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Swiss Observer

Die Tschäggättä-Fasnacht im Lötschental geht trotz der Folgen des Erdrutschs und einer neuen Lawine weiter

Der traditionelle Tschäggättä-Umzug im Lötschental fand wegen des Erdrutschs im vergangenen Jahr in Blatten auf einer geänderten Route statt. Gleichzeitig war die Region mit einem neuen Lawinenniedergang konfrontiert, der den Verkehr vorübergehend unterbrach.

Die Tschäggättä-Fasnacht im Lötschental geht trotz der Folgen des Erdrutschs und einer neuen Lawine weiter
AISWI swissinfo.ch

Die Natur fuhr an diesem Donnerstag ihr ganzes Arsenal gegen das Lötschental auf, doch die Tschäggättä liessen sich nicht unterkriegen. Nur wenige Stunden bevor die grotesken, in Felle gehüllten Gestalten losziehen sollten, kappte eine gewaltige Lawine die Lebensader der Region: Sie verschüttete die Strasse bei Goppenstein und legte den Bahnverkehr der BLS lahm. Während eines angespannten Nachmittags war das Tal vollständig von der Aussenwelt abgeschnitten. Doch um 21.15 Uhr zogen die Ungeheuer los.

Das war nicht einfach ein Umzug, sondern ein Akt des Widerstands. Während die Einsatzkräfte tonnenweise Schnee wegräumten, um die wichtige Verkehrsader bis 19 Uhr wieder zu öffnen, bereiteten sich die Einheimischen darauf vor, ihren uralten Brauch aufleben zu lassen. Der Umzug, bekannt als «Tschäggättu-Loif», zog unbeirrt von der erneuten Mahnung an die Unberechenbarkeit der Berge durch die verschneiten Strassen von Wiler. Das Zusammentreffen einer neuen Naturkatastrophe mit einem geplanten Fest, bei dem die Angst gefeiert wird, verdeutlicht die ausserordentliche Widerstandskraft der Walliser Bevölkerung. Wegen Schnee sagen sie nicht ab, sie bezwingen ihn.

Eine durch die Katastrophe veränderte Route: Blattens stille Trauer

Der Schatten der Vergangenheit wiegt schwerer als der aktuelle Schneefall. Zum ersten Mal seit Langem startete der Umzug nicht in Blatten. Das Dorf ist weiterhin eine Katastrophenzone, seine Strassen sind von Trümmern des verheerenden Erdrutschs verstopft, der sich am 28. Mai des vergangenen Jahres ereignete. Den Startpunkt nach Wiler zu verlegen, war keine organisatorische Entscheidung, sondern ein erzwungener Verzicht angesichts einer noch immer präsenten Tragödie.

«Wir trauern noch immer», sagte Lilian Ritler von der Tourismusorganisation Lötschental. Die Stimmung sei «schmerzhaft». Dass der Umzug in Blatten ausbleibt, erinnert auf eindrückliche Weise an die Zerstörung, die die Gemeinde verwüstet hat. Doch der Geist des Tals lässt sich nicht zusammen mit der Dorf-Infrastruktur begraben. Mit der Verlegung der Route bringt die Gemeinschaft ihre Trauer zum Ausdruck und bewahrt zugleich entschlossen die Kontinuität eines Brauchs, der ihre Identität prägt. Der Umzug nach Ferden wurde zum Symbol des Überlebens und zeigte: Der Boden mag abrutschen, die Kultur aber bleibt standhaft.

Aus den Trümmern geschnitzt: Eine neue Generation erwacht

Der Erdrutsch nahm nicht nur Gebäude mit, sondern verschlang auch Geschichte. Zwei ganze Keller voller überlieferter Masken, Glocken und Felle wurden bei der Katastrophe im Mai zerstört. Mit ihnen wurden Gegenstände verschüttet, die die Gegenwart mit einer bis ins Jahr 1790 zurückreichenden Vergangenheit verbanden. Dieser Verlust hätte den Karneval 2026 schwer beeinträchtigen können. Stattdessen löste er bei der jungen Generation im Tal einen fieberhaften, kreativen Aufbruch aus.

Junge Schnitzerinnen und Schnitzer packten die Arbeit umgehend an und fertigten in Rekordzeit neue Holzmasken an, um die im Schlamm verlorenen zu ersetzen. «Viele Masken, Felle und Glocken gingen verloren oder wurden verschüttet», sagte Ritler. Die Reaktion liess jedoch nicht auf sich warten. Der Aufschwung des Kunsthandwerks stellt sicher, dass die «Ungeheuer», die zwischen Mariä Lichtmess und dem Fasnachtsdienstag durchs Tal ziehen, nicht bloss Relikte, sondern lebendige Symbole der Erneuerung sind. Das frische Tannenholz der neuen Masken duftet nach Widerstandskraft und beweist: Die Tradition hängt nicht von altem Holz ab, sondern von den lebendigen Händen, die es schnitzen.

Die Abriegelung von Goppenstein: Wenn die Natur die Verbindung kappt

Das Chaos vom Donnerstag bei der Galerie Rotloiwi führte die prekäre Lage des Lötschentals eindrücklich vor Augen. Um 11.40 Uhr ertönte der Alarm: Der Verkehr stand still. Die Lawine blockierte nicht einfach eine Strasse, sondern unterbrach die Kantonsstrasse A6 und legte den Autoverlad der BLS lahm. Damit waren die Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Besucherinnen und Besucher des Tals praktisch in einer Schneekugel eingeschlossen.

Mehr als sieben Stunden lang waren Polizei und Strassenarbeiterinnen und -arbeiter mit einem risikoreichen Einsatz beschäftigt, um die Gefahrenzone zu räumen. Die Ungewissheit lastete schwer: Die Behörden konnten am Mittag nicht bestätigen, ob es Verletzte gab, und der Zeitpunkt der Wiedereröffnung stand nicht fest. Dass die Strasse um 19 Uhr wieder geöffnet wurde, nur wenige Stunden bevor die Fasnachtstrommeln zu schlagen begannen, zeugt von Schweizer Effizienz angesichts der alpinen Naturgewalten. Die Tschäggättä ziehen noch bis zum 17. Februar durchs Tal, das weiss, dass seine Existenz allein von der Gnade der Berge abhängt.