Gesundheit
Globaler Gesundheitsgipfel rückt seltene Krankheiten in den Fokus
Die Weltgesundheitsversammlung in Genf verabschiedet die erste Resolution zu seltenen Krankheiten. Weltweit sind 300 Millionen Menschen betroffen. Damit ändern sich die internationalen Prioritäten im Gesundheitswesen.

In Genf wurde letzte Woche Geschichte geschrieben: Die globale Gesundheitsgemeinschaft nahm sich endlich einer Krise an, die lange im Verborgenen blieb. In einem monumentalen Kurswechsel verabschiedeten fast 200 Länder an der Weltgesundheitsversammlung die erste Resolution zu seltenen Krankheiten und beendeten damit Jahrzehnte der Vernachlässigung. Dies ist nicht bloss eine bürokratische Randnotiz, sondern ein Rettungsanker für Millionen Menschen, die für Gesundheitssysteme viel zu lange unsichtbar waren.
Die Resolution fordert einen sofortigen «umfassenden Aktionsplan» und signalisiert damit, dass die Zeit vorbei ist, in der diese komplexen Krankheiten ignoriert wurden. Zum ersten Mal hat die Gesundheitsorganisation der Vereinten Nationen seltene Krankheiten formell als globale Priorität für die öffentliche Gesundheit anerkannt. Dieser Schritt würdigt den unermüdlichen Kampf von Patientinnen und Patienten sowie ihren Familien, die sich gegen ein System gewehrt haben, das ihr Leiden oft als zu bedeutungslos abtat. Alexandra Heumber Perry, Geschäftsführerin von Rare Diseases International, brachte die Bedeutung dieses Augenblicks klar auf den Punkt: «Für seltene Krankheiten gab es nichts, keinen Aktionsplan und keine globale Strategie. Die Resolution ist ein historischer Meilenstein.»
Das Paradox des «Seltenen»
Der Begriff «selten» täuscht statistisch. Einzelne Krankheiten mögen nur wenige Menschen betreffen, doch zusammengenommen ist ihre Wirkung immens. Weltweit leben derzeit über 300 Millionen Menschen mit einer seltenen Krankheit. Wären sie vereint, bildeten sie den drittgrössten Staat der Erde. Diese Zahl übertrifft die Bevölkerung Indonesiens und liegt nahe bei jener der Vereinigten Staaten.
Die Weltgesundheitsorganisation definiert solche Krankheiten als Erkrankungen, von denen höchstens eine von 2'000 Personen betroffen ist. Doch unter diesen Begriff fallen über 7'000 bekannte Krankheiten, von der vergleichsweise bekannten zystischen Fibrose und Sichelzellkrankheit bis hin zu seltenen genetischen Anomalien. Zusammengenommen ist die Belastung enorm. Rund 7 Prozent der Weltbevölkerung sind von diesen Krankheiten betroffen. Die Zersplitterung dieser Krankheitsbilder hat die Gesundheitsbehörden viel zu lange dazu verleitet, ihre Bedeutung herunterzuspielen. Diese Resolution zwingt dazu, sich mit dem ganzen Ausmass des Problems auseinanderzusetzen. Aus einer Vielzahl einzelner «seltener» Fälle wird so eine vereinte globale Krise, die sofortige Aufmerksamkeit verlangt.
Ein Jahrzehnt zum Handeln beschlossen
Die Zeit leerer Versprechen ist vorbei: Für die WHO läuft nun die Uhr. In der verabschiedeten Resolution verpflichtet sich die Organisation ausdrücklich, einen konkreten globalen Aktionsplan für zehn Jahre auszuarbeiten. Damit wird ein greifbarer Wandel gefordert, nicht bloss diplomatische Rhetorik. Die Mitgliedsländer werden nun mit dem vollen Rückhalt der Versammlung aufgefordert, solide nationale Gesundheitspläne zu entwickeln, die gezielt auf die besonderen Herausforderungen seltener Krankheiten eingehen.
Der Auftrag ist klar: Diagnosen verbessern, den Zugang zu bezahlbaren Behandlungen sicherstellen und Forschung sowie Innovation beschleunigen. Derzeit durchlaufen Patientinnen und Patienten oft eine «diagnostische Odyssee», die Jahre dauern kann. Sie werden von einer Fachperson zur nächsten geschickt, während sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert. Dieser Fahrplan soll solche Hindernisse beseitigen. Durch eine Vereinheitlichung der Ansätze über Landesgrenzen hinweg soll die Initiative die internationale Zusammenarbeit stärken und sicherstellen, dass der Wohnort nicht über das Überleben eines Patienten oder einer Patientin entscheidet. Die Zeit drängt. In diesem Jahrzehnt soll die Versorgung seltener Krankheiten so stark verändert werden wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.
Der Kampf um die exorbitanten Kosten
Die Resolution ist zwar ein Erfolg, doch ein erbitterter Kampf um die Kosten des Überlebens steht bevor. Kampagnen für gesundheitliche Chancengleichheit schlagen bereits Alarm und kritisieren, dass der Text zu wenig Druck auf die Pharmaindustrie ausübt. Der Kern des Konflikts ist hart: 70 Prozent der seltenen Krankheiten sind genetisch bedingt und erfordern hoch entwickelte, oft personalisierte Therapien, die astronomisch teuer sind.
Pharmakonzerne argumentieren, hohe Preise seien nötig, um jahrzehntelange Investitionen in Medikamente für kleine Patientengruppen wieder hereinzuholen. Kritikerinnen und Kritiker halten dagegen, dass dieses Modell Millionen Menschen zurücklasse. Die Resolution stellt sich dieser Spannung und erkennt den dringenden Bedarf an bezahlbaren Behandlungen an. Der weitere Weg ist jedoch von kommerziellen und ethischen Fallstricken geprägt. Die Patientinnen und Patienten geraten zwischen die Fronten und hoffen, dass dieser globale Impuls Pharmaunternehmen und nationale Behörden dazu bringt, den Zugang höher zu gewichten als Gewinnmargen. Die Schweiz, Heimat des «Health Valley» und grosser Pharmakonzerne, verfolgt die Entwicklung aufmerksam. Der Druck wächst, zu beweisen, dass Innovation und Chancengleichheit miteinander vereinbar sind.