Umwelt
Igel zum Schweizer Tier des Jahres ernannt, um auf den Verlust von Lebensräumen aufmerksam zu machen
Um auf rückläufige Bestände aufmerksam zu machen, hat die Naturschutzorganisation Pro Natura den Igel zum Schweizer Tier des Jahres 2026 ernannt. Die Organisation warnt, dass das beliebte Säugetier sowohl in landwirtschaftlichen als auch in städtischen Gebieten rasch geeignete Lebensräume verliert.

Der Igel ist längst nicht mehr nur ein charmanter Besucher unserer Dämmerungsgärten, sondern eine Art in der Krise. Pro Natura hat den Igel offiziell zum Schweizer Tier des Jahres 2026 gekürt, ein Titel, der weniger eine Feier als vielmehr eine dringliche Warnung ist. Dieses beliebte Säugetier, tief verwurzelt in der Schweizer Folklore und Natur, ist einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt, während seine Lebenswelt vor unseren Augen schrumpft.
Die Ernennung erfolgt zu einem kritischen Zeitpunkt. Seit 2022 gilt der Igel in der Schweiz als «potenziell gefährdet», ein Status, den die Europäische Union 2024 ebenfalls festgestellt hat. Die Botschaft der führenden Naturschutzorganisation des Landes ist eindeutig: Das schleichende Verschwinden geeigneter Lebensräume drängt dieses widerstandsfähige Tier an den Rand des Aussterbens. Es geht dabei nicht nur darum, eine einzelne Art zu retten. Vielmehr ist es eine deutliche Anklage gegen unseren Umgang mit dem Boden. Indem Pro Natura den Igel ins Rampenlicht rückt, erzwingt die Organisation eine nationale Diskussion über den raschen Verlust der Biodiversität, der das ökologische Gleichgewicht der gesamten Region bedroht.
20'000 Jahre Geschichte unter Druck
Seit unglaublichen 20'000 Jahren durchstreift der Igel das Gebiet der heutigen Schweiz. Sein Überleben über Jahrtausende hinweg wurde durch eine Landschaft gesichert, die seinen Bedürfnissen perfekt entsprach: vielfältiges Landwirtschaftsland, mässige Vegetation und eine Fülle von Insekten. Im vergangenen Jahrhundert wurde dieses uralte Refugium jedoch zerstört. Pro Natura berichtet, dass die landwirtschaftliche Revolution für diese kleinen Säugetiere katastrophale Folgen hatte.
Der Wandel der Schweizer Landschaft ist unbestreitbar und einschneidend. Hecken wurden ausgerissen, Bäche eingedolt und unordentliche Laubhaufen, die als Unterschlupf unverzichtbar sind, sind verschwunden. Die intensive landwirtschaftliche Produktion hat die Landschaft veröden lassen und ihr die vielfältigen natürlichen Elemente genommen, auf die Igel für Schutz und zum Nestbau angewiesen sind. Wo einst ein lebendiges Ökosystem aus Gebüsch und Deckung bestand, gibt es heute Monokulturen, in denen Wildtiere kaum willkommen sind. Die einstige Hochburg des Igels auf dem Land wurde verwüstet. Dadurch wird er zur Abwanderung gezwungen, was die Lebensweise der Art in der Schweiz grundlegend verändert.
Der tödliche Preis des Zufluchtsorts Stadt
Vom Land vertrieben, hat der Igel in den Betonwüsten unserer Dörfer und Städte Zuflucht gesucht. Diese Abwanderung in städtische Parks und private Gärten ist eine verzweifelte Anpassung, keine freie Wahl. Diese Gebiete bieten zwar einen alternativen Lebensraum, sind aber ein tödlicher Hindernisparcours, der jedes Jahr Tausende von Tieren das Leben kostet. Die Nähe zum Menschen erweist sich als zweischneidig.
Die Gefahren sind unmittelbar und technisch bedingt. Autos, Mähroboter und gepflegte Gartenanlagen sind zu den neuen Fressfeinden geworden. Pro Natura warnt, dass der Wechsel ins städtische Umfeld voller Gefahren ist, denn die Werkzeuge, mit denen wir unsere «grünen» Flächen pflegen, sind oft tödlich für die Wildtiere, die dort leben möchten. Der Igel steckt in einer tödlichen Zwickmühle: Durch Effizienz vom Bauernhof vertrieben, wird er im Garten von Maschinen gejagt. Diese erzwungene Verstädterung macht ein grundlegendes Versagen unserer ökologischen Infrastruktur deutlich: Es gibt schlicht keinen Ort mehr, an dem die Tiere sicher leben können.
Hunger in einem Land des Überflusses
Beim Überleben geht es nicht nur um Schutz, sondern auch um Nahrung. Und hier leidet der Igel an einer stillen Hungersnot. Igel sind zwar opportunistische Fresser, biologisch aber auf Nahrung tierischen Ursprungs, insbesondere Insekten und Würmer, angewiesen, um zu überleben und die für den Winterschlaf nötigen Fettreserven aufzubauen. Pro Natura betont, dass der Rückgang der Insektenbestände eine direkte Bedrohung für das Überleben des Igels darstellt.
Der Insektenmangel wird jedes Jahr zu einer Krise. In einem gesunden Ökosystem gibt es viele Insekten, doch der moderne Einsatz von Pestiziden und die Verödung von Lebensräumen haben ihre Bestände stark schrumpfen lassen. Besonders verheerend ist dieser Mangel in den Monaten vor dem Winter, wenn ein Igel sich genügend Nahrung anfressen muss, um die Kälte zu überstehen. Ohne ausreichend eiweissreiche Beutetiere droht vielen Tieren, insbesondere den Jungtieren, der Hungertod, bevor sie überhaupt versuchen können, in den Winterschlaf zu gehen. Der Igel hungert in einer Landschaft, die grün aussieht, ökologisch aber leer ist.
Den Garten zurückerobern: ein Kampf ums Überleben
Die Ernennung des Igels zum Tier des Jahres 2026 ist ein Aufruf zum Handeln an alle Schweizerinnen und Schweizer mit einem Stück Rasen. Pro Natura will über die Sensibilisierung hinaus konkrete Massnahmen ergreifen und lanciert im März 2026 das Projekt «Bonjour nature». Die Initiative soll die Bevölkerung dazu befähigen, sterile Rasenflächen in Oasen der Biodiversität zu verwandeln.
Die Lösung liegt darin, der Natur wieder mehr Unordnung zu erlauben. Das Projekt regt dazu an, naturnahe Gärten anzulegen, in denen Laub liegen bleibt, Holz aufgeschichtet wird und Insekten willkommen sind. Damit wird die Schweizer Norm makelloser Ordnung infrage gestellt und ein Umdenken gefordert: Ein unordentlicher Garten soll als gesunder Garten gelten. Durch die Wiederherstellung dieser Kleinstlebensräume besteht die Hoffnung, den Igel vom Rand des Aussterbens zurückzuholen. Das Schicksal dieses stacheligen Wahrzeichens liegt nun in unseren Gärten.