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Swiss Observer

Parlament lehnt Initiative zur «dauerhaften Neutralität» ab und verzichtet auf Gegenvorschlag

Der Schweizer Nationalrat hat eine Volksinitiative, die eine dauerhafte und bewaffnete Neutralität in der Verfassung verankern will, deutlich abgelehnt. Nach einer ausführlichen Debatte verwarf das Parlament den von der Schweizerischen Volkspartei unterstützten Vorschlag und beschloss zudem, keinen direkten Gegenvorschlag auszuarbeiten.

Parlament lehnt Initiative zur «dauerhaften Neutralität» ab und verzichtet auf Gegenvorschlag
AISWI swissinfo.ch

Mit einem deutlichen Verdikt, das durch das Bundeshaus hallte, hat der Nationalrat den Vorstoss für eine Verfassungsänderung zur «dauerhaften und bewaffneten» Neutralität kategorisch abgelehnt. Nach einer zermürbenden, fast achtstündigen Marathondebatte verwarf die grosse Kammer die Initiative mit 128 zu 60 Stimmen. Die überwältigende Ablehnung isoliert die rechts stehende Schweizerische Volkspartei (SVP), die als einzige politische Kraft eine Rückkehr zu einer kompromisslosen, isolationistischen Haltung befürwortet.

Die Abstimmung signalisiert, dass die Mehrheit des Parlaments den aussenpolitischen Handlungsspielraum der Schweiz nicht einschränken will. Während die SVP argumentiert, das Land nähere sich gefährlich stark ausländischen Bündnissen an, ist das Verdikt des Nationalrats unmissverständlich: Starre verfassungsmässige Einschränkungen sind eine Belastung und kein Schutzschild. Das Ausmass der Niederlage, bei der mehr als zwei Drittel der Ratsmitglieder mit Nein stimmten, unterstreicht die tiefe Kluft zwischen der isolationistischen Rechten und dem übrigen politischen Spektrum hinsichtlich der Rolle der Schweiz auf der modernen Weltbühne.

Nationalrat verwirft Kompromiss und stellt sich gegen Strategie des Ständerats

Die Hoffnung auf einen gesetzgeberischen Mittelweg zunichtemachend, versenkte der Nationalrat auch den Versuch des Ständerats, einen Gegenvorschlag vorzulegen. Mit 109 zu 77 Stimmen verwarfen die Ratsmitglieder die Idee, den Stimmberechtigten einen alternativen Verfassungsartikel zu unterbreiten. Damit steuert der Nationalrat auf einen Konflikt mit dem Ständerat zu, der zuvor einen Kompromiss ausgearbeitet hatte. Dieser sollte die Neutralität verankern, ohne die Fähigkeit der Regierung zu beeinträchtigen, Sanktionen zu verhängen.

Die Weigerung, einen Gegenvorschlag in Betracht zu ziehen, bringt den Nationalrat strikt auf die Linie des Bundesrats: vollständige Ablehnung. Mitglieder der Mitte und der Grünliberalen versuchten gemeinsam mit der SVP, den Gegenvorschlag zu retten, scheiterten jedoch an einer geschlossenen Gegnerschaft. Dieser taktische Entscheid erhöht den Einsatz erheblich. Indem das Parlament die Absicherung durch eine gemässigte Alternative beseitigt, steuert es auf einen klaren Alles-oder-nichts-Kampf um die Ausrichtung der Schweizer Aussenpolitik zu.

Globale Sanktionen und NATO-Beziehungen stehen auf dem Spiel

Im Zentrum dieses heftigen politischen Tauziehens steht die radikale Forderung der Initiative, praktisch alle nichtmilitärischen Sanktionen zu verbieten. Bei einer Annahme würde der Vorschlag Bern die Möglichkeit nehmen, sich EU-Sanktionen anzuschliessen, etwa den derzeit gegen Russland gerichteten, ausser der UNO-Sicherheitsrat hätte dies ausdrücklich bewilligt. Dieser Rat ist jedoch häufig durch Vetos blockiert. Die Befürworter argumentieren, die Schweiz gebe ihre Neutralität «Stück für Stück auf», indem sie engere Beziehungen zur NATO pflege und sich Brüssel angleiche.

Die Gegner warnen hingegen, die Initiative würde die Schweizer Diplomatie in einer vergangenen Epoche einfrieren. Die geltende Verfassung lässt der Bundesregierung den Spielraum, die Neutralität angesichts sich verändernder geopolitischer Kräfteverhältnisse auszulegen. Das vorgeschlagene Verbot würde diese Anpassungsfähigkeit zunichtemachen und die Schweiz faktisch dazu zwingen, weiterhin mit Angreiferstaaten Handel zu treiben, solange die UNO nicht eingreift. Dieser Konflikt steht für eine grundlegende Meinungsverschiedenheit darüber, was Neutralität im 21. Jahrhundert bedeutet: aktives Engagement oder strikte, gesetzlich festgeschriebene Isolation.

Stimmberechtigte haben bei der Entscheidung 2026 das letzte Wort

Das parlamentarische Taktieren ist lediglich das Vorspiel zu einer historischen Entscheidung an der Urne. Die Schweizer Stimmberechtigten dürften 2026 das abschliessende Urteil fällen. Die Hürden für die Initiative sind hoch: Damit der Vorschlag Gesetz wird, muss er das «doppelte Mehr» erreichen, also sowohl die Mehrheit der Stimmen als auch die Mehrheit der Kantone. Diese hohe Hürde hat in der Vergangenheit viele radikale Verfassungsänderungen scheitern lassen.

Wenn die Debatte von den prunkvollen Sälen in Bern auf die öffentliche Bühne gelangt, steht für die Stimmberechtigten eine grundlegende Frage im Raum. Entscheiden sie sich dafür, das Land auf eine starre Definition der bewaffneten Neutralität festzulegen, oder bewahren sie den Handlungsspielraum, der es der Schweiz seit Jahrzehnten ermöglicht, durch die turbulenten Gewässer der europäischen Geopolitik zu navigieren? Da der Ständerat das Thema nächste Woche erneut behandeln will, ist das politische Drama noch lange nicht vorbei. Die endgültige Macht liegt nun jedoch fest in den Händen des Volkes.