Basel
Historische Basler Gesellschaften nehmen erstmals Frauen auf
In einem historischen Schritt haben die drei traditionell ausschliesslich Männern vorbehaltenen Basler Ehrengesellschaften zum ersten Mal in ihrer jahrhundertealten Geschichte zwei Frauen aufgenommen. Die neuen Mitglieder feierten ihr erstes Vogel-Gryff-Fest, ein Zeichen für einen bedeutenden kulturellen Wandel.

Jahrhunderte männlich geprägter Tradition im Kleinbasel haben sich in dieser Woche unwiderruflich verändert. In einem Schritt, der im kulturellen Herzen der Schweiz nachhallt, haben die drei historischen Ehrengesellschaften zum ersten Mal seit dem 17. Jahrhundert Frauen aufgenommen. Das ist nicht bloss eine symbolische Geste, sondern eine grundlegende Neugestaltung des sozialen Gefüges von Basel. Mit Emélie Dunn und Anna Svea Grafström Burkhardt endet eine Ära, in der die «3E» ausschliesslich Männern vorbehalten waren.
Der Zeitpunkt könnte kaum passender sein. Während das Vogel-Gryff-Fest, der bedeutendste Feiertag des Kleinbasels, mit voller Kraft beginnt, haben die beiden Frauen ihre Plätze als vollwertige Mitglieder, sogenannte Gesellschaftsschwestern, eingenommen. Zwar tauchten im Spätmittelalter Frauennamen in den Mitgliederverzeichnissen auf, doch war die Tür Hunderte von Jahren fest verschlossen. Heute wurde sie aufgestossen. Die Aufnahme von Frauen in die Gesellschaften zum Rebhaus, zur Hären und zum Greifen zeigt, dass sich selbst die beständigsten Schweizer Traditionen weiterentwickeln, um den Anforderungen einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft gerecht zu werden.
Pionierinnen einer neuen Ära
Wer sind die Frauen, die diese jahrhundertealte Lücke füllen? Sie sind nicht einfach Namen auf einer Liste, sondern etablierte Persönlichkeiten der Gemeinschaft. Emélie Dunn, bekannt als Statthalterin des Bürgergemeinderats, ist der Ehrengesellschaft zum Greifen beigetreten. Ihr Ansatz ist erfrischend direkt und frei von politischer Inszenierung. «Ich mache das nicht, um ein Zeichen zu setzen, sondern für mich selbst», sagte Dunn und betonte damit die persönliche Verbundenheit statt der politischen Symbolik.
Zu ihr gesellt sich die Künstlerin Anna Svea Grafström Burkhardt, die in die Gesellschaft zum Rebhaus aufgenommen wurde. Ihr Weg in diesen inneren Kreis führte über ihre Kinder und weckte in ihr eine tiefe Wertschätzung für das, was sie als «lebendiges Kulturgut» bezeichnet. Die beiden Frauen wurden aus insgesamt acht neuen Mitgliedern ausgewählt. Das zeigt, dass sie keine Alibi-Aufnahmen, sondern qualifizierte Mitglieder auf Augenhöhe sind. Ihre Identität blieb bis unmittelbar vor dem Fest geheim, was der ohnehin schon aufgeladenen Stimmung zusätzliche Spannung verlieh. Nun stehen sie an vorderster Front und zeigen, dass Herkunft und Fortschritt keine Gegensätze sind.
Wie die Modernisierung umgesetzt wird
Dieser historische Kurswechsel kam nicht von ungefähr, sondern ist das Ergebnis gezielter struktureller Reformen. Der Wendepunkt kam 2022, als die Gesellschaften geänderte Vorschriften durchsetzten, die für alle Bewerberinnen und Bewerber volle Gleichberechtigung vorschreiben. Die «3E» sind keine privaten Vereine mehr, die nach altertümlichen Regeln funktionieren, sondern richten sich nun nach zeitgemässen Standards der Fairness. Der Beitritt bleibt jedoch ein Privileg und ist kein Recht.
Da die Mitgliederzahl pro Gesellschaft strikt auf 150 Personen begrenzt ist, ist der Wettbewerb gross. Die Wartelisten sind lang und das Auswahlverfahren streng. Dass Dunn und Grafström diese Hürde überwunden haben, belegt die Berechtigung ihrer Aufnahme. Samuel Müller, der diesjährige Vorsitzende, bestätigte die breite Unterstützung für diesen Wandel: «Eine grosse Mehrheit sagt klar, dass sie sich freut, die Gesellschaftsschwestern willkommen zu heissen.» Diese Aussage, eine «grosse Mehrheit», ist entscheidend. Sie zeigt, dass der oft vermutete Widerstand gegen Veränderungen in traditionellen Kreisen weitgehend verflogen ist und der Bereitschaft gewichen ist, eine inklusivere Zukunft zu begrüssen.
Die Zukunft von Basels Traditionen
Die Aufnahme von Frauen ist vermutlich erst das erste Beben eines grösseren kulturellen Umbruchs. Mit dem geschaffenen Präzedenzfall stellen sich die 3E auf eine Zunahme weiblicher Bewerbungen in den kommenden Jahren ein. Die aufregendste Aussicht betrifft jedoch den Auftritt selbst. Jahrhundertelang wurden die ikonischen Figuren des Vogel Gryff, des Leu und des Wild Maa ausschliesslich von Männern dargestellt.
Vorsitzender Müller ist der weitreichenden Bedeutung der Nachrichten dieser Woche nicht ausgewichen. Er hielt ausdrücklich fest, es sei «nicht ausgeschlossen», dass eines Tages eine Frau die schweren Masken und Kostüme dieser legendären Figuren tragen werde. Ein solcher Moment wäre der Höhepunkt der Integration, eine sichtbare und körperliche Verkörperung der Gleichberechtigung, die durch die Strassen des Kleinbasels tanzt. Während die Schweiz darum ringt, ihr reiches Erbe mit modernen Werten in Einklang zu bringen, hat Basel ein Zeichen gesetzt. Die Botschaft ist klar: Tradition überlebt nicht, indem sie stillsteht, sondern indem sie sich anpasst. Der Vogel Gryff fliegt weiter, doch sein Schatten reicht nun über alle.