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Swiss Observer

Schweiz richtet europäische Erdbebenübung aus

Die Schweiz wird eine grosse europäische Zivilschutzübung ausrichten, bei der ein Erdbeben in der Westschweiz simuliert wird. An der Übung im Oktober nehmen rund 500 Personen teil. Sie prüft die Zusammenarbeit mit dem EU-Katastrophenschutzverfahren, dessen Beitritt die Schweiz erwägt.

Schweiz richtet europäische Erdbebenübung aus
AISWI swissinfo.ch

Vom 6. bis 9. Oktober werden rund 500 Einsatzkräfte in der Westschweiz zusammenkommen zu einer grossen europäischen Zivilschutzübung, bei der ein verheerendes Erdbebenszenario im Zentrum steht. EU MODEX Switzerland 2026 prüft, wie schnell Schweizer Behörden und internationale Teams Grenzen überqueren, beschädigte Gebiete erreichen und Rettungseinsätze koordinieren können.

Das Szenario umfasst weitreichende Zerstörungen in Genf, Waadt und Freiburg. Damit findet die Übung in einem der am dichtesten vernetzten Gebiete der Schweiz statt. Die Teams werden in Epeisses im Kanton Genf, in der Stadt Genf und auf dem Militärflugplatz Payerne im Kanton Waadt arbeiten.

Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden wird aus dem Ausland kommen. Diese internationale Präsenz gibt der Übung einen praktischen Zweck, der über die Ausbildung einzelner Einsatzkräfte hinausgeht. Sie prüft die Systeme, die darüber entscheiden, ob ausländische Hilfe in die Schweiz gelangen, Anweisungen erhalten und dort eingesetzt werden kann, wo sie gebraucht wird.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz wird den Einsatz gemeinsam mit Bundesämtern, den Kantonen, dem Zivilschutz und der Armee koordinieren. Die Schweiz wird den gesamten Ablauf der Teams beaufsichtigen, von der Einreise über die Grenze bis zu ihrer Rückkehr. Die Übung findet statt, während Bern engere institutionelle Beziehungen zum EU-Katastrophenschutzverfahren prüft. Über diesen Rahmen bündeln europäische Länder bei grossen Katastrophen ihre Hilfe.

Drei Kantone bereiten sich auf gemeinsames Handeln vor

Die Übung erstreckt sich über drei Kantone und mehrere Einsatzorte. In Epeisses nahe der Rhône und der französischen Grenze prüfen die Behörden die Ankunft und den Einsatz ausländischer Teams. Genf dient als städtischer Schauplatz der simulierten Katastrophe, während der Militärflugplatz Payerne den Transport und die Koordination von Personal und Ausrüstung unterstützt.

Die Geografie spiegelt die Herausforderungen eines grossen Erdbebens in der Westschweiz wider. Schäden würden nicht an Gemeindegrenzen haltmachen, und die Rettungsdienste müssten über kantonale Zuständigkeiten, Bundesstrukturen und internationale Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Die Übung im Oktober bietet den Behörden die Gelegenheit, diese Übergaben zu proben, bevor sie in einem tatsächlichen Notfall improvisieren müssen.

Genf und Waadt bringen wichtige Verkehrsverbindungen, Spitäler und städtische Bevölkerungsgruppen ins Szenario ein. Freiburg erweitert das Einsatzgebiet und fügt der Koordinationsaufgabe eine weitere kantonale Behörde hinzu. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz, die Gruppe Verteidigung und das Generalsekretariat des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport haben die Übung gemeinsam angekündigt.

Die Behörden stellen die Übung nicht als Vorhersage eines bestimmten Erdbebens dar. Sie ist eine kontrollierte Prüfung von Abläufen, Kommunikation und Logistik unter Bedingungen, die einer Katastrophe ähneln sollen, welche die lokalen Kapazitäten überfordern könnte.

Die Übung prüft die europäische Brücke der Schweiz

Die Schweiz wird die administrativen Abläufe proben, die darüber entscheiden können, ob internationale Hilfe rechtzeitig eintrifft. Ausländische Einheiten müssen die Grenze überqueren, ihre zugewiesenen Einsatzgebiete erreichen, Befehle entgegennehmen und später in ihre Heimat zurückkehren. Die für die Übung zuständigen Schweizer Behörden werden jede Phase steuern.

Diese logistische Kette ist zentral für das Katastrophenschutzverfahren der Europäischen Union, bekannt als UCPM. Die Schweiz ist derzeit kein Mitglied. Die geltenden EU-Vorschriften erlauben einem Drittstaat wie der Schweiz den Beitritt noch nicht. Die Europäische Kommission schlug jedoch im Juli 2025 Änderungen vor, um einen rechtlichen Weg für einen Beitritt zu schaffen.

Der Bundesrat brachte die Frage im März 2026 voran. Auf einen parlamentarischen Auftrag hin wies er das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport an, einen Entwurf für einen Beitrittsantrag auszuarbeiten. Die Vorlage soll bis Ende dieses Jahres in die Vernehmlassung geschickt werden.

Der rechtliche Zeitplan reicht weiter in die Zukunft als der operative. Es wird nicht erwartet, dass die erforderlichen EU-Bestimmungen vor 2028 in Kraft treten. Die Übung zeigt jedoch, dass die praktische Zusammenarbeit weitergehen kann, während die institutionelle Frage noch offen ist. Für die Schweizer Notfallplaner wird der Oktober eine praktische Prüfung der Vorkehrungen bieten, die eine künftige Mitgliedschaft formalisieren könnte.

Lehren aus Crans-Montana prägen die nächste Übung

Die jüngsten Erfahrungen haben der Schweiz bereits gezeigt, wie wertvoll die grenzüberschreitende Unterstützung im Zivilschutz ist. Nach dem Brand in der Silvesternacht in der Bar Le Constellation in Crans-Montana im Kanton Wallis half das UCPM dabei, Dutzende Brandverletzte in spezialisierte Spitäler im Ausland zu verlegen. Gemäss dem Bericht über den Einsatz trug die Hilfe dazu bei, zahlreiche Leben zu retten.

Dieser Einsatz machte die europäische Zusammenarbeit unmittelbar für die Schweiz relevant. Es ging um eine dringende medizinische Behandlung und nicht um ein Erdbeben. Er zeigte jedoch, wie schnell ein schwerwiegender Vorfall die Kapazitäten lokaler Einrichtungen übersteigen und Unterstützung aus Nachbarländern sowie spezialisierten Netzwerken erforderlich machen kann.

Die Übung im Oktober wird einen anderen Druckpunkt in den Mittelpunkt stellen: eine Katastrophe, die die Infrastruktur in mehreren Kantonen beschädigt und gleichzeitig den Bedarf an Rettungs-, Logistik- und Führungsressourcen erhöht. Der Schweizer Zivilschutz, die Armee und die kantonalen Behörden werden im Rahmen einer gemeinsamen Übungsstruktur mit ausländischen Teilnehmenden zusammenarbeiten.

Für die Einwohnerinnen und Einwohner von Genf, Waadt und Freiburg wird das sichtbare Geschehen eine geplante Simulation sein. Für die Behörden wird sie Koordinationslücken aufdecken, die sich in Sitzungszimmern nur schwer erkennen lassen. Die Ergebnisse werden in die breitere Debatte der Schweiz darüber einfliessen, ob sie dem UCPM beitreten soll, sobald der europäische Rechtsrahmen dies zulässt.