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Swiss Observer

Umweltverantwortungsinitiative steuert auf Niederlage zu

Erste Umfrage zeigt, dass 49 % gegen die Initiative der Jungen Grünen sind, die Schweizer Wirtschaft innerhalb der ökologischen Grenzen zu halten. Im Februar steht eine entscheidende Abstimmung bevor.

Umweltverantwortungsinitiative steuert auf Niederlage zu
AISWI swissinfo.ch

Die Umweltverantwortungsinitiative der Jungen Grünen steuert auf eine Ablehnung an der Urne zu. Weniger als zwei Monate vor der entscheidenden Abstimmung vom 9. Februar zeigt die erste SRG-Umfrage für die Befürworterinnen und Befürworter eine ernüchternde Realität: 49 % der Stimmberechtigten wollen bereits mit «Nein» stimmen. In einem Rennen, in dem die Dynamik entscheidend ist, ist es ein beinahe tödlicher Schlag, mit nur 45 % Unterstützung und damit als Minderheit zu starten. Historische Trends in der Schweizer direkten Demokratie zeigen, dass die Unterstützung für Volksinitiativen im Verlauf des Abstimmungskampfs fast immer abnimmt, wenn die Gegenargumente an Boden gewinnen. Einen Abstimmungskampf ohne klare Mehrheit zu beginnen, bedeutet praktisch, mit einer vorhersehbaren Niederlage zu starten.

Die Dringlichkeit ist spürbar. Zwar sind 6 % der Stimmberechtigten noch unentschieden, doch die Entwicklung ist eindeutig. Die Initiative will in der Verfassung festschreiben, dass die Schweizer Wirtschaft strikt innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaftet. Es ist ihr nicht gelungen, die breite Allianz zu gewinnen, die für eine Verfassungsänderung nötig ist. Obwohl der Abstimmungskampf kaum begonnen hat, hat die Gegnerschaft die Deutung bereits an sich gerissen. Die Jungen Grünen stehen vor einem steinigen Weg, der zunehmend unüberwindbar scheint.

Ein gespaltenes Land: Die Kluft zwischen Geschlechtern und politischen Lagern

Eine frappierende Kluft zwischen den Geschlechtern prägt diese politische Auseinandersetzung. Damit wird die Abstimmung ebenso sehr zu einem Kampf der demografischen Gruppen wie zu einem ideologischen Streit. Die Umfrage zeigt eine deutliche Polarisierung: 56 % der Frauen unterstützen das Anliegen, während die Männer es mit überwältigender Mehrheit ablehnen: 59 % wollen mit «Nein» stimmen. Das ist nicht bloss eine statistische Abweichung, sondern eine tiefe Kluft. Wie die Politikwissenschaftlerin Martina Mousson festhält, entspricht dies einem «gut etablierten Trend», wonach Frauen in der Schweiz regelmässig die Unterstützung für den Umweltschutz vorantreiben. Das Ausmass dieser Spaltung unterstreicht jedoch die Intensität der Debatte.

Auch die politischen Lager sind klar voneinander abgegrenzt. Die Initiative ist zum Brennpunkt der Polarisierung geworden: Linke Parteien und die Grünliberalen bündeln ihre Unterstützung, während rechte und Mitteparteien eine nahezu vollständige Ablehnung mobilisieren. Das ist ein Stellungskrieg in der Schweizer Politik. Die Jungen Grünen haben ihre Basis mobilisiert, es aber nicht geschafft, in den Mitte-rechts-Wählerblock vorzudringen, der für die Mehrheit entscheidend ist. Solange sie diese Kluft nicht überbrücken, bleibt die Initiative in einer ideologischen Nische gefangen.

Wirtschaftliche Ängste wiegen schwerer als ökologische Ideale

Die Schweizer Bevölkerung liebt zwar die Natur, fürchtet sich aber noch mehr um ihr Portemonnaie. Die Umfrage zeigt ein wichtiges Paradox: Eine klare Zweidrittelmehrheit der Befragten räumt ein, dass die Schweiz «heute die Ressourcen von morgen verbraucht» und erkennt damit die existenzielle Bedrohung unserer Lebensgrundlagen an. Dieses Bewusstsein schlägt sich jedoch nicht in der Stimmabsicht nieder. Ebenso viele Stimmberechtigte befürchten, dass die Umsetzung der strengen Vorgaben der Initiative einen wirtschaftlichen Schock auslösen und die Preise sowie die Lebenshaltungskosten in die Höhe treiben würde.

Im aktuellen Umfeld hat die wirtschaftliche Sicherheit Vorrang vor ökologischen Idealen. Es besteht die Befürchtung, die Forderungen der Initiative seien ein Luxus, den sich die Wirtschaft nicht leisten könne. Die Stimmberechtigten schrecken vor starren Verboten und verbindlichen Fristen zurück und betrachten diese als direkte Bedrohung ihrer finanziellen Stabilität. Die Initiative verlangt ausdrücklich Massnahmen, die soziale Ungerechtigkeit vermeiden. Die Stimmberechtigten bleiben dennoch nicht überzeugt. Die Vorstellung, dass ökologische Verantwortung wirtschaftliche Härten mit sich bringe, hat sich festgesetzt und erstickt die Ja-Kampagne, bevor sie sich voll entfalten kann.

Mobilisierung der Jugend und Spaltung der Diaspora

Inmitten der breiten Ablehnung gewinnen die jungen Stimmberechtigten an Fahrt. Die Umfrage zeigt, dass junge Wählerinnen und Wähler den Text nicht nur unterstützen, sondern sich auch stärker mobilisieren als bei eidgenössischen Abstimmungen üblich. Diese Energie spiegelt direkt wider, dass die Initiative aus der Jugendorganisation der Grünen hervorgegangen ist. Die Jungen kämpfen für ihre Zukunft, doch ihre Begeisterung stösst auf den Widerstand älterer und konservativerer Stimmberechtigter.

Die «Fünfte Schweiz», also die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, sorgt derweil für Spannung. Die Diaspora ist üblicherweise eine verlässliche Bastion der grünen Politik, doch hier ist sie gespalten. Die Umfrage zeigt einen hauchdünnen Vorsprung: 48 % unterstützen den Text, 47 % sind dagegen und 5 % unentschieden. Dieses statistische Patt unter den Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern verdeutlicht die Schwäche des Vorschlags. Selbst unter normalerweise progressiv eingestellten Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern gelingt es den Jungen Grünen nicht, ein überzeugendes Mandat zu sichern. Wenn die Initiative im Ausland nicht klar gewinnen kann, sind ihre Chancen, den konservativen Gegenwind im Inland zu überstehen, praktisch gleich null.

Der entscheidende Schwachpunkt: Starre Lösungen für reale Probleme

Das Urteil der Fachleute fällt vernichtend aus: Die Diagnose stimmt, doch die vorgeschlagene Therapie wird abgelehnt. «Das Problem wird erkannt, aber die Lösung überzeugt nicht», sagt Martina Mousson, Politikwissenschaftlerin bei gfs.bern. Die Stimmberechtigten halten die im Text vorgesehenen Fristen und Verbote für zu starr und für ein grobes Instrument zur Lösung eines komplexen Problems. Diese wahrgenommene Unbeweglichkeit ist der entscheidende Schwachpunkt der Initiative.

Zudem wirkt sich der Abstimmungsmodus selbst zuungunsten der Jungen Grünen aus. Da am 9. Februar nur über diese Vorlage abgestimmt wird, dürfte die Mobilisierung der Stimmberechtigten unter dem Durchschnitt liegen. Abstimmungen über einzelne Vorlagen wecken nur selten die landesweite Begeisterung, die nötig wäre, um einen derart grossen Rückstand in den Umfragen aufzuholen. Wenn es der Kampagne nicht gelingt, eine spektakuläre Wende herbeizuführen und die Stimmberechtigten davon zu überzeugen, dass ökologische Grenzen die Wirtschaft nicht ruinieren, ist die Initiative dazu bestimmt, ein weiteres Kapitel in der Geschichte gescheiterter Schweizer Volksinitiativen zu werden. Alles deutet auf ein klares «Nein» hin. Damit muss sich das Land ohne den von den Jungen Grünen so dringend angestrebten Verfassungsauftrag mit der Umweltkrise auseinandersetzen.