Wirtschaft
Führungskrise erschüttert Nestlé: CEO und Verwaltungsratspräsident treten zurück
Der Schweizer Lebensmittelkonzern steht nach einem Skandal um eine nicht offengelegte Beziehung vor einem beispiellosen Führungsvakuum

In einer beispiellosen Entwicklung steht der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé vor dem grössten Führungsvakuum seiner jüngeren Geschichte: Sowohl CEO Laurent Freixe als auch Verwaltungsratspräsident Paul Bulcke kündigten ihren Rücktritt an. Die Krise, die sich innerhalb von nur zwei Wochen entfaltete, erschütterte die Schweizer Unternehmenslandschaft und brachte den traditionell stabilen, 159 Jahre alten Konzern ins Wanken.
Die Situation spitzte sich während Nestlés jährlicher Firmenveranstaltung «All In» zu. Der scheidende Präsident Paul Bulcke wandte sich virtuell an 277'000 Mitarbeitende und versuchte, trotz der turbulenten Umstände gefasst zu bleiben. Laut einer beschäftigten Person stiess Bulckes Versuch, die Bedeutung seines Rücktritts herunterzuspielen, auf Skepsis.
Der Skandal entfaltet sich
Im Zentrum der Krise steht ein Skandal um CEO Laurent Freixe, der eine nicht offengelegte Beziehung zu einer direkt unterstellten Person unterhielt. Die Angelegenheit kam über den unternehmenseigenen Whistleblowing-Kanal «Speak Up» ans Licht. Dort hatten Mitarbeitende Bedenken wegen einer mutmasslichen Bevorzugung geäussert.
Der Umgang des Nestlé-Verwaltungsrats mit der Situation hat in der Schweizer Wirtschaftselite Kritik ausgelöst. Das gilt insbesondere angesichts des Status des Unternehmens als eines der grössten an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen, dessen Börsenwert denjenigen der UBS übertrifft.
Auswirkungen auf Markt und Unternehmenskultur
Die Krise hat erhebliche finanzielle und kulturelle Folgen. Der Nestlé-Aktienkurs ist von 120 Franken im Jahr 2022 auf rund 70 Franken gesunken, während das Umsatzwachstum nachgelassen hat, weil von der Inflation ermüdete Konsumentinnen und Konsumenten Preiserhöhungen zunehmend ablehnen. Die Nettoverschuldung des Unternehmens hat sich seit 2020 beinahe verdoppelt.
Wie Arturo Bris, Direktor des IMD World Competitiveness Centre, festhält: «Nestlé ist ein Symbol. Es ist ein Schweizer Symbol. Das erklärt einen Teil des Schocks.» Der Skandal hat in der konservativen Schweizer Unternehmenskultur besonders stark nachgewirkt, in der Privatsphäre und Diskretion einen hohen Stellenwert haben.
Neue Führung und künftige Herausforderungen
Als Reaktion auf die Krise hat Nestlé Philipp Navratil, den derzeitigen Chef von Nespresso, zum CEO und Pablo Isla, den ehemaligen Chef des Zara-Mutterkonzerns Inditex, zum Verwaltungsratspräsidenten ernannt. Das neue Führungsteam steht jedoch vor grossen Herausforderungen, darunter Fragen zur Zukunftsfähigkeit des Konglomeratmodells von Nestlé.
Angesichts der Geschäftstätigkeit in 75 Ländern und Tausender Marken im Konzern, von KitKat bis zum Tierfutter Purina, fragen sich Investorinnen und Investoren zunehmend, ob ein Führungsteam ein derart vielfältiges Portfolio wirksam beaufsichtigen kann. Die Krise hat die Debatte darüber verschärft, ob Nestlé dem Beispiel anderer globaler Konglomerate folgen und sich unter dem Druck der Aktionäre verkleinern oder aufspalten sollte.