Politik
Westschweizer Kantone und Polizei vereint gegen die Zuwanderungsinitiative «Nein zu zehn Millionen»
Während die Initiative «Nein zu zehn Millionen» auf eine nationale Abstimmung zusteuert, hat sich eine starke Koalition, zu der die Regierungen der Westschweiz und der Schweizerische Polizeibeamtenverband gehören, deutlich dagegen ausgesprochen. Sie warnt vor verheerenden wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Folgen.

Die Schweiz steht am Vorabend eines tiefgreifenden demografischen Wandels, während das Referendum vom 14. Juni näher rückt. Die von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) lancierte Initiative «Nein zu zehn Millionen» fordert eine absolute Bevölkerungsobergrenze. Kritikerinnen und Kritiker argumentieren, damit würde sich die Schweiz faktisch von ihren wichtigsten Partnern abschotten. Dabei geht es nicht bloss um Zahlen, sondern um die Zukunft der Schweizer Wirtschaft und ihre internationale Stellung. Die SVP hält eine Obergrenze für nötig, um die Infrastruktur und die Lebensqualität zu erhalten. Eine schlagkräftige Koalition aus regionalen Führungspersönlichkeiten und Sicherheitsexperten wehrt sich nun dagegen. Sie bezeichnet den Vorschlag als «verheerende» Fehleinschätzung, die den Realitäten einer globalisierten Welt nicht Rechnung trage.
Wirtschaftlicher Selbstmord: 460'000 fehlende Arbeitskräfte
Wenn die Initiative angenommen wird, werden der Schweizer Wirtschaft bis 2035 schätzungsweise 460'000 Vollzeitbeschäftigte fehlen. Die Konferenz der Westschweizer Kantonsregierungen warnt, dass die Bereiche Gesundheit, Bildung und öffentlicher Verkehr bereits heute vor einem gravierenden Personalmangel stehen. Ohne den stetigen Zuzug ausländischer Fachkräfte droht der Alltag in der Schweiz, von den Spitalstationen bis zum Fahrplan, zum Stillstand zu kommen. Die Wirtschaftsdaten sind alarmierend: Die Initiative bietet keinen Mechanismus, um die für das anhaltende Wachstum des Bruttoinlandprodukts unverzichtbaren Arbeitskräfte zu ersetzen. Statt den Bevölkerungsdruck zu lösen, schafft sie ein Vakuum, das die Mittelschicht aushöhlen und ältere Menschen ohne angemessene Betreuung zurücklassen könnte.
Sicherheit in Gefahr: Polizei schlägt Alarm
Die Sicherheit der Schweiz sei unmittelbar bedroht, warnt der Schweizerische Polizeibeamtenverband. Die Polizeibehörden haben eine seltene und dringliche Warnung ausgesprochen: Die Initiative gefährde die wichtige Zusammenarbeit mit den Agenturen der Europäischen Union. Sollte sie einen Ausstieg aus den bilateralen Abkommen erzwingen, riskiere die Schweiz den Zugang zu wichtigen Nachrichtendatenbanken und grenzüberschreitenden Polizeinetzwerken zu verlieren. Dabei handle es sich nicht bloss um eine politische Meinungsverschiedenheit, sondern um eine Frage der öffentlichen Sicherheit. Die Polizei argumentiert, eine Abschottung der Schweiz von den EU-Sicherheitsstrukturen würde das Land im Herzen Europas zu einem «blinden Fleck» machen und den Kampf gegen organisierte Kriminalität und Terrorismus erschweren. Die Botschaft von der Front ist klar: Ein Ja am 14. Juni bedeutet ein Ja zu einer weniger sicheren Schweiz.
Westschweizer Kantone stellen sich gegen den SVP-Kurs
Nathalie Fontanet, Präsidentin des Genfer Staatsrats, hat die Initiative als Verletzung der «kantonalen Souveränität» und der «nationalen Solidarität» scharf kritisiert. Die Westschweizer Kantone, darunter Genf, Waadt und Jura, haben sich zusammengeschlossen, um die Darstellung der SVP zu widerlegen. Für Regionen wie den Jura, dessen Bevölkerung stagniert statt stark zu wachsen, ist eine nationale Obergrenze ein grobes Mittel, das den lokalen wirtschaftlichen Bedürfnissen nicht Rechnung trägt. Die Konferenz der Westschweizer Kantonsregierungen hält fest, die Initiative biete «keine Lösung» für die tatsächlichen Probleme der Bevölkerung, etwa die Wohnkosten oder die Infrastruktur, und schaffe stattdessen eine Krise in den bilateralen Beziehungen. Dieser regionale Widerstand macht den tiefen Graben sichtbar zwischen der nationalistischen Vision der Rechtsaussenpartei und der pragmatischen, exportorientierten Realität der französischsprachigen Kantone.
Die Entscheidung vom 14. Juni: Souveränität oder Stabilität
Je näher das Referendum rückt, desto mehr steht für die Schweizerische Eidgenossenschaft auf dem Spiel. Frühere Versuche, die Zuwanderung einzudämmen, scheiterten an der Urne. Die SVP setzt jedoch auf eine Welle populistischer Unterstützung, um die Obergrenze von zehn Millionen durchzusetzen. Das beispiellose Bündnis aus Polizei, Kantonsregierungen und Wirtschaftsexperten deutet allerdings auf wachsenden Gegenwind hin. Die Wahl ist für die Stimmberechtigten klar: Entweder sie befürworten im Namen der Souveränität eine strikte Obergrenze, oder sie halten an den offenen Beziehungen fest, die den Wohlstand und die Sicherheit der Schweiz seit Jahrzehnten fördern. Wie die Abstimmung am 14. Juni auch ausgeht, der Entscheid wird das Verhältnis der Schweiz zu Europa und ihre eigene Zukunft für die nächsten 25 Jahre neu bestimmen. Die Welt schaut zu, doch die Entscheidung liegt fest in den Händen der Schweizer Stimmberechtigten.