Religion
Bistum Lugano ernennt Exorzisten und setzt auf einen modernen Ansatz
Traditionelle Rolle mit neuen akademischen Anforderungen und wachsender Nachfrage nach Dienstleistungen wiederbelebt

Das Schweigen ist vorbei. Nach einer kritischen fünfjährigen Vakanz hat sich das Bistum Lugano offiziell wieder gegen das spirituell Unbekannte gerüstet. Nach dem Tod von Pater Sandro Vitalini im Jahr 2020 blieb das Amt des offiziellen Exorzisten unbesetzt. Nun handelt die Kirche rasch, um diese Lücke zu schliessen. Die Ernennung von Pater Gabriele Diener markiert eine entschiedene Rückkehr zur Tradition. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen Rückfall ins finstere Mittelalter, sondern um eine gezielte Reaktion auf eine moderne Krise.
Pater Willy Volonté, der während der Vakanz vorübergehend die Verantwortung übernahm, beschreibt die Rolle als Aufgabe für eine «ruhige, intelligente und kompetente Person». Es handelt sich nicht mehr um eine Randerscheinung, sondern um ein strukturiertes kirchliches Amt. Pater Diener wird sich nicht sofort in den Kampf stürzen: Zunächst muss er eine anspruchsvolle formelle Ausbildung absolvieren. Das zeigt, dass das Bistum Kompetenz über Aberglauben stellt. Der Schritt unterstreicht eine ernüchternde Realität: Die Kirche erkennt einen Kampf an, den viele säkulare Beobachter für beendet hielten, und bereitet sich darauf vor, ihn mit neuer institutioneller Kraft aufzunehmen.
Verzweiflung treibt die Nachfrage an
Die Nachfrage nach Befreiung von Besessenheit steigt sprunghaft an. Im benachbarten Como wurde eine neu eingerichtete Hotline des San-Michele-Teams innerhalb weniger Tage mit über 100 Anrufen überflutet. Diese enorme Zahl zeigt, wie gross die Not vieler Menschen ist. Der Anstieg macht nicht an den Grenzen halt: Verzweifelte Einwohnerinnen und Einwohner aus dem Tessin reisen nach Italien und bitten um Hilfe. Eine anrufende Person aus dem Tessin sagte unverblümt: «Ich brauche einen Exorzismus, weil mich jemand verflucht hat, der seine Seele dem Teufel verkauft hat.»
Der Journalist Paolo Rodari legt ein beklemmendes Zeugnis von den Situationen ab, mit denen diese Priester konfrontiert sind. Er berichtet von eindrücklichen Szenen, in denen er Menschen «Nägel spucken» sah. Das sind nicht bloss Geschichten für Horrorfilme, sondern die gelebte Realität von Menschen an ihrer Belastungsgrenze. Francesco, ein in Mailand interviewter Mann, beschrieb, wie er während Befreiungsgebeten auf dem Boden herumrollte und in Zungen sprach. Die schiere Zahl dieser Hilferufe zeigt eine Gesellschaft, die mit tiefem Leid ringt und Gläubige dazu bringt, Hilfe zu suchen, die die konventionelle Medizin nicht bieten kann.
Wissenschaft trifft auf das Heilige
Hollywood-Klischees beiseite: Der moderne Exorzist ist ein Fachmann, der in den Hörsälen Roms ausgebildet wird. Heutige Praktizierende müssen einer internationalen Vereinigung beitreten, die von Papst Franziskus anerkannt ist und weltweit inzwischen über 900 Mitglieder zählt. Diese Professionalisierung ist die strategische Antwort der Kirche auf die wachsende Zahl von «Magiern und Scharlatanen», die Schutzbedürftige aus Profitgier ausnutzen. Don Ambrogio aus Mailand argumentiert entschieden, dass Verzweifelte ohne die Kirche Betrügern zum Opfer fielen, die falsche Hoffnung versprechen.
Entscheidend ist, dass sich das Ritual zu einer Zusammenarbeit mit der Wissenschaft entwickelt hat. Exorzismen sind heute der letzte Schritt und werden erst dann bewilligt, wenn eingehende medizinische, psychologische und psychiatrische Untersuchungen natürliche Ursachen ausgeschlossen haben. Der Luganeser Psychiater Carlo Calanchini unterstützt diese Prüfung und weist darauf hin, dass die eigentliche Gefahr oft von selbsternannten Heilern ausgeht, die Patientinnen und Patienten zum Absetzen ihrer Medikamente drängen. Mit einer Ausbildung auf Universitätsniveau und der Zusammenarbeit mit der Medizin gewinnt die Kirche ihr Terrain zurück und stellt sicher, dass der spirituelle Kampf mit klinischer Präzision statt mit rücksichtslosem Aberglauben geführt wird.
Der spirituelle Röstigraben
Während das Tessin das Ritual aufnimmt, bildet die Deutschschweiz einen deutlichen Gegensatz. Nördlich der Alpen ist das spezifische Amt des Exorzisten weitgehend verschwunden. An seine Stelle ist ein klinischer, interdisziplinärer Ansatz getreten. In St. Gallen gibt es keinen diözesanen Exorzisten. Stattdessen betreuen Teams aus Geistlichen, Ärztinnen und Ärzten sowie Sozialarbeitenden die Fälle. Eine mögliche «Besessenheit» betrachten sie aus der Perspektive der psychischen Gesundheit und nicht als spirituellen Kampf.
Fritz Kreissl, Leiter der Seelsorge in St. Gallen, zieht eine klare Grenze: «Papst Franziskus spricht offen über den Teufel; ich ziehe es vor, das nicht zu tun.» Diese theologische Kluft spiegelt eine umfassendere kulturelle Spaltung wider. Während sich der Süden gegen ein personifiziertes Böses mobilisiert, deutet der Norden diese Phänomene als Persönlichkeitsstörungen, die Verantwortung und Therapie erfordern. Während Lugano seine spirituellen Abwehrmassnahmen formalisiert, blickt der Rest der Schweiz skeptisch darauf. Das macht deutlich, wie uneinig das Land im Umgang mit den Rätseln der menschlichen Seele ist.