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Swiss Observer

Umweltalarm: 135 Pestizide in Schweizer Gewässern nachgewiesen

Eine neue nationale Studie zeigt besorgniserregende Pestizidbelastungen in Schweizer Flüssen: 23 Substanzen überschreiten die Sicherheitsgrenzwerte für Wasserlebewesen.

Umweltalarm: 135 Pestizide in Schweizer Gewässern nachgewiesen
AISWI swissinfo.ch

Der Ruf der Schweiz als Inbegriff unberührter alpiner Natur wird einer harten Realität ausgesetzt. In den Bächen und Flüssen des Landes wurden sage und schreibe 135 Pestizide nachgewiesen. Das zeigt, dass der chemische Cocktail weitaus stärker ist als bisher angenommen. Dabei handelt es sich nicht um eine geringfügige Abweichung, sondern um einen systemischen Umweltalarm. Eine neue nationale Studie, die in der Fachzeitschrift Aqua&Gas veröffentlicht wurde, hat die Illusion sauberer Gewässer erschüttert. Sie weist eine komplexe Mischung von Substanzen nach, welche die Grundlagen unserer aquatischen Ökosysteme bedrohen.

Die schiere Menge der gefundenen Chemikalien ist alarmierend. Forschende des Nationalen Daueruntersuchungsprogramms für die Fliessgewässer (NAWA) untersuchten 253 Substanzen. Dass sie 135 davon in nur fünf Bächen nachwiesen, deutet auf eine weit verbreitete Belastung hin, die sich durch die Schweizer Landschaft zieht. Es geht längst nicht mehr um vereinzelte Verschmutzungsfälle, sondern um einen chronischen Zustand, der die Lebensadern unserer Umwelt betrifft. Mit den vorliegenden Daten wird unbestreitbar: Unsere Gewässer leiden still unter einer chemischen Belastung, die sofortige öffentliche und politische Aufmerksamkeit erfordert.

Sicherheitsgrenzwerte massiv überschritten

Die Sicherheitsgrenzwerte werden nicht einfach nur überschritten, in einigen Fällen werden sie geradezu massiv übertroffen. Von den 135 nachgewiesenen Pestiziden wurden 23 Substanzen in Konzentrationen gefunden, die eine unmittelbare, tödliche Gefahr für Wasserlebewesen darstellen. Es handelt sich nicht um geringfügige Überschreitungen. Die Studie zeigt, dass die toxischen Konzentrationen bestimmter hochwirksamer Insektizide die ökotoxikologischen Qualitätskriterien um das Zehnfache überstiegen. Noch erschreckender: In einzelnen Fällen lagen die Konzentrationen bei mehr als dem 100-Fachen des Sicherheitsgrenzwerts.

Diese Daten zeichnen ein düsteres Bild für die Biodiversität in der Schweiz. Fische, Insektenlarven und andere Lebewesen schwimmen in Wasser, das grundsätzlich lebensfeindlich ist. Diese Ereignisse mit hohen Konzentrationen waren keine flüchtigen Momente, sondern hielten über mehrere Wochen an. Die Wasserlebewesen waren den Chemikalien also über längere Zeit ausgesetzt. Werden Grenzwerte um ein Vielfaches überschritten, zeigt sich ein katastrophales Versagen beim Schutz unserer natürlichen Ressourcen. Die Stärke dieser Belastung deutet darauf hin, dass die aktuellen Massnahmen zur Eindämmung angesichts der Wirksamkeit moderner Agrochemikalien völlig unzureichend sind.

Unbemerkte Verschmutzung: vom Tierfell bis ins Flussbett

Die Verschmutzung hat zwei Hauptursachen: landwirtschaftliche Abschwemmungen und, überraschenderweise, die Pflege von Haustieren. Während Herbizide mit dem Regenwasser von den Feldern in die Flüsse gelangen, stammt ein beträchtlicher Teil der Giftstoffe aus dem häuslichen Umfeld. Die Studie hebt einen wichtigen, oft übersehenen Eintragspfad hervor: unsere Haustiere. Hochgiftige Insektizide wie Fipronil, das häufig in Floh- und Zeckenmitteln für Hunde und Katzen verwendet wird, gelangen direkt in unsere Gewässer.

Das Wasserforschungsinstitut Eawag hat den Mechanismus ermittelt: Wirkstoffe haften an Tierhaaren, menschlichen Händen und Textilien. Beim Waschen gelangen die Chemikalien ins Abwasser. Die ernüchternde Realität ist, dass herkömmliche Abwasserreinigungsanlagen von diesen Substanzen derzeit überfordert sind und sie nicht wirksam herausfiltern können, bevor das gereinigte Wasser wieder in die Flüsse geleitet wird. Das offenbart eine unbequeme Wahrheit: Alltägliche Entscheidungen im Haushalt tragen direkt zur ökologischen Schädigung der Schweizer Bäche bei. Unbeabsichtigt vergiften wir das Wasser, das uns am Herzen liegt, indem wir uns oder unsere Haustiere waschen.

Regulierung hinkt hinterher: Gesetz und Realität

Der rechtliche Rahmen der Schweiz weist einen gefährlichen blinden Fleck auf. Die aktuelle Gewässerschutzverordnung legt ökotoxikologische Grenzwerte für gerade einmal 19 Pestizide fest. Vergleicht man diese Zahl mit den 135 tatsächlich nachgewiesenen Substanzen, wird aus der Regelungslücke ein tiefer Graben. Das Gesetz führt einen modernen Chemikalienkrieg gewissermassen mit veralteten Waffen. Die grosse Mehrheit der riskanten Substanzen bleibt rechtlich unsichtbar und wird nicht überwacht.

Diese Diskrepanz zwischen Gesetzgebung und Umweltrealität ist gravierend. Die neue Studie belegt eindeutig, dass die bestehende Liste mit 19 regulierten Substanzen nicht das gesamte Spektrum der Risiken für unsere Gewässer abdeckt. Wir wiegen uns in falscher Sicherheit und regulieren nur einen Bruchteil des Problems, während ein «giftiger Cocktail» ungehindert fliesst. Erschwerend kommt hinzu, dass der Bund kürzlich aus Spargründen eine Langzeitstudie zu PFAS- und Pestizidbelastungen eingestellt hat. Damit wird unser Blick auf die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen zusätzlich getrübt. Die Schweiz kann es sich nicht leisten, im Blindflug unterwegs zu sein, wenn so viel für die Ökologie auf dem Spiel steht.

Nationale Krise: die geografische Verbreitung der Belastung

Es handelt sich nicht um ein lokales Problem, sondern um ein landesweites Umweltversagen. Die Studie erfasste verschiedene Regionen und bestätigte, dass die Verschmutzung keine Kantonsgrenzen kennt. Die Forschenden analysierten Wasser aus der Surb im Aargau, der Petite Glâne im Kanton Freiburg, der Ron im Kanton Luzern, dem Halbach im Kanton Schaffhausen und dem Scairolo im Tessin. An jedem einzelnen Standort zeigte sich dasselbe Bild: Vierzehntägliche Proben wiesen eine anhaltende Präsenz von Pestiziden nach.

Durch die Untersuchung von Flusswasser und gereinigtem Abwasser hat die Zusammenarbeit der Kantone, des BAFU und der Eawag eine umfassende Übersicht über die Eintragspfade der Verschmutzung ermöglicht. Die Allgegenwärtigkeit dieser Befunde, vom deutschsprachigen Norden bis in den italienischsprachigen Süden, erfordert eine einheitliche nationale Reaktion. Die Schweiz ist stolz auf ihre Landschaften. Doch da die Flüsse ihre giftige Fracht durchs Land tragen, zeigt sich, dass unser Umgang mit der Umwelt zu wünschen übrig lässt. Die Daten liegen nun öffentlich vor. Offen bleibt, ob die Politik mit der gebotenen Dringlichkeit auf diese Krise reagieren wird.