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Swiss Observer

Zürich macht Pionierarbeit bei der hochtechnologischen städtischen CO2-Überwachung

Zürich beteiligt sich mit Paris und München an einem europäischen Pilotprojekt, das die stadtweite Erfassung von CO2-Emissionen mit moderner Sensortechnik revolutionieren soll.

Zürich macht Pionierarbeit bei der hochtechnologischen städtischen CO2-Überwachung
AISWI swissinfo.ch

Die Ära der Schätzungen ist vorbei. Seit Jahrzehnten stützen sich Städte auf grobe Berechnungen und "Bottom-up"-Inventare, um ihren CO2-Fussabdruck zu erraten, indem sie Autos zählen, Heizkessel erfassen und hoffen, dass die Rechnung aufgeht. Zürich verzichtet nun aufs Raten. Da Städte heute für erstaunliche 75 % der vom Menschen verursachten globalen CO2-Emissionen verantwortlich sind, ist der Spielraum für Fehler verschwunden. Die schweizerische Finanzmetropole leitet nun einen radikalen Wandel ein: weg von theoretischen Tabellen, hin zur harten, atmosphärischen Realität.

Zusammen mit Paris und München beteiligt sich Zürich am bahnbrechenden Pilotprojekt ICOS Cities und setzt ein ausgeklügeltes Überwachungsnetz für Treibhausgase ein. Es geht dabei nicht nur um Compliance, sondern darum, sich der Wahrheit über die städtische Verschmutzung zu stellen. Die bisherigen jährlichen Schätzungen sind oft veraltet und ungenau, sodass politische Entscheidungsträger im Blindflug agieren. Mit dem Wechsel zu einem beobachtungsbasierten Modell beseitigt Zürich die Unklarheit. Die Stadt fragt nicht mehr, wie viel sie möglicherweise ausstösst, sondern misst genau, was den Himmel gerade belastet. Dieser Schritt signalisiert einen dramatischen Richtungswechsel in der globalen Stadtplanung: Wer etwas nicht präzise messen kann, kann es auch nicht mit Gewissheit reduzieren.

Das Mandat 2040: Ein Wettlauf gegen die Zeit

Zürichs Ehrgeiz ist alles andere als zaghaft. Während die schweizerische Landesregierung Netto-Null bis 2050 anstrebt, hat Zürich diesen Zeitplan um ein volles Jahrzehnt verkürzt. In einer entschiedenen Abstimmung im Jahr 2022 forderten deutliche 75 % der lokalen Bevölkerung Netto-Null bis 2040, wobei die Zustimmung in den Innenstadtquartieren auf nahezu 85 % anstieg. Das Volk hat gesprochen, und es verlangt Tempo.

Der Einsatz ist enorm hoch. Offizielle Zahlen für 2022 zeigen, dass die Stadt 2,4 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente ausgestossen hat. Dies entspricht zwar einem deutlichen Rückgang von 37 % seit 2012, bleibt jedoch eine grobe Schätzung, eine "beste Vermutung", die für die präzisen Massnahmen, die zur Beseitigung des verbleibenden Kohlenstoffs nötig sind, nicht ausreicht. Lukas Emmenegger, Leiter des Labors für Luftschadstoffe an der Empa, argumentiert, dass dieses beschleunigte Ziel ohne verlässliche Daten nicht erreichbar sei. "Zürich zählt derzeit alle seine Autos ... und multipliziert diese mit Emissionsfaktoren", erklärt Emmenegger. Diese Methode ist überholt. Um das Ziel 2040 zu erreichen, muss die Stadt genau bestimmen, woher jede Tonne Kohlenstoff stammt, und so den Übergang von passiver Berichterstattung zu aktivem, datengestütztem Handeln vollziehen.

Ein unsichtbares Netz: Die Technologie, die jeden Atemzug verfolgt

Um den unsichtbaren Feind zu erfassen, hat Zürich ein hochtechnologisches Netz über die Stadtlandschaft gespannt. Es handelt sich nicht um ein einzelnes Gerät, sondern um ein koordiniertes Arsenal von Sensoren, die Treibhausgase mit beispielloser Genauigkeit aufspüren sollen. Die Empa hat eine Flotte von Instrumenten installiert, die von kostengünstigen Sensoren, die an Strassenlaternen und Bäumen an 60 verschiedenen Standorten befestigt sind, bis zu komplexen, hochpräzisen Geräten reichen, die auf Mobilfunkantennen montiert sind.

Das Herzstück dieser Anlage steht auf einem Hochhaus in Hardau im Stadtzentrum. Hier überragt ein massiver "Eddy-Kovarianz-Sensor" die Strassen und lokalisiert Emissionen, um einen dynamischen "Flussfussabdruck" zu erstellen. Diese Technologie misst nicht nur die Konzentration, sondern verfolgt auch die komplexen Gasströme, während sie sich durch die städtische Schlucht bewegen. Um sicherzustellen, dass die Daten absolut verlässlich sind, vergleicht das Team diese städtischen Messwerte mit Hintergrunddaten von drei externen Türmen und der Hochalpinen Forschungsstation auf dem Jungfraujoch. Durch die Kombination dieser Datenströme mit fortschrittlichen Computermodellen können Wissenschaftler endlich unterscheiden, ob ein CO2-Anstieg von einem Verkehrsstau, einer Heizungsanlage oder einer natürlichen Quelle stammt. Es ist ein umfassendes atmosphärisches Audit.

Topografische Kriegsführung: Der Kampf gegen Zürichs komplexe Luft

Zürich stellt für Atmosphärenwissenschaftler im Vergleich zu seinen Partnerstädten ein Albtraumszenario dar. Während Paris in einer flachen Ebene liegt, in der sich die Luft vorhersehbar bewegt, ist Zürich eine geografische Festung, die zwischen zwei dicht bewaldeten Hügeln und einem grossen See eingeschlossen ist. Diese Gegebenheiten erzeugen unregelmässige Luftströmungen, die Treibhausgase mit frustrierender Geschwindigkeit von ihren Quellen wegtragen und so Standardmessverfahren wirkungslos machen.

Diese topografische Komplexität erfordert eine massgeschneiderte Lösung. Der See erzeugt thermische Winde; die Wälder speichern und setzen Kohlenstoff frei; die Hügel lenken die Luftströmung in unvorhersehbaren Mustern. "Zürich ist komplex", räumen die Forschenden ein und stellen fest, dass einfache Messungen in Windrichtung, die für Paris ausreichen, hier versagen. Das Projekt ICOS Cities in Zürich ist daher ein Belastungstest für die Zukunft der städtischen Klimaüberwachung. Wenn es Wissenschaftlern gelingt, Emissionen im chaotischen, windumtosten Becken Zürichs präzise zu modellieren und zu verfolgen, können sie dies überall tun. Die Stadt ist faktisch ein lebendiges Labor, das zeigt, dass Technologie selbst im schwierigsten Gelände den Schleier der Verschmutzung lüften und die Stadt für jedes Molekül CO2, das sie produziert, zur Rechenschaft ziehen kann.