Gesellschaft
Religionszugehörigkeit in der Schweiz nimmt weiter ab
Der Anteil der konfessionslosen Bevölkerung in der Schweiz ist auf 36 Prozent gestiegen und übertrifft damit sowohl die katholische als auch die protestantische Zugehörigkeit. Dies markiert einen bedeutenden Wandel in der religiösen Demografie.

Die Ära der religiösen Vorherrschaft in der Schweiz ist offiziell vorbei. In einem historischen und unumkehrbaren Wandel hat sich die konfessionslose Bevölkerung als mit Abstand grösste Gruppe im Land etabliert. 2023 erreichte der Anteil mit 36 Prozent einen Rekordwert. Menschen ohne Glauben haben ihren Vorsprung ausgebaut und lassen traditionelle Institutionen um ihre Bedeutung ringen. Das ist keine vorübergehende Schwankung, sondern eine grundlegende Neugestaltung der Schweizer Gesellschaft.
Noch ein Jahr zuvor lag dieser Anteil bei 34 Prozent. Der rasante Anstieg hält unvermindert an. Damit ist die säkulare Bevölkerung bereits das zweite Jahr in Folge grösser als die katholische und die evangelisch-reformierte Gemeinschaft. Die vom Bundesamt für Statistik veröffentlichten Daten zeichnen ein klares Bild: Die «Norm» in der Schweiz bedeutet nicht mehr, in der Kirchenbank zu sitzen, sondern sich entschieden von organisierter Religion abzuwenden. Wir erleben den Aufstieg einer säkularen Schweiz, in der die individuelle Selbstbestimmung Vorrang vor institutionellen Dogmen hat.
Traditionelle Pfeiler bröckeln
Während der Säkularismus zunimmt, befinden sich die historischen religiösen Pfeiler der Schweiz im freien Fall. Die Zahlen sind unerbittlich. Die römisch-katholische Kirche, einst das Fundament des spirituellen Lebens in der Schweiz, ist auf 31 Prozent gesunken und setzt damit ihren schmerzhaften Abwärtstrend fort. Noch dramatischer ist der Einbruch bei der evangelisch-reformierten Kirche, der nur noch 19 Prozent der Bevölkerung angehören.
Für die protestantische Gemeinschaft ist das Unterschreiten der Schwelle von 20 Prozent ein psychologischer und kultureller Schlag. Diese Institutionen verlieren nicht nur Mitglieder, sondern auch massiv an Einfluss. Aus dem stetigen Abgang ist ein Strom geworden, angetrieben von einer modernen Bevölkerung, die traditionelle Strukturen immer häufiger als unvereinbar mit zeitgenössischen Werten betrachtet. Mit dem Rückgang dieser Zahlen schwindet auch die kulturelle Autorität, welche die Kirchen einst in Politik und Bildung ausübten. Es entsteht ein Vakuum, das von säkularem Humanismus und individueller Spiritualität gefüllt wird.
Rituale ohne Glauben
Die Kirchen, die noch bestehen, dienen zunehmend bloss als Kulisse für gesellschaftliche Verpflichtungen statt einer spirituellen Erneuerung. Erstaunliche 87 Prozent der Menschen, die ein- bis fünfmal pro Jahr einen Gottesdienst besuchen, geben zu, dass sie dies ausschliesslich aus sozialen Gründen tun. Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen sind zu kulturellen Stationen statt zu Ausdrucksformen des Glaubens geworden.
Dieses Phänomen des «Dazugehörens ohne Glauben» wird durch eine erstaunliche Statistik vom November 2024 weiter verdeutlicht: Mehr als die Hälfte der Schweizer Wohnbevölkerung gibt inzwischen ausdrücklich an, nicht an Gott zu glauben. Für eine Trauung mögen sich die Kirchenbänke kurzzeitig füllen, doch die Überzeugung fehlt. Die Schweizerinnen und Schweizer trennen pragmatisch die Zeremonie vom Glaubensbekenntnis. Sie nutzen die Kirche für wichtige Lebensereignisse und lassen die Theologie vor der Tür. Der Glaube wurde durch eine Funktion ersetzt.
Die nächste Generation kehrt den Kirchen den Rücken
Wenn die aktuellen Zahlen für die Religionsgemeinschaften alarmierend sind, sieht die Zukunft noch düsterer aus. Der Nachwuchs bleibt aus. Daten zeigen, dass 2019 fast ein Drittel der unter 15-Jährigen keiner Religion angehörte. 2014 waren es erst ein Viertel gewesen. Gleichzeitig sank der Anteil protestantischer Kinder im selben Fünfjahreszeitraum von 23,1 auf 19 Prozent.
Dies ist der entscheidende Hinweis, der das Schicksal der organisierten Religion in der Schweiz besiegelt. Der Glaube wird nicht mehr weitervererbt. Eltern ziehen eine Generation ohne konfessionelle Etiketten gross und unterbrechen damit die Traditionskette. Wenn diese Altersgruppe erwachsen wird, dürfte sich die Säkularisierung weiter beschleunigen. Die Schweiz verliert ihre Religion nicht nur heute, sondern sorgt auch dafür, dass sie für die Bürgerinnen und Bürger von morgen ein Relikt der Vergangenheit bleibt.