Gesellschaft
Basel lanciert Strategie gegen urbane Einsamkeit
47 % der Haushalte sind Einpersonenhaushalte. Die Behörden in Basel ergreifen neue Massnahmen gegen die zunehmende soziale Isolation in der drittgrössten Stadt der Schweiz.

Basel hat sich selbst zur unbestrittenen Hauptstadt der Einsamkeit in der Schweiz gekrönt. Erstaunliche 47 % aller Haushalte im Kanton werden inzwischen von einer einzelnen Person bewohnt. Dieser Wert liegt deutlich über dem nationalen Durchschnitt von 36 %. Das ist nicht bloss eine statistische Besonderheit, sondern ein grundlegender Wandel im städtischen Gefüge der drittgrössten Stadt der Schweiz. Heute bestreiten mehr als 50 000 Einwohnerinnen und Einwohner, ein volles Viertel der Bevölkerung, ihren Alltag in einem Einpersonenhaushalt.
Die Entwicklung ist eindeutig und beschleunigt sich. 1960 entfielen nur 21 % der Haushalte auf diese Kategorie. Bis 1990 hatte sich der Anteil mehr als verdoppelt und lag bei 45 %. Während die Stadt mit den modernen Dynamiken des urbanen Lebens ringt, ist die Unterscheidung zwischen «allein leben» und «Einsamkeit» zum Brennpunkt intensiver politischer und gesellschaftlicher Debatten geworden. Während manche, wie die 82-jährige Esther Jeanine Zehntner, die Selbstständigkeit des Alleinlebens schätzen und sagen: «Mir geht es gut», deuten die Gesamtdaten auf eine drohende Herausforderung für die öffentliche Gesundheit hin. Die hohe Dichte an Einpersonenhaushalten in Basel erfordert umgehende Aufmerksamkeit. Was einst Privatsache war, wird damit zu einer zentralen Frage der öffentlichen Politik.
Ressourcen mobilisieren: Die kantonale Gegenoffensive
Der Staat bleibt nicht länger untätig. Die Behörden von Basel-Stadt erkennen, dass soziale Isolation ein Vorbote umfassenderer gesundheitlicher und gesellschaftlicher Probleme ist, und haben eine gezielte Offensive gestartet. Unter der Leitung von Lukas Ott, dem Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung, geht die Verwaltung von passiver Beobachtung zu aktivem Handeln über. Nach einem wegweisenden parlamentarischen Vorstoss im Jahr 2023 hat der Kanton ab 2025 jährlich 150 000 Franken für freiwillige Projekte vorgesehen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken sollen.
«Basel-Stadt muss neue Möglichkeiten schaffen, damit Menschen zusammenkommen können», sagt Ott und signalisiert damit eine Abkehr von der traditionellen Verwaltung hin zu gezielten gesellschaftlichen Massnahmen. Diese finanzielle Verpflichtung baut auf früheren Versuchen auf, etwa der Initiative von 2023, bei der alle älteren Menschen, die allein lebten, einen Brief mit direkten Kontakten zu Unterstützungsangeboten wie «Info älter werden» und «Mein Ohr für dich» erhielten. Die neue Strategie trägt jedoch der Erkenntnis Rechnung, dass Telefon-Hotlines nicht ausreichen. Ziel ist es, physische und systemische Strukturen zu schaffen, die echte menschliche Begegnungen ermöglichen. Dabei wird anerkannt, dass Einsamkeit zwar notorisch schwer zu messen ist, die Kosten, wenn man sie ignoriert, aber untragbar hoch sind.
Mit Stereotypen aufräumen: Die Isolation junger Menschen
Wir müssen mit dem überholten Mythos aufräumen, Einsamkeit sei ausschliesslich eine Belastung für ältere Menschen. Daten zeigen, dass ein Drittel aller Einpersonenhaushalte in Basel von Menschen zwischen 20 und 40 Jahren bewohnt wird. Diese Bevölkerungsgruppe, von der oft angenommen wird, sie sei digital stark vernetzt, erlebt eine ausgeprägte Fragilität ihrer persönlichen Beziehungen.
Lukas Ott hebt dieses Paradox deutlich hervor: «Wir wissen, welche Auswirkungen Einsamkeit auf ältere Menschen hat. Es fällt uns aber schwer zu akzeptieren, dass sich auch jüngere Menschen einsam fühlen können.» Junge Menschen sind mobiler und digital stärker vernetzt als jede Generation zuvor, doch ihren Beziehungen fehlt es oft an Tiefe und Qualität. Die Zunahme der Gig-Economy, die Flüchtigkeit des modernen Stadtlebens und der digitale Anstrich sozialer Medien haben unter Millennials und der Generation Z zu einer gefährlichen Mischung geführt, die Isolation begünstigt. Das ist nicht bloss ein Problem der Babyboomer, sondern ein strukturelles Versagen des modernen städtischen Lebens: Junge Berufstätige bleiben in ihren Wohnungen isoliert, über Glasfaserkabel mit der Welt verbunden, aber durch Betonwände von ihren Nachbarn getrennt.
Das gesellschaftliche Gefüge zukunftsfähig machen
Die Entwicklung ist unaufhaltsam und unerbittlich. Prognosen zufolge werden bis 2050 mehr als 50 % aller Haushalte in Basel-Stadt Einpersonenhaushalte sein. Diese demografische Entwicklung ist kaum abzuwenden und verlangt ein radikales Umdenken in der Stadtplanung und der sozialen Gestaltung des Zusammenlebens. Wir erleben den Beginn eines neuen Gesellschaftsmodells, in dem Mehrpersonenhaushalte in der Minderheit sind.
Dieser Wandel zwingt uns, uns mit dem «Babyboomer-Blues» auseinanderzusetzen: einer Generation, die mit Scheidungen, Pensionierungen und einem plötzlichen Schrumpfen ihres sozialen Umfelds konfrontiert ist. Gleichzeitig gilt es, der Vereinzelung junger Menschen entgegenzuwirken. Die Herausforderung für Basel und damit auch für die Schweiz besteht darin, den öffentlichen Raum neu zu gestalten. Parks, Promenaden wie die Rheinufer und Kulturinstitutionen müssen sich von passiven Orten zu Begegnungsorten entwickeln. Wie Gottfried, ein 60-jähriger Kulturschaffender aus der Region, feststellt, müssen selbst Hochgebildete nach der Pandemie plötzlich wieder lernen, Kontakte zu knüpfen. Die Strategie Basels ist ein Testfall für den Rest des Landes: Kann eine Stadt Einsamkeit durch gezielte Planung überwinden? Die Antwort wird die Lebensqualität der Schweizer Stadtbevölkerung über Jahrzehnte hinweg prägen.