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Swiss Observer

Parlament lehnt obligatorische Kennzeichnung von Katzen mit Mikrochips ab

Der Nationalrat stimmt gegen eine schweizweite Pflicht zur Kennzeichnung von Katzen mit Mikrochips, obwohl jedes Jahr mehr als 10'000 Katzen als vermisst gemeldet werden.

Parlament lehnt obligatorische Kennzeichnung von Katzen mit Mikrochips ab
AISWI swissinfo.ch

Jedes Jahr verschwinden in der ganzen Schweiz unglaubliche 10'000 Katzen, doch der politische Wille, sie zu erfassen, ist an einem toten Punkt angelangt. Am Dienstag versetzte der Nationalrat den Tierschutzorganisationen einen deutlichen Dämpfer und lehnte die schweizweite Pflicht zur Kennzeichnung von Katzen mit Mikrochips mit 108 zu 80 Stimmen klar ab. Während Hundehalterinnen und Hundehalter schon lange gesetzlich verpflichtet sind, ihre Tiere registrieren zu lassen, bleibt die Schweizer Katzenpopulation weitgehend unerfasst. Diesen Status quo hat das Parlament bewusst beibehalten.

Die Ablehnung erfolgte, obwohl der Bundesrat klar dazu aufgerufen hatte, die Gesetze zur Tierhaltung zu modernisieren. Die Regierung argumentierte, die notwendige Infrastruktur, eine nationale Datenbank, bestehe bereits, sodass die Umstellung problemlos möglich wäre. Der Nationalrat blieb jedoch bei seiner Haltung und signalisierte damit, dass die Freiheit der Tierhalterinnen und Tierhalter vorerst schwerer wiegt als die Krise der vermissten Tiere. Die Abstimmung ist ein deutlicher Rückschlag für jene, die argumentierten, ein einfacher Mikrochip könnte jedes Jahr Tausende verzweifelte Familien wieder mit ihren Haustieren zusammenführen. Stattdessen bleibt es allein den Halterinnen und Haltern überlassen, ihre Tiere freiwillig zu registrieren. Kritikerinnen und Kritiker halten dieses System für ein völliges Versagen, denn die Zahl der vermissten Haustiere bleibt alarmierend hoch.

Die Krise der Tierheime verschärft sich

Tierheime kämpfen mit einer überwältigenden Flut ausgesetzter Tiere. Die Krise wird durch das verstärkt, was die grüne Parlamentarierin Meret Schneider das «klein und herzig»-Syndrom nennt. Kätzchen werden spontan adoptiert und dann weggegeben, wenn sie erwachsen sind und ihren Reiz verloren haben. Schneider, die treibende Kraft hinter dem gescheiterten Vorstoss, zeichnete ein düsteres Bild der Folgen: Verlorene Katzen verbringen monatelang in Käfigen, während ihre Halterinnen und Halter vergeblich nach ihnen suchen, und ausgesetzte Katzen vermehren sich in freier Wildbahn unkontrolliert.

Der Unterschied im Schweizer Recht ist deutlich. Während jeder Hund erfasst wird, behandelt die Gesetzgebung Katzen mit einer Gleichgültigkeit, die ihrem Status als beliebtestes Haustier der Schweiz nicht gerecht wird. Schneider argumentierte, eine obligatorische Kennzeichnung mit Mikrochip würde Haustiere nicht nur umgehend wieder mit ihren Halterinnen und Haltern zusammenführen, sondern auch eine wichtige psychologische Hürde schaffen. Wäre die Registrierung obligatorisch, würden spontane Käuferinnen und Käufer vielleicht zweimal überlegen, bevor sie sich ein Haustier anschaffen, für das sie nicht bereit sind. Mit der Ablehnung dieser Massnahme hat das Parlament die Tierheime im Wesentlichen mit den finanziellen und emotionalen Kosten eines unregulierten Haustierhandels allein gelassen. Freiwillige müssen nun die Folgen beseitigen, die eine gesetzliche Regelung hätte verhindern können.

Gegner kritisieren Bürokratie

Für die rechtsgerichtete Schweizerische Volkspartei (SVP) war das vorgeschlagene Gesetz nichts anderes als eine «sinnlose Zwangsmassnahme». Der SVP-Parlamentarier Sylvain Freymond führte den Widerstand gegen die Pflicht an und bezeichnete den Vorschlag als bürokratische Überregulierung, die an der Realität vorbeigehe. Der Staat habe nicht das Recht, den Bürgerinnen und Bürgern Ausgaben für ein Problem aufzuzwingen, das sich mit einem Gesetz nicht lösen lasse.

Freymond wies auf einen entscheidenden logistischen Mangel hin: die Tausenden Katzen, die in freier Wildbahn geboren werden. Diese Tiere gehören niemandem. Die Kosten für das Einfangen und Chippen würden daher zwangsläufig der öffentlichen Hand zufallen. Angesichts der enormen Budgetzwänge, mit denen der Bund konfrontiert ist, bezeichnete die SVP die Subventionierung eines Katzenregisters als finanzpolitisch unverantwortlich. Die Gegnerinnen und Gegner stellten die Debatte erfolgreich nicht als Tierschutzfrage, sondern als Kampf gegen unnötige staatliche Eingriffe dar. Ihrer Ansicht nach sollte sich die Regierung auf «konkrete» Probleme konzentrieren, statt Hauskatzen zu überwachen. Die Verantwortung für die Tierhaltung solle strikt Privatsache bleiben.

Die stille Bedrohung der Biodiversität

Hinter dem politischen Schlagabtausch verbirgt sich eine massive, unkontrollierte biologische Auswirkung. Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider nannte eine erstaunliche Zahl: Schätzungsweise 225'000 nicht kontrollierte Katzen streifen derzeit durch die Schweiz. Dabei handelt es sich nicht nur um entlaufene Haustiere, sondern um Raubtiere, die die lokale Biodiversität stark unter Druck setzen. Der Bundesrat unterstützte die Massnahme nicht nur, um Haustiere zu retten, sondern auch, um einen strategischen Überblick über die Katzenpopulation zu erhalten und Tierseuchen sowie Zoonosen, also auf Menschen übertragbare Krankheiten, besser zu bekämpfen.

Die Ablehnung des Gesetzes lässt die Behörden über das wahre Ausmass des Problems im Dunkeln. Ohne obligatorische Registrierung ist es unmöglich, die Dichte der Katzenpopulationen nach Regionen zu erfassen. Damit bleibt den Stellen für den Schutz von Wildtieren nur, die Auswirkungen auf Vogel- und Nagetierbestände zu schätzen. Baume-Schneider sagte, die Massnahme hätte während des ganzen Katzenlebens nur einen einzigen Tierarztbesuch erfordert. Das wäre ein minimaler Aufwand für einen erheblichen Gewinn an Daten und bei der Seuchenkontrolle gewesen. Mit ihrem Nein hat sich das Parlament dafür entschieden, das Land über den ökologischen Fussabdruck seiner Katzen im Unklaren zu lassen. Es ignoriert damit die Möglichkeit, streunende Katzenpopulationen und die von ihnen übertragenen Krankheiten besser zu kontrollieren.