Verkehr
Sicherheitsbericht zum Gotthard-Tunnel deckt systematische Raddefekte auf
Die Untersuchung zur Entgleisung von 2023 identifiziert kritische Schäden an Radscheiben und veranlasst neue europäische Sicherheitsempfehlungen für den Schienenverkehr.

Eine einzige gebrochene Radscheibe wurde als katastrophaler Auslöser identifiziert, der Europas wichtigste Bahnverbindung lahmlegte. Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) hat ihren abschliessenden, vernichtenden Bericht zur Entgleisung im Gotthard-Basistunnel im August 2023 veröffentlicht, und das Urteil ist alarmierend: Es handelte sich nicht um einen unvorhersehbaren Unfall, sondern um ein systematisches Versagen. Die Untersuchung bestätigt, dass die Entgleisung durch eine geborstene Radscheibe ausgelöst wurde, eine direkte Folge heimtückischer Materialermüdung.
Diese Erkenntnis widerlegt die Annahme eines zufälligen Ereignisses. Die SUST hält ausdrücklich fest, dass «die Risse in den Rädern ein systematisches Problem sind», und verweist damit auf eine weitverbreitete Schwachstelle im Güterverkehr, die weit über die Schweizer Grenzen hinausreicht. Obwohl der Vorfall wie durch ein Wunder keine Verletzten forderte, sind die Folgen für die Sicherheit der Infrastruktur tiefgreifend. Wir haben es nicht bloss mit einem defekten Teil zu tun, sondern mit einem möglichen Flottenmangel, der die Integrität des alpenquerenden Handels gefährdet. Der am Montag in Bern veröffentlichte Bericht ist ein dringender Weckruf an die Bahnunternehmen, die sich lange auf bestehende Sicherheitsvorschriften verlassen haben, welche nun möglicherweise überholt sind.
Der Hergang des Unfalls
Der Ablauf der Ereignisse am 10. August 2023 liest sich wie das Drehbuch einer Katastrophe. Ein Zug der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) transportierte 30 Güterwagen von Chiasso nach Basel, als der elfte Wagen zum Epizentrum des Chaos wurde. Tief im längsten Eisenbahntunnel der Welt zerfiel eine Radscheibe dieses Wagens. Die physikalischen Folgen des Unfalls waren heftig und unmittelbar.
Während der vordere Zugteil weiterfuhr und nichts vom Unglück hinter sich bemerkte, führte das Bersten des Rads dazu, dass der hintere Zugteil an einer Weiche getrennt wurde. Die hinteren Wagen wurden mit voller Wucht auf ein Verbindungsgleis geleitet, wo es zu einer heftigen Entgleisung und einem Zusammenstoss mit der Querwand des Tunnels kam. Die enorme kinetische Energie, die beim Aufprall schwerer Güterwagen auf die Betoninfrastruktur freigesetzt wurde, zeigt, wie knapp dieser Vorfall an einer Tragödie vorbeiging. Dass niemand ums Leben kam, ist der robusten Konstruktion des Tunnels zu verdanken. Die betrieblichen Folgen waren jedoch verheerend: Die Nord-Süd-Verbindung wurde unterbrochen, und monatelang herrschte ein logistischer Ausnahmezustand.
Die Gefahr durch LL-Bremssohlen
Die Untersuchung hat den verborgenen Auslöser der Materialermüdung aufgedeckt: die sogenannten «LL-Bremssohlen». Diese Bauteile stehen nun im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Ermittler stellten fest, dass diese Verbundstoff-Bremssohlen zur Entstehung von Ermüdungsrissen im Radmaterial beitrugen. Der Mangel blieb unentdeckt, bis es zu spät war. Das ist eine entscheidende Erkenntnis, die den Fokus von den Wartungsintervallen auf die Konstruktion der Bauteile verlagert.
Es handelt sich nicht um ein örtlich begrenztes Problem. Diese Bremssohlen werden im Güterverkehr häufig eingesetzt, um den Lärm zu reduzieren. Es ist eine bittere Ironie, dass sie letztlich einen ohrenbetäubenden Unfall verursachten. Die Identifizierung der LL-Bremssohlen als Grundursache macht aus einem Schweizer Wartungsproblem eine kontinentale Konstruktionskrise. Die Einstufung als «systematisch» durch die SUST legt nahe, dass Tausende Güterwagen, die durch Europa fahren, zu tickenden Zeitbomben werden könnten, wenn sie unter ähnlichen Belastungsbedingungen mit vergleichbaren Bauteilen ausgerüstet sind. Die Branche muss sich nun mit der Tatsache auseinandersetzen, dass eine Lösung zur Verringerung der Lärmbelastung eine weit gefährlichere strukturelle Bedrohung geschaffen hat.
Europa in höchster Alarmbereitschaft
Die Schweiz will sich dieser Bedrohung nicht allein stellen. Um einen erneuten Vorfall zu verhindern, leitet die SUST ihre Erkenntnisse an die höchsten europäischen Verkehrsbehörden weiter. Empfehlungen werden formell sowohl an die Europäische Eisenbahnagentur als auch an das Schweizer Bundesamt für Verkehr gerichtet. Dabei geht es um eine Überarbeitung der Vorschriften, nicht bloss um einen Vorschlag.
Der Gotthard-Basistunnel ist die Lebensader des europäischen Schienengüterverkehrs, und seine Verwundbarkeit ist auch die Verwundbarkeit Europas. Indem die Schweizer Ermittler die Europäische Eisenbahnagentur einbeziehen, signalisieren sie, dass nationale Vorschriften nicht ausreichen, um ein Risiko einzudämmen, das mit international eingesetzten Schienenfahrzeugen verbunden ist. Wir können mit einer Welle von Inspektionen und möglicherweise vorgeschriebenen Nachrüstungen auf dem ganzen Kontinent rechnen. Während sich der Staub nach dem Abschlussbericht legt, ist die Botschaft aus Bern klar: Die Sicherheitsstandards müssen sich umgehend weiterentwickeln, sonst könnte das nächste systematische Versagen weniger glimpflich ausgehen als jenes im August 2023.