Klimawandel
Schneemangel beeinträchtigt den Schweizer Wintersport, von den Skigebieten im Tessin bis zu den Schlittenhunderennen
Die Auswirkungen des sich erwärmenden Klimas werden in der Schweiz immer sichtbarer. Wenig Schneefall zwingt ein grosses Schlittenhunderennen dazu, auf Gras stattzufinden, und gefährdet das Überleben der Skigebiete im Tessin sowie des Langlaufs im ganzen Land.

Im Süden der Schweiz schrillen die Alarmglocken lauter denn je. Die Skigebiete im Tessin kämpfen derzeit mit einem ihrer schwierigsten Winter seit Beginn der Aufzeichnungen. Ein «bizarrer Klimawandel» lässt die Pisten schneefrei zurück und zwingt die Bergbahnbetreiber zu hektischen Massnahmen. In einer Region, in der Champions wie Lara Gut-Behrami ihre ersten Schritte machten, hat sich die Schneegrenze deutlich zurückgezogen. Skigebiete wie Carì und Airolo, die zwischen 1'650 und 2'300 Metern liegen, blicken im Januar auf grüne Wiesen. Die Lage ist derart kritisch, dass die Verantwortlichen der Skigebiete für die Mitarbeitenden nun Kurzarbeit anordnen, ein verzweifelter Versuch, die finanziellen Verluste einzudämmen.
Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild vom Saisonstart. In Bosco/Gurin meldete der Eigentümer Giovanni Frapolli während der wichtigen Weihnachtszeit durchschnittlich nur 250 Gäste pro Tag. «An einem Tag waren es 320, was sehr wenig ist», räumte Frapolli ein und führte den Einbruch auf das unberechenbare Klima zurück. Während es dem Bleniotal dank intensiver künstlicher Beschneiung gelungen ist, einige Pisten offenzuhalten, wird der Einsatz von Technik im Kampf gegen die Natur zu einem kostspieligen und mühsamen Unterfangen. Die südlichen Alpen bekommen die Auswirkungen der Erwärmung stärker zu spüren als ihre nördlichen Gegenstücke. Dadurch droht der Wintertourismus in der Region zur Erinnerung zu werden.
Grün statt Weiss: Schlittenhunde auf Rädern
Bei den 53. internationalen Schlittenhunderennen in Saignelégier zeigte sich die Anpassung auf surreale Weise: Auf dem Boden lag kein einziges Schneekorn. Zum zweiten Jahr in Folge ersetzte das üppige Gras der Freiberge die eisigen Spuren des Juras, was eine radikale Änderung der Ausrüstung erforderte. Statt Schlitten über Pulverschnee zu ziehen, zogen die Huskys Karts mit Rädern und Mountainbikes, ein befremdlicher Anblick, der die Dauerhaftigkeit des Erwärmungstrends in der Region unterstreicht.
Der Anlass zog zwar 7'000 Zuschauerinnen und Zuschauer an und bewies damit, dass die Begeisterung des Publikums für den Sport anhält. Die Auswirkungen auf den Wettkampf selbst waren jedoch verheerend. Die Teilnehmerzahl sank von den üblichen 130 Mushern auf gerade einmal 45. «Ein grünes Jahr kann man nicht mit einem weissen Jahr vergleichen», sagte Toinette Wisard, Co-Präsidentin des Organisationskomitees. Die «grüne Variante» war eine notwendige Massnahme zum Überleben, um eine Absage zu vermeiden. Sie gewährleistete die Sicherheit der Hunde, veränderte aber den Charakter des Rennens grundlegend. Mit dem Rückzug der Schneegrenze verwandeln sich diese «Winterveranstaltungen» rasch in Geländetests für Ausdauer, ein Zeichen dafür, dass im Jura eine neue, schneelose Normalität Einzug hält.
Das langsame Ende des Langlaufs in tiefen Lagen
Der Langlauf, einst ein zugänglicher Wintersport für breite Bevölkerungsschichten, zieht sich stark und schmerzhaft zurück. Die Höhenlage von 1'000 Metern, früher eine verlässliche Grenze für den nordischen Sport, bietet keine Sicherheit mehr. Laurent Donzé, Präsident von Romandie Ski de Fond, beschreibt die Lage mit brutaler Klarheit: «Wir befinden uns in einem Rückzugsprozess.» Der Rückgang der Skitage ist nicht bloss eine Wetterstatistik, sondern eine existenzielle Bedrohung für die Sportkultur im Jura und darüber hinaus.
Die Folgen dieser Entwicklung geben Anlass zur Sorge. Weniger offene Loipen bedeuten weniger junge Menschen, die mit dem Sport beginnen, eine geringere Präsenz in den Medien und weniger Sponsoringverträge. Der Gelegenheitsskifahrer verschwindet. «Nur die Süchtigen werden sich auf die Suche nach Schnee machen», sagt Donzé voraus. «Vielseitige Sportlerinnen und Sportler» wechselten bereits zum Mountainbiken oder Laufen. Anders als alpine Skigebiete, die in eine umfangreiche Beschneiungsinfrastruktur investieren können, stehen Langlaufzentren vor einer schwierigeren Realität: Künstliche Beschneiung ist oft zu teuer und widerspricht dem ökologischen Selbstverständnis des Sports. Mit dem Rückzug des Schnees in höhere Lagen wird Langlauf von einer beliebten Tradition zu einem seltenen, exklusiven Luxus.
Finanzielle Rettungsleinen und der Kampf ums Überleben
Mit dem Klimawandel wird das Überleben des Schweizer Wintersports immer mehr zu einer Frage des Geldes. Im Tessin hat das Kantonsparlament mit einem grosszügigen Darlehen von 6 Millionen Franken (7,7 Millionen Dollar) eingegriffen, um angeschlagene Skigebiete während der nächsten vier Saisons zu stützen. Diese Finanzspritze ist eine wichtige Rettungsleine. Sie hält die Anlagen in Betrieb, in einer Zeit, in der die Ticketverkäufe allein die Zahlungsfähigkeit nicht mehr gewährleisten können. Ohne diese Subventionen würden in vielen Skigebieten im Süden die Lichter wohl für immer ausgehen.
Geld kann jedoch keine tieferen Temperaturen kaufen. Die Skigebiete stellen sich mit Nachdruck neu auf: Bosco/Gurin plant Solaranlagen und Wasserreservoirs, um die Schneeproduktion zu optimieren und der Klimakrise mit technischer Planung entgegenzuwirken. Die langfristige Prognose bleibt jedoch ungewiss. Während der Skisport in tiefen Lagen schwindet und «Winterveranstaltungen» auf Gras stattfinden, muss die Schweiz ihre Identität neu denken. Die Zeit der garantierten weissen Winter ist vorbei. Eine kostspielige, schwierige und dringende Anpassung hat begonnen.