Recht
OECD fordert besseren Schutz von Whistleblowern in der Schweiz
Die Schweiz steht unter Druck, ihre Massnahmen zur Korruptionsbekämpfung zu verstärken und den Schutz von Whistleblowern zu verbessern, nachdem sie die OECD-Empfehlungen 20 Jahre lang nicht umgesetzt hat.

Seit unglaublichen 20 Jahren verschleppt die Schweiz wichtige Reformen zur Korruptionsbekämpfung, und der internationalen Gemeinschaft reicht es nun endgültig. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) übte diesen Dienstag in Bern scharfe Kritik und forderte die Schweizer Regierung auf, Empfehlungen nicht länger zu ignorieren, die auf die frühen 2000er-Jahre zurückgehen. Kathleen Roussel, Vorsitzende der OECD-Arbeitsgruppe gegen Bestechung, nahm kein Blatt vor den Mund und erklärte ausdrücklich, dass ihre Anwesenheit durch das Versäumnis der Schweiz notwendig geworden sei, diese «entscheidenden» Massnahmen umzusetzen.
Dabei handelt es sich nicht bloss um ein bürokratisches Versehen, sondern um ein systemisches Versagen, sich an internationalen Standards auszurichten. Während die Schweizerische Bundesanwaltschaft (BA) für ihre aktive Rolle bei der Verfolgung ausländischer Bestechung gelobt wurde, ist der sie stützende gesetzliche Rahmen gefährlich veraltet. Das Ultimatum der OECD ist klar: Die Zeit der Verzögerungen ist vorbei. Die Schweiz muss sich nun der Tatsache stellen, dass ihre Stellung als globaler Unternehmensstandort durch die Weigerung untergraben wird, diese seit Langem bestehenden Gesetzeslücken zu schliessen.
Bussen ohne abschreckende Wirkung
Gerade einmal 5 Millionen CHF beträgt die derzeitige Höchstbusse für Schweizer Unternehmen, die beim Bestechen ausländischer Amtsträger erwischt werden. In der Welt multinationaler Konzerne mit Milliardenumsätzen ist dieser Betrag nicht mehr als eine Rundungsdifferenz. Kathleen Roussel kritisierte diese Obergrenze als «überhaupt nicht abschreckend» und legte damit eine zentrale Schwäche des Schweizer Strafrechts offen. Wenn Unternehmen Bussen wegen Korruption als geringfügige Geschäftskosten einplanen können, verliert das Gesetz seine Wirkung.
Der Kontrast zu anderen Ländern ist deutlich und beschämend. Roussel verwies auf Kanada, wo es für solche Bussen keine Obergrenze gibt und die Sanktionen entsprechend der Schwere des Vergehens festgesetzt werden können. Die Weigerung der Schweiz, diese Obergrenze anzuheben, deutet auf eine Zurückhaltung hin, den mächtigen Unternehmenssektor vollumfänglich zur Verantwortung zu ziehen. Da jüngste Daten darauf hindeuten, dass über 60 Prozent der Schweizer Unternehmen, von denen im Ausland Bestechungsgeld verlangt wird, tatsächlich zahlen, ist klar, dass die derzeitigen finanziellen Sanktionen illegales Verhalten nicht eindämmen. Die Botschaft der OECD ist unmissverständlich: Bussen müssen wehtun, wenn sie wirken sollen.
Der europäische Sonderfall
Die Schweiz ist zu einem gefährlichen Sonderfall geworden. Die OECD bezeichnet sie wegen ihrer Weigerung, Whistleblower im Privatsektor zu schützen, als «Anomalie auf europäischer Ebene». Während Nachbarländer ihre gesetzlichen Rahmenbedingungen gestärkt haben, um Personen zu schützen, die Korruption aufdecken, sind diese nach Schweizer Recht Vergeltungsmassnahmen ausgesetzt. Sich auf einen Flickenteppich aus unternehmensinternen Regelungen zu verlassen, sei «nicht genug», argumentierte Roussel. Ein gesetzlicher Rahmen, der einen gemeinsamen Grundschutz gewährleiste, sei unverzichtbar.
Diese Gesetzeslücke schafft eine Kultur des Schweigens. Angestellte, die Zeugen von Korruption werden, müssen zwischen ihrer Integrität und ihrem Lebensunterhalt wählen, denn der Staat bietet ihnen keinen Schutz. Das Schweizer Parlament hat die Hoffnungen auf eine Reform wiederholt zunichtegemacht und noch 2024 zusätzliche Schutzmassnahmen abgelehnt. Dieser hartnäckige Widerstand isoliert die Schweiz in Europa und lässt das Land eher als sicheren Hafen für unternehmerische Geheimhaltung denn als Verfechter von Transparenz erscheinen. Die Forderung der OECD ist eine direkte Herausforderung dieser Haltung: Diejenigen schützen, die die Wahrheit ans Licht bringen, oder sich weiterhin internationaler Kritik stellen.
Eine bescheidene Strategie gerät unter Beschuss
Die Kritik kommt nicht nur aus dem Ausland, sondern auch aus dem Inland. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) hat die Bemühungen der Regierung zur Korruptionsbekämpfung scharf verurteilt und den Anspruch der aktuellen Strategie als «bescheiden» und ihre Ziele als «unklar» bezeichnet. In einem im vergangenen April veröffentlichten Prüfbericht wies die EFK auf einen chaotischen Mangel an Koordination hin und stellte fest, dass es der interdepartementalen Arbeitsgruppe (GTID) an der Befugnis fehlt, Massnahmen in der gesamten Bundesverwaltung durchzusetzen.
Trotz dieser internen Warnungen hat der Bundesrat Empfehlungen für eine zentralisierte Steuerung abgelehnt und sich stattdessen für die Beibehaltung eines zersplitterten Ansatzes entschieden. Die Weigerung, eine zentrale Stelle zu stärken, untergräbt den Kampf gegen Korruption, noch bevor er richtig begonnen hat. Wenn die für die Aufsicht zuständige Stelle die Strategie der Regierung als schwach bezeichnet, bestätigt dies die Frustration der OECD. Die Schweiz ringt mit einer Verwaltungsstruktur, die offenbar darauf ausgelegt ist, die Verantwortung zu verwässern, statt sie durchzusetzen.
Der Weg bis 2025
Die Zeit bis zu einem entscheidenden Wendepunkt wird knapp. Eine neue nationale Strategie zur Korruptionsbekämpfung für die Jahre 2025 bis 2028 wird derzeit fertiggestellt und dem Bundesrat nach der Sommerpause vorgelegt. Alexandra Baumann, Leiterin der GTID, bezeichnet die Gespräche als «konstruktiv», und das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) betont, die Behörden seien dem Kampf verpflichtet. Vage Zusicherungen reichen jedoch nicht mehr aus.
Die bevorstehende Strategie wird zur Nagelprobe für die Schweizer Regierungsführung. Wird der Bundesrat endlich den nötigen Mut aufbringen, die 20 Jahre alten Empfehlungen der OECD umzusetzen, oder wird er erneut ein «bescheidenes» Dokument vorlegen, das am Status quo festhält? Die Welt schaut zu, und die Geduld der internationalen Partner wird knapp. Damit die Schweiz ihren Ruf als führender globaler Unternehmensstandort bewahren kann, muss sie beweisen, dass ihre Integrität so solide ist wie ihre Banken.