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Swiss Observer

Schifffahrtsgesellschaft CGN auf dem Genfersee benötigt 600 Millionen Franken für die Modernisierung

Die historische Flotte auf dem Genfersee benötigt dringend Investitionen von 500 bis 600 Millionen Franken für die Modernisierung. Sechs von acht Dampfschiffen gelten als nicht einsatzfähig.

Schifffahrtsgesellschaft CGN auf dem Genfersee benötigt 600 Millionen Franken für die Modernisierung
AISWI swissinfo.ch

Die historische Flotte auf dem Genfersee nimmt Wasser auf, nicht im wörtlichen, sondern im finanziellen Sinn. In einer erschütternden Offenbarung, die das Erbe der Region bedroht, hat die Compagnie Générale de Navigation (CGN) mitgeteilt, dass sie dringend bis zu 600 Millionen Franken (608 Millionen US-Dollar) benötigt, um eine vollständige Überalterung zu verhindern. Die Lage ist ernst: sechs von acht legendären Dampfschiffen des Unternehmens gelten derzeit als nicht einsatzfähig. Dadurch entsteht eine grosse Lücke in der Schweizer Tourismus- und Verkehrsinfrastruktur.

Die ikonische weisse Flotte, seit über einem Jahrhundert ein Symbol Schweizer Eleganz, bröckelt unter dem Gewicht des aufgeschobenen Unterhalts und den Anforderungen der Moderne. Es handelt sich nicht bloss um kleinere Reparaturen, sondern um eine existenzielle Krise für den grössten See Westeuropas. Vincent Pellissier, Generaldirektor der CGN, hat Alarm geschlagen und klargemacht, dass die Flotte ihren Betrieb ohne diese massive Kapitalzufuhr nicht aufrechterhalten kann. Der Kontrast ist frappant: Während die Nachfrage nach Schiffsverbindungen auf dem See steigt, ist die Kapazität, diese bereitzustellen, auf gefährlich tiefe Werte gesunken.

Die Rechnung von einer halben Milliarde Franken

Der Preis für das Überleben ist astronomisch. Eine Aufschlüsselung des Bedarfs von 500 bis 600 Millionen Franken zeigt das ganze Ausmass der Vernachlässigung und die Ambitionen der geplanten Modernisierung. Pellissier erläuterte dem Schweizer Fernsehen RTS die ernüchternde Rechnung: 150 Millionen Franken werden sofort benötigt, um die Werftanlagen auf einen funktionsfähigen Stand zu bringen. Weitere 150 Millionen Franken sind ausdrücklich dafür vorgesehen, die historischen Schiffe der Belle Epoque vor der Verschrottung zu bewahren.

Doch es geht nicht nur um den Erhalt des Kulturerbes. Der grösste Teil des Budgets, 200 bis 300 Millionen Franken, ist für einen raschen Ausbau des öffentlichen Verkehrs bestimmt. Während die Region Genfersee mit überlasteten Strassen zu kämpfen hat, bietet der See eine wichtige Pendlerverbindung, welche die CGN derzeit nicht ausreichend nutzen kann. Diese massive Investition bedeutet eine Abkehr von rein touristischer Nostalgie hin zu einem modernen Verkehrsnetz mit hoher Kapazität. Die Botschaft ist klar: jetzt modernisieren oder in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Betriebslähmung und verärgerte Passagiere

Die Finanzkrise wirkt sich bereits verheerend auf den täglichen Betrieb aus. Das Flaggschiff «La Suisse» liegt beschädigt im Hafen und ist ausser Betrieb. Das Unternehmen kann den Schaden derzeit kaum beheben. Die Folgen sind unmittelbar und messbar: 3'000 Ausfälle haben den Fahrplan durcheinandergebracht und Tausende Passagiere stranden lassen, die entsprechend verärgert sind. «Zwangsläufig mit Unzufriedenheit», räumte Pellissier ein, eine diplomatische Untertreibung für das Chaos, das sich an den Anlegestellen abspielt.

Dem vorausgegangen war eine besorgniserregende Reihe von Vorfällen, darunter der Unfall mit der «Simplon» im Hafen von Cully im vergangenen Jahr, der das Vertrauen der Öffentlichkeit bereits erschüttert hatte. Da 75 Prozent der Dampfschiffflotte nicht fahrbereit sind, betreibt die CGN nur noch eine minimale Zahl von Schiffen. Im Schweizer Verkehr ist Zuverlässigkeit entscheidend, und in dieser Hinsicht ist die CGN derzeit praktisch zahlungsunfähig. Dass während der entscheidenden Sommersaison keine einsatzfähige Flotte bereitgestellt werden kann, ist nicht nur ein Betriebsversagen, sondern ein Reputationsdesaster, das sofort behoben werden muss.

Die politische Rettungsmission

Die Zeit drängt, denn eine wichtige Frist rückt näher. Bis Ende dieses Jahres soll den Aktionärinnen und Aktionären ein umfassender Rettungsplan vorgelegt werden. Damit liegt die Entscheidungslast klar bei der öffentlichen Hand. Die Kantone Genf, Waadt und Wallis, die zusammen eine kontrollierende Beteiligung von 57 Prozent am Unternehmen halten, müssen nun entscheiden, ob sie für eine halbe Milliarde Franken öffentliche Mittel bereitstellen wollen.

Es geht längst nicht mehr nur um ein Unternehmensproblem, sondern um ein politisches Ultimatum. Die Kantone müssen den Erhalt eines nationalen Kulturguts und die Notwendigkeit des Schiffsverkehrs gegen eine gewaltige finanzielle Verpflichtung abwägen. Während die Flotte verfällt und die Geduld der Öffentlichkeit schwindet, wird die bevorstehende Aktionärsversammlung darüber entscheiden, ob die CGN zu einem modernen Verkehrsbetrieb aufsteigt oder weiterhin durch ihr alterndes und marodes Erbe gebremst wird. Die Kantonsregierungen müssen entschlossen handeln, bevor die Flotte endgültig stillgelegt wird.