Umwelt
Die Schweiz kämpft gegen schwere Dürre: Helikopter liefern Wasser, Stauseen auf tiefstem Stand seit 20 Jahren
Eine zunehmende Dürrekrise erfasst die Schweiz. Sie macht Notmassnahmen wie Wassertransporte mit Helikoptern zu Alpenbetrieben erforderlich und führt dazu, dass der Einsatz von Schneekanonen zur Brandbekämpfung erwogen wird, während Flüsse und Stauseen den tiefsten Stand seit zwei Jahrzehnten erreichen.

Den lebenswichtigen Schweizer Stauseen sind nur noch erschütternde 46 Prozent ihrer Kapazität geblieben. Das ist der tiefste Stand seit 20 Jahren und hat in der Bundesverwaltung Besorgnis ausgelöst. Dieser Wert liegt ganze 16,4 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der letzten zwei Jahrzehnte und macht die grosse Verwundbarkeit eines Landes deutlich, das oft als «Wasserschloss Europas» bezeichnet wird. Die Krise ist eine direkte Folge einer katastrophalen Kombination: auf einen Winter mit wenig Schneefall folgte ein Frühling, der zu den trockensten seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1864 zählt. In den 61 000 Kilometern Flüssen und Bächen sind die Wasserstände auf «aussergewöhnlich tiefe» Werte gesunken, worauf das Bundesamt für Energie Alarm schlug. Die Landschaft ist zwar weiterhin geprägt von ikonischen Naturbildern, doch die Realität unter der Oberfläche ist düster. Die Dürre ist keine drohende Gefahr mehr, sondern ein akuter Notfall. Während Hitzewellen das Schweizer Mittelland aufheizen, wird die Infrastruktur, die unsere Haushalte mit Strom versorgt und unser Vieh tränkt, an ihre absolute Belastungsgrenze gebracht. Das ist nicht einfach eine Trockenperiode, sondern ein grundlegender Wandel der Schweizer Klimarealität, der sofortige und entschlossene Massnahmen erfordert.
Lebensadern für die Alpen: Helikopter kämpfen gegen die Hitze
Vor Kurzem waren zwölf Helikopterflüge der Armee nötig, um im Gebiet Schänis/Amden Nutztiere zu retten. Diese verzweifelte Massnahme wird für die Schweizer Alpwirtschaft zunehmend zur neuen Normalität. Im Kanton St. Gallen ist die Lage kritisch geworden. Auf den Alpweiden, besonders in den Karstgebieten der Churfirsten, versickert Regenwasser sofort. Das lässt das Vieh durstig zurück und gefährdet die Käseproduktion, einen Grundpfeiler des Schweizer Kulturerbes. Da für die Käseproduktion streng zertifiziertes Trinkwasser erforderlich ist, können sich die Bauern nicht einfach auf stehende Tümpel verlassen. Der logistische Aufwand ist enorm: Wenn die Infrastruktur ausfällt, müssen die Schweizer Armee und private Anbieter Tausende Liter Wasser zu abgelegenen Berggipfeln fliegen. Diese Luftbrücke ist jedoch mit grosser bürokratischer Unsicherheit verbunden. Ein neuer parlamentarischer Vorstoss in St. Gallen weist auf einen chaotischen Mangel an Koordination hin. Die Bauern fragen sich, wer die Kosten dieser teuren Flüge übernehmen wird. Da in der Region Zürichsee-Linth weniger Niederschlag fällt als in den Nachbarregionen, werden die Unterschiede zwischen den Regionen grösser. Die Regierung bemüht sich nun, mehr Alpenbetriebe an die öffentlichen Wasserleitungen anzuschliessen. Für viele ist der Helikopter jedoch weiterhin das Einzige, was zwischen dem Überleben und dem vollständigen Zusammenbruch der Landwirtschaft steht.
Wintertechnik neu gedacht: Schneekanonen im Kampf gegen Waldbrände
Eine Million Liter Wasser pro Stunde: Diese Abwehrkapazität wird nun mithilfe von Beschneiungsanlagen genutzt, um der zunehmenden Waldbrandgefahr zu begegnen. Schweizer Skigebiete wie Adelboden-Lenk setzen ihre Schneekanonen im Sommer neu zur Brandbekämpfung ein. Da das Bundesamt für Umwelt die Brandgefahr im ganzen Land als «hoch» oder «sehr hoch» einstuft, geht das Berner Oberland voran und bezieht die Speicherseen der Skigebiete in die Notfallplanung ein. Allein der Speichersee Leiterli fasst 60 Millionen Liter Wasser. Dieser umfangreiche strategische Vorrat kann von den Feuerwehren innerhalb weniger Minuten angezapft werden. Mithilfe bestehender Hochdruckleitungen und Hydranten können Behörden ganze Berghänge in riesige Sprinklerzonen verwandeln. Die Strategie, die von erfolgreichen Einsätzen in Kalifornien und Australien inspiriert ist, stellt eine radikale Anpassung der touristischen Infrastruktur dar. Einige befürchten, dass dadurch Wasser verbraucht werden könnte, das für die Wintersaison benötigt wird. Die Betriebsleitungen betonen jedoch, dass die Verhinderung einer vollständigen Zerstörung des Waldes und der Anlagen oberste Priorität hat. In einer zunehmend trockenen Schweiz erweisen sich die Werkzeuge der Skiindustrie als besonders wirksame Mittel im Kampf gegen eine Landschaft, die zum Zunderfass geworden ist.
Die trügerische Gletscherreserve und die Energiefrage
Schmelzwasser der Gletscher verdeckt derzeit das wahre Ausmass der Krise. Es sorgt vorübergehend für höhere Zuflüsse, doch Fachleute warnen, dass dieser Effekt nicht anhalten wird. Während Energiekonzerne wie Alpiq berichten, dass die jüngste Hitze den Zufluss in Stauseen wie die Grande Dixence tatsächlich erhöht hat, ist dieser «Hoffnungsschimmer» auf eine schwindende Grundlage gebaut. Der Glaziologe Matthias Huss warnt, dass der Puffer der Gletscher schon in zwei bis drei Jahrzehnten verschwunden sein wird. Damit verliert die Schweiz ihren natürlichen Wasserspeicher für den Sommer. Das trübt die Aussichten für die Energieversorgung. Derzeit deckt die Speicherkraft ein Fünftel des Schweizer Winterstroms. Die Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom) betont zwar, dass keine unmittelbare Gefahr eines Blackouts besteht, doch der Spielraum für Fehler wird kleiner. Das Land muss sich nun einer Zukunft stellen, in der seine verlässlichste Energiequelle zunehmend von unberechenbaren Wetterlagen abhängt. Der tiefste Stauseestand seit 20 Jahren ist ein unüberhörbarer Weckruf. Die Schweiz muss nun entscheiden, ob sie ihre Investitionen in die Infrastruktur verstärkt oder sich einer Zukunft stellt, in der sowohl die Wasserhähne als auch die Turbinen trockenlaufen. Die Entscheidungen während dieser Dürre werden die Widerstandsfähigkeit des Landes im nächsten halben Jahrhundert prägen.