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Swiss Observer

WEF untersucht Beziehung seines CEO zu Jeffrey Epstein

Das World Economic Forum (WEF) hat eine unabhängige Untersuchung gegen seinen CEO Borge Brende eingeleitet, um dessen Beziehung zum verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zu klären. Anlass sind Enthüllungen, wonach Brende an Treffen mit Epstein teilnahm und mit ihm in Kontakt blieb. Dies wirft Fragen zur Transparenz und Integrität auf höchster Ebene der Organisation mit Sitz in der Schweiz auf.

WEF untersucht Beziehung seines CEO zu Jeffrey Epstein
AISWI swissinfo.ch

Die makellosen Korridore des World Economic Forum stehen vor einer Abrechnung. In einem Schritt, der in der Schweizer Unternehmenslandschaft Wellen schlägt, hat das WEF eine unabhängige Untersuchung gegen den eigenen CEO Borge Brende eingeleitet. Dabei handelt es sich nicht um eine routinemässige Prüfung, sondern um eine direkte Auseinandersetzung mit der möglichen Nähe der Organisation zu einer der berüchtigtsten kriminellen Figuren des Jahrhunderts, Jeffrey Epstein. Die Untersuchung soll die genaue Art der Beziehung zwischen dem Chef der einflussreichsten Wirtschaftsorganisation der Welt und dem verstorbenen Sexualstraftäter klären.

Transparenz ist das erklärte Ziel, doch mehr steht auf dem Spiel als je zuvor. Die Untersuchung folgt auf belastende Enthüllungen, wonach Brende Epstein nicht bloss zufällig begegnete, sondern aktiv mit ihm in Kontakt blieb. Für eine Organisation, die für sich beansprucht, mit ethischer Führung die globale Zukunft mitzugestalten, treffen diese Vorwürfe den Kern ihrer Glaubwürdigkeit. Das WEF hat betont, diese Untersuchung unterstreiche sein «Engagement für Transparenz und die Wahrung der Integrität». Doch allein die Tatsache, dass eine solche Untersuchung nötig ist, deutet darauf hin, dass die Trennlinie zwischen der globalen Elite und Epsteins kriminellem Netzwerk deutlich durchlässiger war als bisher eingeräumt.

Digitale Spuren und Abendessen

Die Untersuchung stützt sich auf konkrete, unbestreitbare Begegnungen. Berichten zufolge nahm Borge Brende an mindestens drei verschiedenen Abendessen teil, bei denen Jeffrey Epstein anwesend war. Es handelte sich nicht um flüchtige Begegnungen in einer vollen Halle, sondern um vertrauliche Zusammenkünfte, die auf einen Zugang und eine Verbindung hindeuten, die nur wenigen vorbehalten sind. Zudem beschränkte sich der Kontakt nicht auf persönliche Begegnungen: Zwischen den beiden Männern gibt es eine digitale Spur aus E-Mails und Textnachrichten.

Der Inhalt dieser Kommunikation wird noch genau geprüft, doch Häufigkeit und Medium lassen auf ein Verhältnis schliessen, das der Vorstellung widerspricht, Epstein sei ein Fremder gewesen. Die italienische Nachrichtenagentur Ansa machte zuerst auf diese Treffen aufmerksam und nahm damit den Begegnungen den Anschein plausibler Abstreitbarkeit. In der Welt der globalen Diplomatie, in der viel auf dem Spiel steht, sind drei Abendessen und direkter digitaler Austausch eine Beziehung und kein Zufall. Das WEF muss nun klären, ob es sich dabei lediglich um berufliche Fehleinschätzungen handelte oder um eine tiefer verwurzelte Verbindung.

Eine Krise der Sorgfaltspflicht

Brendes Verteidigung stützt sich auf das bemerkenswerte Eingeständnis, nicht sorgfältig genug hingeschaut zu haben. Der CEO beteuert, Epstein zwar bei geschäftlichen Treffen gesehen zu haben, sich damals aber seiner kriminellen Vergangenheit und seiner räuberischen Aktivitäten überhaupt nicht bewusst gewesen zu sein. Er hat eingeräumt, er «hätte seinen Hintergrund gründlicher überprüfen können», und bedauert, dies nicht getan zu haben. Dieses Eingeständnis zeichnet das Bild eines katastrophalen Versagens bei der gebotenen Sorgfalt auf höchster Ebene der globalen Führung.

Trotz der Tragweite der Situation bleibt Brende im Amt. Er kommt seinen Pflichten als Präsident und CEO des WEF weiterhin nach und arbeitet vollumfänglich mit der Untersuchung zusammen. Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis: Der Chef der Organisation führt sie weiterhin und ist gleichzeitig Gegenstand einer Integritätsprüfung. Der Entscheid des WEF, ihn während der Untersuchung im Amt zu belassen, signalisiert Vertrauen in seine Entlastung. Zugleich besteht das Risiko, dass dies gegenüber einer Öffentlichkeit unsensibel wirkt, die zunehmend weniger bereit ist, die Straflosigkeit der Elite hinzunehmen.

Der «amerikanische Abgrund»: Reaktionen der Schweizer Medien

Die Schweizer Presse hat mit scharfer Skepsis reagiert und betrachtet die Untersuchung gegen Brende vor dem Hintergrund des breiteren Skandals um die «Epstein-Akten». Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) hielt sich nicht zurück und stellte die bissige Frage: «Man fragt sich allmählich: Wer kannte Epstein eigentlich nicht?» In Zürich und Genf herrscht grosse Enttäuschung. Die Veröffentlichung von Millionen Dokumenten durch das US-Justizministerium hat offengelegt, was Schweizer Kommentatorinnen und Kommentatoren als «amerikanischen Abgrund» bezeichnen. Sichtbar wurde ein Netz von Verstrickungen, das Politik, Wissenschaft und Wirtschaft umfasst.

Auch Le Temps in Genf brachte diese Empörung zum Ausdruck und fragte angesichts umfangreicher Schwärzungen und des Schutzes prominenter Namen: «Wie können wir der US-Regierung noch vertrauen?» Die Botschaft der Schweizer Medien ist klar: Das Establishment der Elite gilt als «völlig verrottet». Die Untersuchung gegen Brende wird nicht als Einzelfall gesehen, sondern als weiterer Dominostein, der in einer globalen Vertrauenskrise fällt. Für Schweizer Beobachterinnen und Beobachter ist die Unfähigkeit mächtiger Persönlichkeiten, sich von einem verurteilten Sexualstraftäter zu distanzieren, nicht bloss ein PR-Desaster, sondern ein moralisches Urteil über die herrschende Klasse.

Integrität am Abgrund

Das World Economic Forum bewegt sich derzeit in schwierigem Fahrwasser. Die Untersuchung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt und verschärft die bestehenden Herausforderungen rund um die Nachfolge in der Führung und die Unternehmenskultur. Da die Organisation bereits wegen der Nachfolge ihres Gründers Klaus Schwab unter Beobachtung steht, sorgt die Untersuchung gegen Brende für zusätzliche Instabilität, die sich das WEF kaum leisten kann. Das Bild des «Davos Man», kompetent, ethisch und zukunftsorientiert, wird durch diese rückblickenden Skandale beschädigt.

Sollte die Untersuchung engere Verbindungen oder Kenntnisse von Epsteins Aktivitäten zutage fördern, wären die Folgen unmittelbar und gravierend. Doch selbst wenn Brende keine böse Absicht nachgewiesen wird, ist der Rufschaden durch die Nachlässigkeit bereits entstanden. In einer Zeit, in der die Unternehmensführung absolute Wachsamkeit verlangt, ist das Eingeständnis, dass ein WEF-CEO einen Kontakt wie Epstein nicht überprüft hat, ein schwerer Schlag. Während die Untersuchung weiterläuft, beobachtet die Welt, ob das WEF seine eigene Führung tatsächlich zur Rechenschaft ziehen kann oder ob dies ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Ausweichmanöver der Elite wird.