Politik
Die Debatte um «Nein zu 10 Millionen»: Wirtschaft gegen Identität bei der Schweizer Abstimmung über die Zuwanderung
Ein genauer Blick auf die umstrittene Initiative «Nein zu 10 Millionen», die laut Umfragen an Zustimmung gewinnt. Während Wirtschaftsführer vor wirtschaftlichen Schäden warnen, belebt die Debatte eine langjährige Diskussion über die Identität der Schweiz, ihre Wirtschaft und ihre Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften.

Die Schweiz steht an einem demografischen Scheideweg, während die Initiative «Nein zu 10 Millionen» in den Umfragen zulegt. Dieser von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) unterstützte Vorstoss von rechts will die Zuwanderung stark bremsen, bevor die Bevölkerung des Landes die symbolische Grenze von zehn Millionen erreicht. Jüngste Umfragen deuten darauf hin, dass eine knappe Mehrheit der Stimmberechtigten die Vorlage unterstützen dürfte, was auf einen tiefgreifenden Wandel der öffentlichen Stimmung hindeutet. Die Befürworter argumentieren, der unaufhörliche Zustrom von Ausländerinnen und Ausländern belaste den Wohnungsmarkt, das Gesundheitswesen und den öffentlichen Verkehr des Landes bis an die Belastungsgrenze. Sie zeichnen das Bild einer Schweiz, die durch «Überbevölkerung» ihre Seele verliere, und fordern eine Rückkehr zu strikter Souveränität. Doch die Debatte ist noch lange nicht entschieden. Kritiker warnen, eine Annahme der Initiative wäre ein «Katalysator für Hass» und könnte das soziale Gefüge eines Landes zersetzen, das seit Langem auf internationale Fachkräfte angewiesen ist, um seinen Erfolg zu sichern. Während die Abstimmung vom 14. Juni näher rückt, steht das Land vor einer grundlegenden Frage: Kann die Schweiz die Schweiz bleiben und gleichzeitig ihre Türen zur Welt schliessen?
Detailhandelsriesen schlagen Alarm wegen wirtschaftlicher Folgen
Erstaunliche 90 % der Beschäftigten in den Fleischverarbeitungsbetrieben von Migros sind ausländische Staatsangehörige. Diese Zahl unterstreicht, wie stark der Detailhandelsriese auf zugewanderte Arbeitskräfte angewiesen ist. Mario Irminger, CEO von Migros, dem grössten Arbeitgeber der Schweiz mit über 100 000 Mitarbeitenden, hat eindringlich gewarnt: Die Wirtschaft könne ohne diese Arbeitskräfte nicht bestehen. «Wir sind auf sie angewiesen», erklärte Irminger. Dienstleistungen und Lieferketten würden unweigerlich zusammenbrechen, sollte die Initiative angenommen werden. Dies betrifft nicht nur den Detailhandel: Auch der Schweizerische Arbeitgeberverband und Economiesuisse haben sich in die Debatte eingeschaltet. Sie argumentieren, ein Wegfall der Arbeitskräfte aus der EU würde die Innovation bremsen und die Steuereinnahmen sinken lassen. Bei der Fleischverarbeitungstochter Micarna sind 60 % der gesamten Belegschaft Ausländerinnen und Ausländer. Sie übernehmen Tätigkeiten, die Schweizerinnen und Schweizer schlicht nicht ausüben wollen. Der Gegensatz ist deutlich: Während die SVP die Belastung der Infrastruktur in den Vordergrund stellt, sehen Wirtschaftsführer eine existenzielle Bedrohung für den Schweizer Lebensstandard. Ohne einen stetigen Zustrom von Arbeitskräften droht die «Leistungsfähigkeit», die die Schweizer Wirtschaft auszeichnet, dauerhaft und massiv abzunehmen.
Ein sechzigjähriger Kampf um die nationale Identität
In den vergangenen 60 Jahren hat es in der Schweiz 20 fremdenfeindliche Initiativen gegeben. Das zeigt, dass die Angst vor «Überfremdung» tief in der politischen DNA des Landes verankert ist. Die heutige Bewegung «Nein zu 10 Millionen» geht direkt auf die Schwarzenbach-Initiative von 1970 zurück. Diese wollte den Ausländeranteil auf 10 % begrenzen und hätte 350 000 Menschen zur Ausreise gezwungen. Die Vorlage scheiterte mit 54 % Nein-Stimmen, allerdings erst, nachdem der Bundesrat strikte Kontingente eingeführt hatte, um die Bevölkerung zu besänftigen. Heute klingt die Rhetorik unheimlich ähnlich. Die Zuwanderung hat den Wohlstand der Schweiz zweifellos gesteigert, zugleich aber in der Bevölkerung immer wieder Gefühle der Entfremdung ausgelöst. Politikwissenschaftler weisen darauf hin, dass die direkte Demokratie die Schweiz zu einer weltweiten Vorreiterin in der Migrationskritik macht: Sie ermöglicht es den Bürgerinnen und Bürgern, die «politische Elite» zu umgehen und ihre Sorgen zum Ausdruck zu bringen. Die heutige Zuwanderung besteht jedoch nicht mehr nur aus italienischen Arbeitskräften wie in den 1960er-Jahren. Sie umfasst auch Ärztinnen und Ärzte, Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Beschäftigte im Dienstleistungssektor, die den modernen Schweizer Betrieb am Laufen halten. Der historische Kreislauf setzt sich fort, doch die wirtschaftlichen Folgen standen noch nie so stark auf dem Spiel.
Hohe Einsätze im Binnenmarkt
Ein Ja zu Begrenzungen der Zuwanderung wäre keine isolierte Entscheidung, sondern eine direkte Bedrohung für den Zugang der Schweiz zum europäischen Binnenmarkt. Fachleute warnen, die Grundsätze des freien Personen-, Kapital- und Warenverkehrs seien untrennbar miteinander verbunden. Schränkt die Schweiz die Arbeitskräfte aus der EU einseitig ein, könnte die Guillotine-Klausel ausgelöst werden und damit die privilegierte Wirtschaftsbeziehung des Landes zu seinem wichtigsten Handelspartner beenden. Das bedeutete mehr als zusätzliche Kontrollen an Flughäfen: Es würde den Kapitalfluss und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Exporte gefährden. Gleichzeitig macht sich die demografische Realität bemerkbar: Die Zuwanderung hält die Schweiz derzeit jung und gleicht die Alterung der einheimischen Bevölkerung aus. Einige Stimmberechtigte argumentieren, künstliche Intelligenz und Robotik könnten die Lücke füllen, doch Wirtschaftsführer bleiben skeptisch. Sie halten die «intoleranten Kulturen», vor denen sich manche fürchten, für ein zweitrangiges Problem im Vergleich zum unmittelbaren Risiko der wirtschaftlichen Isolation. Je näher die Abstimmung rückt, desto mehr müssen die Schweizer Stimmberechtigten entscheiden, ob ihnen der Erhalt einer vermeintlichen nationalen Identität den Preis einer zerrissenen Wirtschaft und einer gekappten Verbindung zum europäischen Kernraum wert ist.