Barrierefreiheit
Lanyard-Programm für unsichtbare Behinderungen auf Schweizer Schienen ein Erfolg
Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) melden eine starke öffentliche Resonanz auf ihr neues Lanyard-System, das Reisende mit unsichtbaren Behinderungen unterstützt. Es handelt sich um die erste solche Initiative im Schweizer öffentlichen Verkehr.

Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) wurden von der stark steigenden Nachfrage nach mehr Inklusion überrascht, und zwar im besten Sinn. Seit Mitte Juni verzeichnen die Bahnen eine überwältigende öffentliche Resonanz auf ihre neue Initiative mit dem «Hidden Disabilities Sunflower»-Lanyard. Das Programm soll Reisende mit unsichtbaren Beeinträchtigungen unterstützen. Ein SBB-Sprecher sagte gegenüber Keystone-SDA, das Unternehmen sei «positiv überrascht» über das enorme Interesse. Damit wird ein wichtiger Moment in der Geschichte des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz markiert.
Dabei handelt es sich nicht bloss um ein Pilotprojekt, sondern um ein Zeichen dafür, dass eine bisher kaum sichtbare Bevölkerungsgruppe ihr Recht auf würdevolles Reisen geltend macht. Als erstes Schweizer Unternehmen des öffentlichen Verkehrs, das ein solches System einführt, übernimmt die SBB eine längst überfällige Vorreiterrolle. Die Initiative schliesst eine wichtige Lücke in der Betreuung von Reisenden und anerkennt, dass nicht jede Behinderung einen Rollstuhl oder einen weissen Stock erfordert, um anerkannt zu werden. Der unmittelbare Erfolg der Einführung deutet darauf hin, dass Tausende Pendlerinnen und Pendler in der Schweiz das Bahnnetz nutzen und dabei still mit Beeinträchtigungen zurechtkommen müssen, die den hektischen Bahnhofalltag zu einer täglichen Herausforderung machen. Die starke Nachfrage zeigt: Werden Barrieren abgebaut, reagiert die Öffentlichkeit rasch und deutlich.
Das Sonnenblumen-Lanyard: ein stilles Signal
Das Prinzip ist einfach, die Wirkung jedoch gross: ein grünes Lanyard mit gelben Sonnenblumen. Dieses Design ist im Rahmen des internationalen Projekts «Hidden Disabilities Sunflower» bekannt. Es dient Mitarbeitenden und anderen Reisenden als diskretes, aber deutliches Signal. Es zeigt an, dass die tragende Person, die etwa von Autismus, ADHS oder Parkinson betroffen ist, bei der Ticketkontrolle oder beim Einsteigen möglicherweise mehr Zeit, Geduld oder gezielte Unterstützung benötigt.
Entscheidend ist, dass die SBB auf die Bürokratie verzichtet, die Unterstützung für Menschen mit Behinderungen oft erschwert. Reisende können die Lanyards beziehen, ohne einen medizinischen Nachweis vorzulegen oder komplizierte Formulare auszufüllen. Diese Regelung nach dem Prinzip «keine Fragen» zeugt von einem grundlegenden Vertrauen in die Reisenden und räumt dem unmittelbaren Zugang den Vorrang vor administrativen Hürden ein. Indem die SBB den Nachweisverzicht ermöglicht, stellt sie sicher, dass Menschen, die oft erschöpft davon sind, ihre Situation rechtfertigen zu müssen, einfach die benötigte Hilfe erhalten können. Das Lanyard schützt vor der Ungeduld anderer und kann eine mögliche Konfrontation, etwa wenn das Ticket nicht schnell genug gefunden wird, in einen Moment des Verständnisses verwandeln.
Logistik und Investitionen: die Zahlen
Die SBB unterstützt die Initiative mit konkreten Mitteln und hat für die Beschaffung dieser wichtigen Hilfsmittel ein Budget von 25'000 Franken bereitgestellt. Derzeit wurden 10'000 Lanyards ausgegeben. Sie sind an 16 wichtigen Reisezentren im Grossraum Zürich und Genf erhältlich. Dieser anfängliche Bestand ist beträchtlich. Doch das Tempo, mit dem die Lanyards bezogen werden, lässt vermuten, dass das Angebot bald mit der Nachfrage Schritt halten muss.
Mit der Einführung an den verkehrsreichsten Knotenpunkten des Landes soll zunächst dort eine möglichst grosse Sichtbarkeit erreicht werden, wo das Reisen am stressigsten ist. Dies ist jedoch erst der Anfang. Im Herbst wollen die Bahnen eine gründliche interne Evaluation durchführen, um die Wirksamkeit des Programms zu untersuchen. Bleibt die Entwicklung auf dem bisherigen Kurs, wird aus dem Pilotprojekt ein landesweiter Regelbetrieb. Der Plan ist klar: Ab 2026 will die SBB das System im gesamten Schweizer Netz einführen und so aus einem regionalen Erfolg einen nationalen Standard für Barrierefreiheit machen.
Über die Schiene hinaus: eine nationale Bewegung
Der Erfolg der SBB zeigt bereits Wirkung bei anderen Schweizer Institutionen. Die grosse Beliebtheit des Programms bei der Bahn hat in grösseren Städten politisches Interesse geweckt. In der Stadt Zürich und im Kanton Basel-Stadt sind derzeit politische Vorstösse hängig, die prüfen sollen, ob die Sonnenblumen-Lanyards auch in weiteren Bereichen des öffentlichen Lebens eingeführt werden könnten, etwa in der Stadtverwaltung und an Schulen.
Dies könnte einen grundlegenden Wandel für die Schweizer Gesellschaft bedeuten. Was als logistische Lösung im Verkehr begann, könnte sich zu einem allgemein gültigen Symbol für soziale Inklusion in der ganzen Eidgenossenschaft entwickeln. Würden Schulen und Behörden das Lanyard einführen, könnte es den Umgang der Schweiz mit Neurodiversität und unsichtbaren Erkrankungen vereinheitlichen. Mit Blick auf 2026 lautet die Frage nicht mehr, ob das Programm ausgeweitet wird, sondern wie schnell andere Bereiche den von den Bahnen gesetzten Standard übernehmen können. Die Schweiz bewegt sich auf eine Zukunft zu, in der das Unsichtbare endlich wahrgenommen, anerkannt und respektiert wird.