Klimawandel
Der Klimawandel stellt die Zukunft der Schweizer Skigebiete und einer Olympiakandidatur infrage
Angesichts steigender globaler Temperaturen, die die Zukunft des Wintersports gefährden, setzen Schweizer Skigebiete Überlebensstrategien um. Diese Klimasorgen werfen einen langen Schatten auf eine mögliche Schweizer Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2038.

Die goldene Regel des Schweizer Skisports ist brutal einfach: Eine Piste braucht 30 Zentimeter Schnee während 100 Tagen, um zu bestehen. Heute schmilzt diese Garantie dahin. Während der «Schnee-Kompass», ein neues wissenschaftliches Prognoseinstrument, ein düsteres Bild kürzerer Saisons zeichnet, liefern sich Schweizer Skigebiete ein verzweifeltes Wettrüsten mit hohem Einsatz, um sich hoch gelegene Gebiete zu sichern. Die Branche erhält die Pisten nicht mehr einfach instand, sie konstruiert ihr Überleben.
Noch nie zuvor fliesst so viel Geld in die Berge. Im Berner Oberland wurden satte 130 Millionen Franken in die Modernisierung der Bergbahn nach Mürren investiert, während die Region Flims Laax Falera 80 Millionen Franken für neue Gondelbahnen zugesagt hat. Saas-Fee ist noch höher hinausgegangen und hat die höchstgelegene Standseilbahn der Welt auf knapp 3500 Metern saniert. Das ist nicht bloss eine Renovation, sondern eine Befestigung gegen die Klimaerwärmung. Skigebieten, die solche Höhen nicht erreichen, steht eine düstere Zukunft bevor, während jene, die es können, Millionen ausgeben, um die letzten Bollwerke des Winters zu bleiben.
Aufstand vor Ort: Gemeinden kaufen ihre Berge zurück
Während das Klima den Schnee bedroht, gefährdet ausländisches Kapital die Seele der Schweizer Alpen. Globale Grossunternehmen wie Vail Resorts kaufen aggressiv europäische Gipfel auf und lösen damit heftigen Widerstand in der Bevölkerung aus. Diese will ihr Erbe schützen. Die Gemeinden Flims, Laax und Falera zogen kürzlich eine Grenze im Schnee und stimmten mit überwältigender Mehrheit dafür, das Skigebiet «Weisse Arena» selbst zu kaufen.
Der Preis für die Unabhängigkeit war hoch: stolze 94,5 Millionen Franken (123 Millionen US-Dollar). Doch die Alternative, die Kontrolle an weit entfernte Konzernleitungen zu verlieren, war für die Bürgerinnen und Bürger Graubündens inakzeptabel. Dieser Schritt markiert einen dramatischen Wandel bei den Eigentumsverhältnissen. Während ägyptische Investoren Andermatt umgestalten und österreichische Tycoons Saas-Fee beherrschen, holen sich diese lokalen Gemeinschaften ihre Zukunft zurück. Sie setzen darauf, dass lokale Verantwortung statt ausländischer Gewinnmaximierung der einzige nachhaltige Weg durch die ungewissen Winter ist, die bevorstehen.
Olympische Träume kollidieren mit einer wärmer werdenden Realität
Das Thermometer ist der oberste Richter, und sein Urteil über die Olympischen Winterspiele fällt vernichtend aus. Seit Cortina d’Ampezzo die Spiele 1956 zum letzten Mal ausgerichtet hat, sind die durchschnittlichen Februartemperaturen dort um 3,6 Grad Celsius gestiegen. Das ist keine Ausnahme, sondern der neue Normalzustand. Eine ernüchternde Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass von den 93 Orten, die derzeit für internationale Wintersportwettkämpfe geeignet sind, in den 2080er-Jahren nur noch rund 30 infrage kommen werden. Der Kreis möglicher Austragungsorte schmilzt dahin wie die Gletscher.
Die Schweizer Kandidatur für die Spiele 2038 versucht, dieser heissen Realität mit einem «dezentralen» Modell zu begegnen. Dabei soll die bestehende Infrastruktur genutzt werden, um den CO2-Fussabdruck der Veranstaltung zu begrenzen, der gewöhnlich zwischen 1,0 und 1,5 Millionen Tonnen liegt. Die Nachhaltigkeitsvorgaben des Internationalen Olympischen Komitees kollidieren jedoch mit den physikalischen Grenzen eines sich erwärmenden Planeten. Während das IOC verzweifelt versucht, die Spiele unter einer schrumpfenden Zahl «klimasicherer» Austragungsorte rotieren zu lassen, positioniert sich die Schweiz als Retterin. Doch da es im März bereits zu warm für die Paralympics wird, schliesst sich das Zeitfenster für traditionelle Wintersportarten rasch.
Am Stimmzettel vorbei: ein riskanter politischer Slalom
Die Schweiz arbeitet mit Hochdruck an einer Kandidatur für die Olympischen Spiele 2038, lässt die Stimmberechtigten aber bereits am Start zurück. Trotz einer eindeutigen Vorgeschichte von Ablehnungen, bei denen kantonale Abstimmungen die Kandidaturen 2013, 2017 und 2018 zu Fall brachten, treibt Swiss Olympic einen Vorschlag voran, der auffälligerweise eine eidgenössische Abstimmung umgeht. Die Strategie ist kühn, vielleicht leichtsinnig: zuerst die Spiele sichern, dann die Kantone fragen.
Kritikerinnen und Kritiker argumentieren, damit werde die Öffentlichkeit vor ein fait accompli gestellt, ein Vorgehen, das nach einem Demokratiedefizit rieche. Swiss-Olympic-Präsidentin Ruth Metzler-Arnold hält dagegen, der enge Zeitplan des IOC lasse keine Zeit für eine nationale Abstimmung. Diese formale Begründung vermag die Skepsis in der Bevölkerung jedoch kaum zu zerstreuen. Auch die finanziellen Risiken sind erheblich: Die Kandidatur hängt davon ab, dass private Garantien für ein allfälliges Defizit gesichert werden, doch dieses Sicherheitsnetz ist noch nicht zustande gekommen. Falls sich bis Ende Jahr keine privaten Geldgeber melden, ist die Kandidatur hinfällig. Die Schweiz versucht einen riskanten Lauf: ein Megaereignis in einer wärmer werdenden Welt auszurichten, ohne die ausdrückliche Zustimmung der Menschen, die mit dem Vermächtnis leben werden.