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Swiss Observer

Grosser Menschenhändlerring zerschlagen: 146 chinesische Opfer identifiziert

Die Schweizer Behörden haben fünf Verdächtige in einem der grössten Menschenhandelsfälle des Landes angeklagt. Der Fall zeigt, dass der Datenaustausch zwischen den Kantonen verbessert werden muss.

Grosser Menschenhändlerring zerschlagen: 146 chinesische Opfer identifiziert
AISWI swissinfo.ch

In einem wegweisenden Schlag gegen die organisierte Kriminalität haben Berner Behörden einen weit verzweigten Menschenhändlerring aufgedeckt und dabei 146 Opfer identifiziert. Damit handelt es sich nach bestätigtem Stand um einen der grössten Fälle in der Schweizer Geschichte. Das Ausmass dieses Geschäfts zerstört die Illusion, die Schweiz sei vor den dunklen Seiten internationaler Ausbeutung gefeit. Nach einer unerbittlichen dreijährigen Ermittlung, die im Frühjahr 2022 begann, hat die Berner Staatsanwaltschaft fünf Verdächtige formell angeklagt. Damit ist ein entscheidender Moment für das Schweizer Justizsystem gekommen.

Die Ermittlungen begannen mit einem gross angelegten Einsatz, bei dem die zunächst beschuldigten Personen festgenommen wurden, und brachten ein komplexes Netz des Missbrauchs ans Licht. Bei den ersten Razzien wurden lediglich sechs Opfer identifiziert. Sorgfältige Polizeiarbeit ergab jedoch, dass das Netzwerk fast 150 Frauen, hauptsächlich chinesische Staatsangehörige, in seine Fänge gelockt hatte. Dieser Fall ist nicht bloss eine Statistik, sondern ein düsteres Zeugnis dafür, wie weit moderne Sklaverei bis in unser Land reicht. Während sich die Beschuldigten, drei Männer und zwei Frauen im Alter von 30 bis 53 Jahren, darauf vorbereiten, sich vor Gericht zu verantworten, verlangt das Ausmass der ihnen vorgeworfenen Straftaten die volle Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.

Digitale Räuber: Die skrupellosen Methoden der Anwerbung

Die Menschenhändler lauerten nicht auf den Strassen, sondern jagten in den digitalen Schatten. Den Behörden zufolge nutzten die Beschuldigten chinesische Online-Chatplattformen, um ihre Opfer gezielt auszuwählen. Dabei legten sie Kriterien zu Aussehen, Alter und Gewicht zugrunde. Es handelte sich um ein Geschäft im industriellen Massstab, bei dem Menschen wie Waren aufgespürt und eingeführt wurden, um einem bestimmten «Ideal» für den Schweizer Sexmarkt zu entsprechen.

Sobald die Frauen in die Schweiz gelockt worden waren, schloss sich die Falle. Die Ermittlungen zeigen, dass eine ausgeklügelte, professionell organisierte Gruppe vielen Opfern bereits vor Jahren gefälschte Ausweisdokumente beschafft hatte. Das erleichterte ihre Reise über europäische Grenzen und band sie zugleich an das kriminelle Netzwerk. Nach ihrer Ankunft waren die Frauen nicht frei. Sie wurden in privaten Wohnungen und Apartments untergebracht und hinter verschlossenen Türen verborgen, während ihre Ausbeuter ihre Prostitutionsaktivitäten organisierten. Diese Verbindung vom Digitalen ins Physische zeigt die erschreckende Effizienz des modernen Menschenhandels, den die Schweizer Strafverfolgungsbehörden nun fieberhaft zu zerschlagen versuchen.

Profit aus dem Elend: Die wirtschaftlichen Grundlagen eines kriminellen Unternehmens

Die finanzielle Ausbeutung durch diesen Ring war ebenso präzise organisiert wie die Anwerbung. Die Opfer mussten 50 Prozent ihrer Einnahmen direkt an ihre Hinterleute abgeben. Diese räuberische Abgabe sorgte dafür, dass die Menschenhändler auf Kosten der ausgebeuteten Frauen komfortabel lebten. Den fünf Verdächtigen, die sich nun vor der Berner Justiz verantworten müssen, wird vorgeworfen, sämtliche Aspekte der Prostitutionsaktivitäten der Frauen bestimmt zu haben. Damit hätten sie ihnen faktisch jede Selbstbestimmung genommen und zugleich ihre Einkünfte abgeschöpft.

Die Anklagepunkte gehen weit über Menschenhandel und Förderung der Prostitution hinaus. Die Beschuldigten müssen sich auch wegen Geldwäscherei, Urkundenfälschung und unrechtmässigen Bezugs von Sozialhilfeleistungen verantworten. Angeblich schöpften sie mit einer Hand das Schweizer soziale Sicherungsnetz ab, während sie mit der anderen die Erträge aus der Sklaverei festhielten. Diese doppelte Ausbeutung, sowohl schutzbedürftiger Frauen als auch des Schweizer Staates, zeichnet das Bild eines von ungezügelter Gier angetriebenen kriminellen Unternehmens.

Bürokratische Hürden: Warum Schweizer Datenschutzgesetze Kriminellen nützen

Dieser Schlag gegen den Menschenhandel ist zwar ein Erfolg, legt aber einen entscheidenden Mangel in unserer nationalen Sicherheitsarchitektur offen: unsere eigene Bürokratie. Der Berner Sicherheitsdirektor Philippe Müller hat den geltenden Rechtsrahmen scharf kritisiert. Ermittler stiessen wegen strenger Datenschutzbestimmungen immer wieder auf Hindernisse, sagte er. Paradoxerweise sei es für die Schweizer Polizei oft einfacher, sensible Daten mit ausländischen Behörden auszutauschen, als Informationen über Kantonsgrenzen hinweg weiterzugeben.

Diese Zersplitterung kommt der organisierten Kriminalität zugute. Menschenhändlerringe agieren ohne Rücksicht auf Kantonsgrenzen, doch unsere Strafverfolgungsbehörden werden durch diese Grenzen behindert. Der Fall hat bei Politikerinnen und Politikern sowie in der Justiz dringende Forderungen nach einer wirksameren Rechtsgrundlage ausgelöst, um die Einschränkungen beim Datenaustausch zu lockern. Will die Schweiz komplexe, grenzüberschreitende Straftaten wirksam bekämpfen, muss die «Kantönligeist»-Mentalität ein Ende haben. Datenschutzgesetze, die dem Schutz der Bevölkerung dienen, dürfen nicht zu einem Schutzschild für jene werden, die Menschen versklaven.