Wirtschaft
Chinesische E-Commerce-Giganten erschüttern den Schweizer Detailhandel
Eine Umfrage zeigt, dass 60 % der Schweizer Detailhändler wegen der Konkurrenz durch Temu und Shein besorgt sind, während der Sektor unter zunehmendem Druck steht

Die Schleusen sind geöffnet, und der Schweizer Detailhandel stellt sich auf die Auswirkungen ein. Eine aufsehenerregende Umfrage des Schweizerischen Gewerbeverbands zeigt, dass inzwischen mehr als 60 % der inländischen Detailhändler das rasche Vordringen von Onlinegiganten wie Temu, Shein und Amazon als ernsthafte Bedrohung ansehen. Dabei geht es nicht bloss um eine Veränderung des Konsumverhaltens, sondern um einen grundlegenden Umbruch des Marktes. Da diese Billigplattformen das Land mit günstigen Waren überschwemmen, von Fast Fashion bis zu Haushaltsartikeln, ist die Besorgnis in den Chefetagen deutlich spürbar.
Die Daten zeichnen das Bild einer Branche, die unter Belagerung steht. Geschäftsführungen im ganzen Land schlagen Alarm und bezeichnen die aggressive Expansion dieser chinesischen Schwergewichte als «besorgniserregend» oder «sehr besorgniserregend». In beispielloser Geschwindigkeit haben diese Plattformen Marktanteile gewonnen. Schweizer Unternehmen müssen sich deshalb einer neuen Realität stellen: Preiskämpfe werden auf globaler Ebene ausgetragen, direkt vor ihrer digitalen Haustür.
Die Mitte gerät unter Druck: Ein enormer Einfluss
Der Druck ist nicht bloss hypothetisch, sondern wird mit voller Wucht gespürt. Ganze 70 % der befragten Unternehmen berichten, dass Temu und Shein einen «starken» oder «sehr starken» Einfluss auf ihre Geschäftstätigkeit haben. Im deutlichen Gegensatz dazu stufen gerade einmal 9 % die Auswirkungen als gering ein. Dieser überwältigende Konsens zeigt: Die Zeit, in der grenzüberschreitende Billigplattformen ignoriert werden konnten, ist vorbei.
Die Hauptlast dieser Entwicklung tragen nicht alle gleichermassen. Am stärksten mit dem Zustrom zu kämpfen haben mittelgrosse Unternehmen im Non-Food-Bereich. Diese Betriebe, die häufig das Rückgrat der Schweizer Einkaufsstrassen bilden, geraten durch die Preisunterbietungen in eine Zwickmühle. Mit den traditionellen Schweizer Wertversprechen lässt sich nur schwer dagegenhalten. Je stärker diese Plattformen den Markt durchdringen, desto geringer wird der Spielraum für Fehler der lokalen Detailhändler, bis er praktisch bei null liegt.
Mehr als nur Schnäppchen: Ein geopolitisches Minenfeld
Während der Preiskampf tobt, müssen sich Schweizer Detailhändler gleichzeitig in einem «perfekten Sturm» externer Bedrohungen zurechtfinden. Das Barometer zeigt, dass die Volatilität der Weltpolitik zu den fünf grössten Sorgen der Branche aufgestiegen ist. Von der Polarisierung in den USA über die wirtschaftlichen Manöver Chinas bis zu den anhaltenden Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten: Die Weltlage ist von Instabilität geprägt, die sich direkt auf die Schweizer Geschäfte auswirkt.
Zusammen mit einer verhaltenen Konsumstimmung und zunehmendem Margendruck ergibt sich ein schwieriges Umfeld. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) beklagen besonders häufig den erstickenden Druck durch Vorschriften und den akuten Mangel an qualifiziertem Personal. Es ist ein Kampf an mehreren Fronten: Detailhändler müssen um Fachkräfte kämpfen und sich durch bürokratische Hürden navigieren, während sie gleichzeitig die aggressiven Preisstrategien ausländischer Tech-Giganten abwehren.
Trotzige Zuversicht: Schweizer Detailhändler behaupten sich
Trotz des starken Gegenwinds zeigt sich der Schweizer Detailhandel bemerkenswert widerstandsfähig. Überraschenderweise fällt der Ausblick der Branche für Anfang 2025 deutlich positiver aus als im Vorjahr. Ganze 79 % der Unternehmen gehen davon aus, dass die Umsätze stabil bleiben werden. Das ist eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorjahr, als mehr als jedes dritte Unternehmen mit einem Rückgang rechnete. Dieses Vertrauen deutet darauf hin, dass sich Schweizer Unternehmen anpassen, ihren Stand finden und ihren Marktanteil verteidigen wollen.
Zudem scheint der Inflationsdruck nachzulassen. Für 2025 rechnet die Branche mit einem durchschnittlichen Preisanstieg von nur 1,2 %, deutlich weniger als die zuvor geschätzten 2,1 %. Während 4 % der Detailhändler sogar überdurchschnittliche Geschäftsergebnisse erwarten, ist die Botschaft klar: Der Schweizer Detailhandel ist angeschlagen, aber nicht gebrochen und bereit, der chaotischen Flut des globalen Onlinehandels Qualität und Stabilität entgegenzusetzen.