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Swiss Observer

Parlamentarische Kommission spricht sich knapp für den Bau neuer Atomkraftwerke aus

In einem bedeutenden Kurswechsel hat sich eine parlamentarische Kommission knapp für einen Vorschlag ausgesprochen, der den Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz ermöglichen würde. Damit entflammt eine zutiefst umstrittene nationale Debatte über die künftige Energiestrategie des Landes erneut.

Parlamentarische Kommission spricht sich knapp für den Bau neuer Atomkraftwerke aus
AILe News

Eine einzige Stimme hat gerade sieben Jahre Energiegewissheit in der Schweiz auf den Kopf gestellt. Mit hauchdünnem Mehr von 13 zu 12 Stimmen hat sich die Energiekommission des Nationalrats dafür ausgesprochen, das Verbot neuer Atomkraftwerke von 2017 aufzuheben. Das ist nicht bloss eine Gesetzesanpassung, sondern ein grundlegender Wandel, der den Kern der «Energiestrategie 2050» der Schweiz betrifft. Seit der historischen Abstimmung von 2017 galt im Land ein striktes Verbot neuer Reaktoren. Doch die Aussicht auf drohende Energieengpässe zwingt zu einem radikalen Umdenken. Der Entscheid der Kommission signalisiert, dass die Ära des ideologischen Ausschlusses vorbei ist und die Suche nach Netzstabilität nun mit Nachdruck vorangetrieben wird. Während bestehende Kraftwerke wie Beznau und Leibstadt weiterhin ihren Dienst leisten, ist die Möglichkeit, dass plötzlich der Beton für neue Reaktoren gegossen wird, zu einer konkreten politischen Realität geworden. Dieser Schritt entspricht der Haltung des Ständerats, der bereits seine Bereitschaft zu einer Rückkehr der Atomkraft signalisiert hat. Damit zeichnet sich eine politisch brisante Auseinandersetzung im Gesetzgebungsprozess ab.

Technologieneutralität versus finanzielle Risiken

Die Schweiz braucht eine zuverlässige, CO2-arme und kosteneffiziente Energieversorgung. Die Kommissionsmehrheit betont, dass sie es sich nicht leisten kann, wählerisch zu sein. Der Staat müsse technologieneutral bleiben und dürfe die Zukunft des Landes nicht allein auf die Hoffnung setzen, dass erneuerbare Energien die Lücke schliessen. Dieser Pragmatismus hat jedoch einen beträchtlichen Preis. Gegner schlagen Alarm und warnen, dass eine Wiederöffnung der Tür zur Atomkraft den öffentlichen Sektor enormen finanziellen Risiken aussetze und Investitionen in Wind- und Solarenergie lähme. Um dem entgegenzuwirken, stimmte die Kommission zu, dass neue Kraftwerke nur dann eine Bewilligung erhalten dürfen, wenn Bau und Betrieb vollständig durch privates Kapital gesichert sind. Forderungen nach einer staatlich vorgeschriebenen Finanzierung lehnte sie ab. Damit entsteht ein Drahtseilakt: Das Gesetz könnte neue Kraftwerke zulassen, doch der Markt muss beweisen, dass sie rentabel sind. Unterdessen wurde ein Vorschlag abgelehnt, Bewilligungen ausschliesslich für fortschrittliche Reaktoren der «vierten Generation» zu erteilen. Damit bleibt die Tür für etablierte und bewährte Technologien weit offen.

Der Schatten der Blackout-Initiative

Die Initiative «Blackout stoppen» ist der Motor hinter dieser politischen Kehrtwende. Die Volksinitiative will sicherstellen, dass die Schweiz niemals im Dunkeln sitzt. Ihr Druck hat den Bundesrat zu einem indirekten Gegenvorschlag veranlasst, der die Ziele der Initiative aufgreift. Befürworter argumentieren, dass das Land mit einem katastrophalen Energiedefizit konfrontiert sein wird, das nur Atomkraft überbrücken kann, falls die Ziele für erneuerbare Energien bis 2050 verfehlt werden. Kritiker sehen darin hingegen einen Verrat am Volksentscheid von 2017. Sie argumentieren, im Zentrum sollten weiterhin eine detaillierte Strategie für die Entsorgung radioaktiver Abfälle und ein stärkerer Ausbau der Wasser- und Solarenergie stehen. Die Ablehnung zusätzlicher Hürden durch die Kommission, etwa eines überarbeiteten Plans für die Stromversorgung, zeigt deutlich, dass sie den Weg für die Atomkraft vereinfachen will. Es geht dabei nicht nur um Strom, sondern auch um Souveränität. Während Europa mit schwankenden Energiepreisen und unsicheren Lieferungen ringt, signalisiert das Schweizer Parlament, dass es der Zuverlässigkeit der inländischen Versorgung Vorrang vor ökologischer Reinheit geben wird, selbst wenn dafür eine Technologie wieder aufgegriffen werden muss, die viele bereits für Geschichte hielten.

Das bevorstehende nationale Referendum

Das letzte Wort werden nicht die Politikerinnen und Politiker in Bern haben, sondern das Schweizer Stimmvolk. Die nächste Hürde für die Gesetzesänderung ist der Nationalrat, doch ein obligatorischer nationaler Urnengang liegt über jeder Debatte. Die direkte Demokratie der Schweiz stellt sicher, dass ein Kurswechsel dieses Ausmasses, der eine Dekade des Widerstands gegen die Atomkraft rückgängig machen würde, an der Urne entschieden wird. Damit zeichnet sich ein Wahlkampf ab, der eine ganze Generation prägen könnte. Auf der einen Seite wird eine Koalition aus Parteien der Mitte und rechten Parteien für eine umfassende Energiesicherheit eintreten. Auf der anderen Seite werden Umweltorganisationen und linke Parteien den Konsens von 2017 verteidigen. Die Einsätze könnten nicht höher sein. Wird das Verbot aufgehoben, könnten in den 2030er-Jahren erstmals seit Jahrzehnten wieder Gesuche für neue Reaktoren in der Schweiz eingereicht werden. Wird es abgelehnt, muss das Land den beispiellosen Ausbau erneuerbarer Energieinfrastruktur beschleunigen. So oder so hat die knappe Abstimmung der Kommission mit 13 zu 12 Stimmen den Startschuss für eine Debatte gegeben, die die Schweizer Landschaft im kommenden halben Jahrhundert prägen wird.