Politik
Die kosovarische Diaspora in der Schweiz beteiligt sich an den Wahlen in der Heimat
27’000 kosovarische Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz gaben bei den kosovarischen Parlamentswahlen ihre Stimme ab. Das unterstreicht die starken Verbindungen der Diaspora und die diplomatischen Beziehungen.

Wenn Kosovo über seine Zukunft entscheidet, schaut die Schweiz nicht einfach nur zu, sie beteiligt sich mit grosser Wirkung. Am 8. Februar mobilisierten sich beeindruckende 27’000 kosovarische Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz, um die Parlamentswahlen in ihrer Heimat zu beeinflussen. Das ist keine passive Diaspora, sondern eine politische Naturgewalt. Von den diplomatischen Zentren Genfs bis zum Finanzzentrum Zürich strömten Tausende Wählerinnen und Wähler zu den Urnen. Das unterstreicht die tiefe, untrennbare Verbindung zwischen dem Alpenland und dem jungen Balkanstaat.
Das enorme Ausmass der Beteiligung macht eine wichtige Tatsache deutlich: Für Kosovo führt der Weg zur Macht durch die Schweizer Kantone. Während der amtierende Premierminister Albin Kurti in Pristina um Stimmen kämpfte, waren seine Unterstützerinnen und Unterstützer in der Schweiz ebenso aktiv und sorgten dafür, dass ihre Stimmen auch über 1’000 Kilometer Entfernung hinweg Gehör fanden. Dieser Anstieg der Beteiligung festigt den Status der Schweiz nicht nur als Aufnahmeland, sondern auch als entscheidenden Wahlkreis in der kosovarischen Politik.
Hürden überwinden: Ein historischer Wandel beim Zugang
Zum ersten Mal in der Geschichte wurden die bürokratischen Hürden beseitigt, die die Stimmen der Diaspora einst behinderten. Bisher mussten sich Auslandskosovarinnen und -kosovaren mit komplizierten telefonischen Registrierungen und der brieflichen Stimmabgabe auseinandersetzen. Dieses Jahr markierte eine deutliche Wende hin zu mehr Zugänglichkeit. Die Wählerinnen und Wähler durften ihre Stimme erstmals persönlich bei diplomatischen Vertretungen abgeben. Dadurch wurde das Wählen von einer logistischen Herausforderung zu einer gemeinsamen Feier der Demokratie.
Botschafter Mentor Latifi stand an vorderster Front dieser organisatorischen Neuausrichtung. In Bern blieb Latifi nicht in einem Büro verborgen, sondern war vor Ort und geleitete die Wählerinnen und Wähler persönlich mit einem freundlichen Winken in die Botschaft. Sein persönlicher Einsatz spiegelte die Bedeutung des Tages wider. Fast 4’000 Bürgerinnen und Bürger nutzten diese neue Möglichkeit, ihre Stimme persönlich in der Botschaft in Bern sowie in den Konsulaten in Zürich und Genf abzugeben. Das zeigte: Wenn Hürden fallen, steigt die Beteiligung stark an.
Die Zahlen: Der grosse Einfluss der Schweiz
Die Zahlen sind eindeutig: Die Schweiz ist ein Schwergewicht in der kosovarischen Wahllandschaft. Von weltweit rund 105’000 registrierten Diaspora-Wählerinnen und -Wählern leben mehr als 25 Prozent in der Schweiz. Das ist eine enorme Konzentration politischer Einflusskraft. Deutschland weist mit fast 45’000 Wählerinnen und Wählern zwar eine höhere absolute Zahl auf, doch die Dichte und Organisation der schweizerisch-kosovarischen Gemeinschaft machen sie zu einem einflussreichen Block.
Anders sieht es in Frankreich aus, wo sich nur 4’600 Wählerinnen und Wähler registrierten. Der Unterschied ist frappant. Die Zahl der Wahlberechtigten aus der Schweiz ist fast sechsmal so hoch wie jene aus Frankreich. Das zeigt die besondere historische und demografische Verbindung zwischen der Schweiz und Kosovo. Die Wahlkommission stellte im Vergleich zu vor vier Jahren einen Anstieg der Registrierungen aus der gesamten Diaspora fest. Dieser Zuwachs ist zu einem grossen Teil auf die begeisterte Reaktion der Gemeinschaft in der Schweiz zurückzuführen. Bei dieser Wahl kam jede vierte Stimme aus dem Ausland mit einem Schweizer Poststempel an oder wurde auf Schweizer Boden abgegeben.
Die Verbindung zu Kurti: Politik über Grenzen hinweg
Premierminister Albin Kurti weiss genau, wo seine strategischen Reserven liegen. Er betrachtet die Diaspora nicht als Nebensache, sondern bemüht sich intensiv um sie. Kurti besucht die Schweiz häufig und betont dabei immer wieder seine ideologische Nähe zu Schweizer Politikerinnen und Politikern der Linken. Dieser diplomatische Balanceakt ist kalkuliert und stärkt seine Stellung im In- und Ausland.
Die Wahlergebnisse in der Schweiz sind ein Gradmesser für die Beliebtheit seiner Regierung. Indem Kurti im schweizerisch-kosovarischen Diskurs sichtbar bleibt, hat er seinen Wahlkampf effektiv bis ins Herz Europas ausgeweitet. Die Diaspora leistet hier nicht nur finanzielle Rücküberweisungen, sondern trägt auch politischen Willen nach Kosovo. Die hohe Beteiligung zugunsten des Amtsinhabers deutet darauf hin, dass seine Strategie aufgeht: Er spricht die Diaspora als aktive Mitgestalterinnen und Mitgestalter an, nicht als Beobachtende aus der Ferne.
Stimmen aus der Warteschlange: Stolz in Bern
Vor der Botschaft in Bern herrschte eine elektrisierende Atmosphäre, geprägt von Pflichtgefühl und Feierlaune. Auf dem grauen, modernen Gebäude wehte die Flagge Kosovos: sechs weisse Sterne über einer goldenen Landkarte auf blauem Grund. Sie diente den Tausenden, die Schlange standen, als Wegweiser. Für viele war dies mehr als ein formeller Akt, es war ein emotionaler Meilenstein.
«Es ist ein Segen, unsere demokratischen Rechte auf diese Weise ausüben zu können», sagte eine Wählerin oder ein Wähler lächelnd, während sie oder er mit der Partnerin oder dem Partner wartete. Das Paar lebt seit 30 Jahren in der Schweiz und hielt inne, um vor dem an die Glastür geklebten Schild «Zgjedhjet 2025» (Wahlen 2025) ein Selfie zu machen. Dieses Bild bringt die doppelte Identität der Gemeinschaft auf den Punkt: Sie ist tief in das Schweizer Leben integriert und zugleich leidenschaftlich der Zukunft ihrer Heimat verpflichtet. Als sich die Warteschlangen um den Häuserblock schlängelten, wurde deutlich, dass die Entfernung den Patriotismus der kosovarischen Diaspora nicht geschwächt hat, sondern ihre Entschlossenheit nur noch verstärkt.