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Swiss Observer

Der Kanton Zug wird zum «sicheren Zufluchtsort» für Vermögen vom Golf

Mitten im Konflikt im Nahen Osten verzeichnet der Schweizer Kanton Zug einen Zustrom von Anfragen wohlhabender Einzelpersonen, Family Offices und Unternehmen mit Sitz in Dubai, die eine stabile europäische Basis suchen. Schweizer Unternehmer, die bereits in der Region tätig sind, berichten hingegen von negativen Auswirkungen auf ihre Investitionen.

Der Kanton Zug wird zum «sicheren Zufluchtsort» für Vermögen vom Golf
AISWI swissinfo.ch

Der Kanton Zug hat sich angesichts des eskalierenden militärischen Konflikts im Nahen Osten zum ultimativen «sicheren Zufluchtsort» für globales Kapital entwickelt. Eine enorme Zahl von Anfragen wohlhabender Einzelpersonen, Family Offices und multinationaler Unternehmen bringt den kleinen Schweizer Kanton mit nur 135'000 Einwohnerinnen und Einwohnern an seine Grenzen. Während sich der Krieg zwischen Israel und den USA gegen Iran verschärft, erweist sich die traditionelle sichere Anlage Schweiz einmal mehr als wertvoll. Heinz Tännler, Zuger Finanzdirektor, bestätigt, dass der Kanton trotz der bedauerlichen Umstände unbestreitbar von dieser geopolitischen Verschiebung profitiert. Vermögensverwalter berichten, dass Zug für Kundinnen und Kunden in Dubai, darunter viele führende Persönlichkeiten der Rohstoff- und Finanzbranche, nicht mehr nur ein Punkt auf der Landkarte ist, sondern das Hauptziel für eine Umsiedlung. Die Nachfrage ist so gross, dass ein Privatbankier erklärte, die Zahl der Bewerbungen von Kundenberatern bei US-Banken habe sich seit Beginn des Konflikts vervierfacht. Das ist nicht bloss ein Trend, sondern eine grundlegende Neuausrichtung der Frage, wo das mobilste Vermögen der Welt künftig seinen sicheren Hafen findet.

Dubais Immobilienmarkt bricht ein, während Raketen fliegen

Laut Goldman Sachs brach das Volumen der Immobilientransaktionen auf dem Emirate-Markt Anfang März im Vergleich zum Vormonat um enorme 49 Prozent ein. Der Glanz Dubais wird von einer harten Realität eingeholt, da Drohnen und Raketen in den Luftraum des zweitgrössten Wirtschaftszentrums der Vereinigten Arabischen Emirate eindringen. Für Schweizer Investorinnen und Investoren wie Stephan Bedoe sind die Auswirkungen unmittelbar und spürbar. «Die Investoren haben die Dinge auf Eis gelegt, während sie abwarten, was passiert», räumt Bedoe ein. Kurzfristig herrsche Stillstand. Während einige darin eine Gelegenheit sehen, angesichts der «blutigen Strassen» zu tieferen Preisen einzukaufen, herrscht insgesamt äusserste Vorsicht. Bereiche von der Hotellerie bis zur Logistik leiden unter der Unsicherheit. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) hat diese Branchen als am stärksten betroffen bezeichnet. Der Kontrast ist deutlich: Dubais Skyline ist zwar weiterhin ikonisch, doch sein Status als unantastbares Investitionsparadies wird von den Realitäten der modernen Kriegsführung auf die Probe gestellt.

Zug stösst bei Wohnraum an seine Grenzen

Man kann nicht einfach mit einem Koffer voller Bargeld in Zug auftauchen und erwarten, den Schlüssel zu einer Villa am See zu erhalten. Der Kanton kämpft derzeit mit einem gravierenden Angebotsmangel, der seinen wirtschaftlichen Aufschwung zu bremsen droht. Mietobjekte sind innerhalb von 48 Stunden vergeben, oft bilden sich Warteschlangen um den Häuserblock. Eine lokale Fachperson berichtete von einer Besichtigung einer bescheidenen Zweizimmerwohnung, zu der ein potenzieller Mieter am selben Morgen eigens aus Dubai eingeflogen war. Anja Beck von Engel & Völkers warnt, die Hürden für einen Zuzug seien weiterhin hoch, insbesondere für Personen aus Nicht-EU-Staaten. Die Aufenthaltsbewilligung ist strikt an eine Erwerbstätigkeit oder ausgehandelte Pauschalbesteuerungsvereinbarungen gebunden. Dabei handelt es sich um jährliche Pauschalbeträge, die sich nach den Lebenshaltungskosten statt nach dem weltweiten Einkommen richten. Diese «goldenen» Steuervereinbarungen müssen im Voraus bewilligt werden und bieten keine Garantie, in den gefragtesten Quartieren eine Wohnung zu finden. Die Botschaft ist klar: Zug ist offen für Geschäfte, doch die physische Infrastruktur stösst an ihre Belastungsgrenze.

Schweizer Unternehmer halten an ihrem Standort fest

Trotz Sirenen und wirtschaftlicher Verlangsamung packen die 3'800 Schweizer Staatsangehörigen in den Vereinigten Arabischen Emiraten ihre Koffer noch nicht. Für viele ist Dubai nicht bloss ein Steuerparadies, sondern ihr Zuhause. Unternehmer wie Nico Tschanz, ein 36-jähriger Vermögensverwalter aus Bern, argumentieren, eine Flucht zum jetzigen Zeitpunkt würde die Vertrauensbasis zerstören, auf der sein Geschäft beruht. «Bis heute liegen uns keine konkreten Informationen über Schweizer Unternehmen vor, die eine Einstellung ihrer Aktivitäten erwägen», bestätigt Fabian Maienfisch, Sprecher des SECO. Diese Expats bekräftigen ihr Engagement in der Region, obwohl sie einen Rückgang der Nachfrage nach neuen Unternehmensgründungen feststellen. Kritik an ihrem steuerfreien Lebensstil weisen sie zurück und betrachten ihre Präsenz als langfristige strategische Entscheidung. Während das «neue Geld» in die Alpen flieht, will die etablierte Schweizer Gemeinschaft am Golf den Sturm überstehen und setzt darauf, dass sich die Vereinigten Arabischen Emirate als widerstandsfähig erweisen, sobald keine Raketen mehr fliegen.

Lugano entwickelt sich zur strategischen Alternative

Während Zug seine Kapazitätsgrenze erreicht, richtet sich der Blick nach Süden auf Lugano. Der italienischsprachige Wirtschaftsstandort im Tessin verzeichnet einen drastischen Anstieg der Nachfrage von in Dubai lebenden Expats, denen der Zugang zur Zentralschweiz verwehrt bleibt. Anders als Zug verfügt Lugano noch über ein Angebot: Derzeit stehen rund 300 Luxusimmobilien zum Verkauf. Simon Incir von Engel & Völkers sagt, dass italienische, britische und französische Expats, die derzeit in Dubai leben, Lugano nun als valable «Plan-B»-Option ins Auge fassen. Der Kanton bietet ähnliche Vorteile bei der Pauschalbesteuerung und einen Lebensstil, der dem mediterranen Flair ähnelt, an das sich viele im Nahen Osten gewöhnt haben. Der Wettbewerb innerhalb der Schweiz um Vermögen vom Golf verschärft sich. Da der Konflikt im Nahen Osten nicht abzuflauen scheint, baut die «Schweizer Festung» ihre Mauern weiter aus. Lugano und andere flexible Kantone könnten den Andrang auffangen, der aus dem überfüllten Zug überschwappen dürfte. Die Landkarte des globalen Vermögens wird neu gezeichnet, und die Tinte dafür kommt weiterhin aus der Schweiz.