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Swiss Observer

Weltpremiere in der Schweiz: Erste Solaröfen für das Stahlrecycling

Revolutionäre solarbetriebene Öfen in La Chaux-de-Fonds sind eine Weltpremiere für das Metallrecycling. Sie sollen Abfälle aus der Uhrenindustrie mit nachhaltiger Technologie verwerten.

Weltpremiere in der Schweiz: Erste Solaröfen für das Stahlrecycling
AIThe Local Switzerland

Temperaturen von fast 2000 Grad Celsius markieren offiziell den Beginn einer neuen Ära für die Schweizer Industrie. In einer Weltpremiere, die die Grenzen nachhaltiger Produktion neu definiert, hat Panatere in La Chaux-de-Fonds zwei solarbetriebene Öfen eingeweiht, in denen Stahl allein mit der gebündelten Kraft der Sonne geschmolzen werden kann. Dies ist kein theoretischer Pilotversuch, sondern eine industrielle Realität mit voller Kraft, angesiedelt in der Wiege der Schweizer Uhrenindustrie.

Weltweit gibt es 54 Solaröfen, doch bisher hat sich keiner an die komplexe Aufgabe gewagt, Metallabfälle zu recyceln. Nun hat das Unternehmen aus dem Jurabogen diese technologische Hürde überwunden und bietet eine emissionsfreie Lösung für ein umweltbelastendes Problem. «Ich träume seit zehn Jahren von diesem Moment», erklärte Raphael Broye, CEO von Panatere. Damit endet eine zehnjährige Suche, bei der Industrieabfälle in hochwertige Barren verwandelt werden sollen. Die Anlage ist eine entschiedene Antwort auf die Klimakrise und beweist, dass die Schwerindustrie sich von fossilen Brennstoffen lösen und zugleich im Herzen Europas tätig sein kann.

Das Unmögliche möglich machen

Der technische Aufwand, um die Schweizer Sonne zu nutzen, ist enorm. Eine Koalition aus 148 Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und Fachleuten arbeitete am Bau eines Prototyps, der den Elementen trotzt. Das System besteht aus einem riesigen Heliostaten mit 140 Quadratmetern Fläche und einem Parabolspiegel mit zehn Metern Durchmesser. 500 konkave Spiegel bündeln die Sonnenstrahlen mit laserartiger Präzision. Mit diesem optischen Koloss lassen sich hochwertige Metalle in nur 1,5 Stunden schmelzen, eine Leistung, die mit solarthermischer Technologie bisher als nicht realisierbar galt.

Die Herausforderung bestand nicht nur darin, Hitze zu erzeugen, sondern auch darin, den Bedingungen standzuhalten. Die Anlage muss den heftigen Wetterwechseln im Jura trotzen, wo die Temperaturen im Winter auf minus 20 °C sinken und im Sommer auf über 30 °C steigen. Die Ingenieurinnen und Ingenieure mussten zudem Saharastaubstürme und starke Winde berücksichtigen, die die empfindlichen Spiegelanordnungen verschieben könnten. Doch das System hält stand. Die durch zwei Patente geschützte Technologie funktioniert nicht nur, sie überzeugt auch: Sie macht das unberechenbare Schweizer Wetter zu einem verlässlichen industriellen Vorteil.

Schätze in der Stadt bergen

Die Schweiz verliert derzeit enorme Mengen an Ressourcen: Jährlich importiert sie beachtliche 140 000 Tonnen Edelstahl. Auf die Luxusuhren- und die Medizinbranche entfallen zusammen mehr als 22 000 Tonnen. Panatere kehrt diese Abhängigkeit um. Indem das Unternehmen Fabrikabfälle als «Schatzkammer hinter den Fabriken» betrachtet, entwickelt es ein Modell des «Urban Mining», das dem Konzept kurzer Lieferketten wieder zu Ansehen verhilft.

Das wirtschaftliche Argument ist ebenso überzeugend wie das ökologische. Angesichts stark steigender Weltmarktpreise für Metalle und drohender Knappheit sagt Broye, es gebe «ein echtes Wirtschaftsmodell zu entwickeln», das selbst mit hohen Schweizer Löhnen rentabel bleibe. Das ist Kreislaufwirtschaft mit Konsequenz. Statt wertvolle Stahlabschnitte über Grenzen hinweg zu transportieren, können lokale Hersteller ihre Abfälle nun bei Panateres Solarschmiede wieder in den Kreislauf zurückführen und dafür hochwertige Recyclingbarren erhalten. Das ist ein mutiger Schritt hin zu industrieller Eigenständigkeit in einem zunehmend fragilen Weltmarkt.

Eine eigenständige Zukunft schmieden

Die Einweihung ist erst der Funke, das grosse Feuer steht noch bevor. Panatere hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2028 jährlich 1000 Tonnen Solarstahl herzustellen und 5 Prozent aller in der Schweiz produzierten Metalle zurückzugewinnen. Der Fahrplan sieht eine vollwertige Fabrik vor, möglicherweise auch eine Erweiterung in die Walliser Berge. Damit soll die Stellung der Schweiz als Vorreiterin der grünen Metallurgie gefestigt werden.

Unterstützt von gewichtigen Akteuren, darunter dem Bundesamt für Umwelt sowie den Kantonen Neuenburg, Jura und Bern, ist das Projekt über den Konzeptnachweis hinausgewachsen und hat nationale strategische Bedeutung erlangt. Der erste Barren aus Solarstahl wird im Internationalen Uhrenmuseum ausgestellt, als Symbol für die Entwicklung der Branche. Wie Broye festhält, handelt es sich um «echte Kreislaufnachhaltigkeit». Bis 2028 wird das Schweizer Label für mehr als nur Präzision stehen: Es wird industrielle Souveränität in einem geschlossenen Kreislauf verkörpern, die der Rest der Welt nachzuahmen versuchen wird.