutics in die Bereiche Herz-Kreislauf, Nieren und Stoffwechsel (CVRM) eingestiegen war, legt der Konzern nun nach. Im Zentrum der Vereinbarung steht Petrelintid, ein neuartiger Wirkstoff zur wöchentlichen Injektion, der sich derzeit in klinischen Phase-2-Studien befindet. Die finanziellen Einzelheiten sind zwar nicht bekannt, die strategische Bedeutung ist jedoch klar: Roche nimmt den lukrativen Markt für Gewichtsmanagement ins Visier und will einen Markt aufmischen, der derzeit von Novo Nordisk und Eli Lilly dominiert wird. Der schlafende Riese aus Basel ist erwacht, und die Anleger setzen grosse Hoffnungen in seine Fähigkeit, zu liefern.
Die Wissenschaft des Abnehmens: Petrelintid im Fokus
Im Wettrüsten der Pharmaindustrie zählt nur Innovation, und Roche glaubt, einen Wirkstoff der Spitzenklasse gefunden zu haben. Petrelintid ist nicht einfach ein weiteres generisches Mittel zur Gewichtsabnahme, sondern ein lang wirkendes Amylin-Analogon, das einmal pro Woche subkutan injiziert wird. Dieser Wirkmechanismus bietet im Vergleich zu Standardbehandlungen einen anderen physiologischen Ansatz und könnte für Menschen mit Adipositas neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen.
Die eigentliche Stärke liegt jedoch im Zusammenspiel. Roche will Petrelintid nicht nur als alleinige Monotherapie einsetzen, sondern auch in einer wirksamen Fixdosiskombination mit dem eigenen führenden Inkretin-Wirkstoff CT 388. Indem Roche die Adipositas über mehrere biologische Ansatzpunkte bekämpft, will das Unternehmen eine bessere Wirksamkeit erzielen. Die Zusammenarbeit stärkt Roches Portfolio im Bereich Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen deutlich und könnte eine bisherige Lücke im Angebot in einen wichtigen Innovationsbereich verwandeln. Nun gilt es, in klinischen Studien zu beweisen, dass diese schweizerisch-dänische Kombination bestehende Therapien übertreffen kann.
Das Urteil der Analysten: Hohe Einsätze in einem umkämpften Markt
Das mögliche Ertragspotenzial ist enorm. Marcel Brand, Experte bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), schätzt, dass eine erfolgreiche Kombinationstherapie ein Umsatzpotenzial von 5 Milliarden Dollar erschliessen könnte. Diese Zahl bleibt auch angesichts des starken Preisdrucks und der drohenden Konkurrenz durch GLP-1-Generika beeindruckend. Die Einschätzung am Markt verändert sich: Die ZKB empfiehlt Anlegern nun, ihre Bestände aufzustocken, und signalisiert damit grosses Vertrauen in Roches Strategie.
Stefan Schneider von Vontobel unterstreicht diese optimistische Einschätzung und setzt das Kursziel auf 320 CHF. Er argumentiert, dass dieser Ausbau nach der Übernahme von Carmot im Jahr 2023 eine logische Notwendigkeit sei. «Um sich gegen mehrere Konkurrenten wirksam zu behaupten, muss Roche seine therapeutischen Möglichkeiten erweitern», sagt Schneider. Er prognostiziert, dass Roche seine CVRM-Wirkstoffe bis 2028 auf den Markt bringen wird und der risikobereinigte Umsatz dann einen entscheidenden Wert von 1,9 Milliarden CHF (2,1 Milliarden Dollar) erreicht. Der Weg ist zwar mit Herausforderungen verbunden, insbesondere mit der Schwierigkeit, Medikamente mit sich überschneidenden Nebenwirkungen zu entwickeln. Das finanzielle Potenzial spricht jedoch für Roches offensives Vorgehen.
Eine globale Krise: Die Herausforderung für 4 Milliarden Menschen
Die Dringlichkeit dieser Vereinbarung lässt sich kaum überschätzen. Adipositas ist nicht bloss ein kosmetisches Problem, sondern eine komplexe, vielschichtige Krankheit, die mit mehr als 200 Folgeerkrankungen verbunden ist, darunter Herz-Kreislauf-Versagen und Stoffwechselentgleisungen. Interne Daten von Roche zeichnen ein düsteres Bild: Bis 2035 werden weltweit voraussichtlich 4 Milliarden Menschen von Adipositas betroffen sein. Es handelt sich um eine globale Gesundheitskrise von beispiellosem Ausmass.
Für die Schweiz, die stolz darauf ist, in den Lebenswissenschaften weltweit führend zu sein, bedeutet diese Partnerschaft mehr als nur Profit, sie bringt auch Verantwortung mit sich. Roche positioniert sich an der Spitze einer Lösung, die die Hälfte der Weltbevölkerung dringend benötigen wird. Konkurrenten wie Novo Nordisk haben zwar einen Vorsprung, doch das enorme Ausmass der Epidemie lässt viel Raum für bessere Innovationen. Während Roche einen möglichen Markteintritt für 2028 vorbereitet, richtet sich der Blick der Welt nach Basel. Der Kampf gegen Adipositas verschärft sich, und die Schweizer Wissenschaft hat gerade schwere Geschütze an die Front gebracht.