Kriminalität
Paketdiebstähle nehmen in der Westschweiz stark zu
Die französischsprachigen Regionen der Schweiz melden einen alarmierenden Anstieg von Paketdiebstählen. In einigen Kantonen nahmen die Fälle während der Festtage um bis zu 50 Prozent zu.

Die Westschweiz kämpft mit einem beispiellosen Anstieg der Paketdiebstähle, insbesondere während der Festtage. 2023 registrierten die Behörden in der Region 2500 Diebstähle, wobei in einigen Kantonen alarmierende Zunahmen verzeichnet wurden. Besonders stark betroffen ist der Kanton Waadt: Die Diebstahlzahlen haben sich gegenüber 2022 verdoppelt. Die Nachbarkantone Genf, Freiburg, Neuenburg und Bern meldeten Zunahmen zwischen 30 und 50 Prozent, während die Zahlen im Wallis und im Jura relativ stabil blieben.
Das Ausmass des Problems ist besonders besorgniserregend, wenn man bedenkt, dass die Schweizerische Post im Dezember täglich bis zu eine Million Pakete verarbeitet. Jährlich werden mehr als 20 000 Pakete bereits vor der Zustellung als vermisst gemeldet. Das Problem ist damit für Postdienste, Händler und Konsumentinnen und Konsumenten zu einem wichtigen Anliegen geworden.
Auswirkungen auf die Bevölkerung
Der Anstieg der Paketdiebstähle sorgt bei der Bevölkerung für breite Besorgnis. Persönliche Berichte zeigen, wie unterschiedlich die gestohlenen Gegenstände sind: von teurer Elektronik bis hin zu wichtigen medizinischen Hilfsmitteln. Christelle aus Prilly im Kanton Waadt erzählte, dass ihr sowohl eine Kamera als auch medizinische Hilfsmittel abhandengekommen seien. Ihr Beispiel zeigt, wie sich solche Diebstähle auf den Alltag auswirken.
Mitarbeitende der Post haben verdächtiges Verhalten beobachtet. Einige berichten, dass sie auf ihren Zustelltouren verfolgt wurden. Loïc Monneret, Pöstler in Yverdon, erzählt, wie er Ausweichmanöver macht, wenn er verdächtige Personen bemerkt. Die Ermittlungen der Polizei deuten darauf hin, dass es kein typisches Täterprofil gibt: Die Diebe reichen von opportunistischen Nachbarn bis zu organisierten kriminellen Netzwerken, die gezielt bestimmte Waren ins Visier nehmen.
Sicherheitsmassnahmen und Prävention
Angesichts der zunehmenden Diebstähle führen Behörden und Postdienste verstärkte Sicherheitsmassnahmen ein. Die Polizei empfiehlt, Pakete nicht unbeaufsichtigt zustellen zu lassen, und rät der Bevölkerung, eine persönliche Zustellung oder sichere Abholstellen zu wählen. Die Schweizerische Post und das Zustellpersonal achten verstärkt auf verdächtige Aktivitäten, überwachen diese genauer und melden sie den zuständigen Stellen.
Pöstler wie Loïc Monneret halten sich inzwischen an bestimmte Abläufe, wenn sie den Verdacht haben, verfolgt zu werden. Dazu gehört, Vorgesetzte und die örtliche Polizei zu alarmieren. Der Schwerpunkt liegt nun stärker auf vorbeugenden Massnahmen. Behörden und Zustelldienste arbeiten daran, die Bevölkerung über sichere Zustellmöglichkeiten zu informieren.
Rechtslage und Konsumentenrechte
Nach der geltenden Rechtslage in der Schweiz trägt der Käufer die Verantwortung, sobald ein Paket zugestellt wurde, selbst wenn es an einem leicht zugänglichen Ort abgelegt wurde. Damit unterscheidet sich die Schweiz von der Europäischen Union, wo Konsumentinnen und Konsumenten besser geschützt sind. Die Fédération romande des consommateurs hat eine parlamentarische Petition in Bern eingereicht, um das Schweizer Recht an europäische Standards anzugleichen. Sie schlägt vor, dass das Risiko erst mit dem bestätigten Erhalt des Pakets auf die Käuferseite übergeht.
Diese Rechtslücke erschwert es Konsumentinnen und Konsumenten, für gestohlene Waren eine Entschädigung zu erhalten. Oft sind sie auf die individuellen Richtlinien der Händler oder auf Versicherungsleistungen mit hohen Selbstbehalten angewiesen. Die vorgeschlagenen Gesetzesänderungen sollen den Konsumentenschutz verbessern und die Verantwortlichkeiten im Zustellprozess klarer regeln.
Reaktionen der Händler und Lösungsansätze
Schweizer Händler gehen unterschiedlich mit der Krise der Paketdiebstähle um. Einige Unternehmen, etwa der Onlinehändler QoQa, haben kundenfreundliche Regelungen eingeführt und erstatten den Kaufpreis gestohlener Waren oder ersetzen sie. Die Reaktionen unterscheiden sich jedoch deutlich: Manche Händler halten an strikten Richtlinien fest, die ihre Verantwortung nach dem Versand einschränken.
Die Situation hat eine Debatte über Verbesserungen bei den Zustellsystemen und den Kundenservice-Regelungen ausgelöst. Einige Händler investieren in alternative Zustellmöglichkeiten, etwa sichere Abholstellen und Zustellungen zu vereinbarten Zeitfenstern. Bei jährlich mehr als 200 Millionen transportierten Paketen liegt der Fokus zunehmend auf nachhaltigen Lösungen, die sowohl Händler als auch Konsumentinnen und Konsumenten schützen.