Zum Inhalt springen
Swiss Observer

KI-Boom: Schweizer Start-ups sichern sich Rekordfinanzierung von 3,3 Milliarden Franken

Die Investitionen in Schweizer Start-ups stiegen 2025 um 44 Prozent auf insgesamt 3,3 Milliarden Franken. Ausschlaggebend dafür war vor allem ein kräftiger Anstieg der Finanzierung von Unternehmen im Bereich künstliche Intelligenz. Damit positioniert sich die Schweiz in Europa als Spitzenreiterin beim Wachstum des Investitionsvolumens.

KI-Boom: Schweizer Start-ups sichern sich Rekordfinanzierung von 3,3 Milliarden Franken
AISWI swissinfo.ch

Das Schweizer Start-up-Ökosystem hat alle Erwartungen übertroffen und im Laufe des Jahres 2025 beeindruckende 3,3 Milliarden Franken (4,25 Milliarden Dollar) an Finanzierungen gesichert. Das entspricht einem massiven Anstieg von 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr und signalisiert eine kräftige Rückkehr des Anlegervertrauens in Schweizer Innovationen. Während die globalen Märkte zögerlich waren, überlebt der Schweizer Sektor nicht nur, sondern floriert mit beispiellosem Schwung.

Das enorme Kapitalvolumen, das ins Land fliesst, unterstreicht die Widerstandsfähigkeit der Schweiz und ihren Status als erstklassiger Standort für Deeptech und wachstumsstarke Unternehmen. Gemäss dem jüngsten EY-Barometer wurden von Januar bis Dezember insgesamt 515 Finanzierungsrunden abgeschlossen. Während die Zahl der Runden mit einem bescheidenen Plus von 0,4 Prozent relativ stabil blieb, ist der Wert dieser Geschäfte sprunghaft angestiegen. Das deutet auf eine Verlagerung hin zu grösseren, zuversichtlicheren Investitionen in ausgereifte Technologien und skalierbare Geschäftsmodelle. Die Botschaft der Investoren ist klar: Schweizer Start-ups sind nicht mehr nur experimentell, sie sind unverzichtbar.

Der KI-Motor: Antrieb für einen Anstieg um 206 Prozent

Künstliche Intelligenz erobert die Welt des Risikokapitals, und die Schweiz serviert das Hauptgericht. Der wichtigste Treiber des diesjährigen Finanzierungsschubs ist ein unbestreitbarer Ansturm auf KI. Die Investitionen in Start-ups, die künstliche Intelligenz in ihr Kerngeschäft integrieren, stiegen um atemberaubende 206 Prozent auf insgesamt 1,1 Milliarden Franken. Das ist kein Trend, sondern ein Wandel.

Mehr als drei von zehn Finanzierungsrunden im Jahr 2025 gingen an Unternehmen mit KI-Fokus. Insgesamt erhielten 163 verschiedene Start-ups aus diesem Bereich eine Finanzierung, 46 Prozent mehr als im Vorjahr. Während das Gesundheitswesen traditionell beim Gesamtvolumen an der Spitze liegt, holt die KI rasch auf und wirkt als wichtigster Wachstumsmotor des gesamten Ökosystems. EY-Analysten stellen in diesem Sektor einen «unbestreitbaren Aufschwung» fest. Das zeigt, dass es der Schweiz gelingt, sich von der traditionellen Dominanz der Pharmaindustrie hin zu einem globalen Labor für maschinelles Lernen und algorithmische Innovation zu entwickeln.

Zürich dominiert die Innovationslandkarte

Bei der Zahl der Finanzierungsrunden bleibt der Kanton Zürich der unangefochtene Schwergewichts-Champion der Schweizer Start-up-Szene. Die Region verzeichnete mit 213 Abschlüssen die meisten Finanzierungsrunden. Das Zürcher Ökosystem, gestützt auf die ETH und ein dichtes Netzwerk von Technologiekonzernen, zieht weiterhin in- und ausländisches Kapital an.

Innovation beschränkt sich jedoch nicht auf die Ufer der Limmat. Die Romandie belegte mit 165 Runden einen starken zweiten Platz und behauptet damit ihren Ruf als wichtiger Standort für Biowissenschaften und Technologie. Die Zentralschweiz folgte mit 56 Runden, während die Nordwestschweiz und das Mittelland mit 27 beziehungsweise 25 Runden zurücklagen. Das Tessin und die Ostschweiz sind weiterhin aufstrebende Akteure und verzeichneten 20 beziehungsweise 9 Runden. Die Daten zeigen eine konzentrierte Machtstruktur: Talente gibt es zwar im ganzen Land, doch das Geld fliesst mit Nachdruck in die etablierten Zentren Zürich und Genferseeregion.

Die Nachbarn abgehängt: eine europäische Innovationsmacht

Während Europa mit wirtschaftlicher Stagnation zu kämpfen hat, legt die Schweiz einen Sprint hin. Der Unterschied zwischen dem Schweizer Markt und seinen deutschsprachigen Nachbarn ist deutlich und aufschlussreich. Während das Schweizer Investitionsvolumen um 44 Prozent stieg, erlebte Österreich einen dramatischen Einbruch mit einem Rückgang der Investitionen um 56 Prozent. Deutschland erzielte einen beachtlichen Anstieg von 19 Prozent, der jedoch im Vergleich zum Schweizer Zuwachs verblasst.

«Im internationalen Vergleich verzeichnete die Schweiz den grössten Anstieg des Volumens», erklärten die Autoren der EY-Studie. Damit positioniert sich die Schweiz nicht nur als sicherer Hafen, sondern auch als dynamischster Wachstumsmotor im DACH-Raum. Die Investoren stimmen eindeutig mit ihren Geldanlagen ab und bevorzugen die Stabilität, das regulatorische Umfeld und die hohe Technologiedichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft gegenüber den schwächelnden Märkten ihrer Nachbarn. In einem Jahr geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheit hat die Schweiz ihren Ruf als Innovationshochburg gefestigt.

Die Diversitätslücke bleibt bestehen

Mitten in der Feier des Kapitalzuflusses bleibt eine ernüchternde Zahl bestehen: Die Geschlechterlücke beim Risikokapital in der Schweiz ist hartnäckig. 2025 hatten nur 23 Prozent der finanzierten Start-ups Frauen im Gründungsteam. Noch bedenklicher ist, dass der Anteil der Gründungsteams, die ausschliesslich aus Frauen bestanden, auf nur 6 Prozent sank und damit unter dem Wert von 2024 lag.

Während die Finanzkennzahlen Rekorde brechen, stagnieren die Diversitätskennzahlen. Diese Diskrepanz zeigt ein erhebliches ungenutztes Potenzial im Ökosystem auf. Das Kapitalvolumen, das ins Land fliesst, ist zwar so hoch wie nie zuvor, doch die Chancen sind weiterhin ungleich verteilt. Damit die Schweiz ihren Wettbewerbsvorsprung langfristig bewahren kann, ist es nicht nur aus gesellschaftlichen Gründen wichtig, diese Kluft zu überbrücken. Es ist auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit, damit die besten Köpfe unabhängig von ihrem Geschlecht die nächste Innovationswelle vorantreiben können.